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Wenn Gnade Unrecht ist: die Schlussstrich-Mentalität

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Der Wunsch nach dem Schlussstrich ist sattsam bekannter Ausdruck der deutschen Sehnsucht, sich selbst zu exkulpieren, um sich aus der unliebsamen Vergangenheit zu stehlen. Dabei ist die Schlusstrich-Mentalität kein Privileg der Kriegsgeneration, wie in der Debatte um die Begnadigung von RAF Terroristen deutlich geworden ist.

Deutschland war zu Beginn der 60er Jahre für viele ein zwar erfolgreiches aber zugleich enges Land, in dem sich ein guter Teil der gesellschaftlichen Würdenträger aus hochrangigen Nazis und deren opportunistischen Mitläufern rekrutierte. Tausende Richter, Lehrer und Professoren machten Karriere, unbehelligt von Justiz oder gesellschaftlicher Ächtung.

Viele Jugendliche gingen in Opposition zu ihrer kleinbürgerlichen Herkunft, suchten geistigen Aufbruch und sexuelle Befreiung. Identitätsstiftend, gleichsam kleinster gemeinsamer Nenner des Zeitgeists, waren die Opposition zum Vietnamkrieg und der Kampf gegen Springer-Presse und Konsumgesellschaft. Die Vätergeneration taugte nicht als Vorbild sondern musste sich der Frage nach ihrer schuldhaften Verstrickung mit dem Nationalsozialismus stellen. So war eine ganze Generation auf der Suche nach ihrer Identität.

Im Spannungsfeld von Identitätssuche und Orientierungslosigkeit, von sexueller Befreiung und persönlicher Verklemmtheit, formierten sich unzählige linke Gruppierungen wie SDS, APO, Kommune 1 und eben auch die RAF. Die Melange aus Kleinbürgertum und Revolutionsromantik, Idealismus und Naivität erschuf Biographien wie jene von Ulrike Meinhof, die von der pazifistischen Journalistin zur Terroristin wurde. In diesem Klima konnte ein verwöhnter, notorischer Kleinkrimineller wie Andreas Baader zum charismatischen Führer des »bewaffneten Kampfes« aufsteigen.

Dabei war die 68er Bewegung von Beginn an mit schweren Geburtsfehlern behaftet. Der Rauch revolutionärer Lagerfeuerromantik vernebelte den Blick auf die Gräueltaten sozialistischer Führer von Che Guevara bis Mao. Die Ablehnung des Vietnamkriegs endete in blankem Antiamerikanismus. Die Schwärmerei für Befreiungskämpfe mündete in blinde Solidarität mit Terroristen. Die Überwindung gesellschaftlicher Schranken mutierte zur Bekämpfung des demokratischen Rechtsstaats, die Verachtung des Bürgertums zur Missachtung der bürgerlichen Freiheiten.

Viele ehemalige 68er haben später erfolgreich den »Marsch durch die Institutionen« angetreten. Sie sind mittlerweile Anwälte, Ärzte, Werber oder Minister geworden und haben Redaktionen und Fernsehstudios erobert. Sie gehören zum Establishment und prägen die öffentliche Meinung. Und so wie ihre Väter wollen sie nicht von den Schatten ihrer Vergangenheit eingeholt werden.

Natürlich mag Joschka Fischer nicht daran erinnert werden, dass er seine politische Laufbahn als Straßenkämpfer begonnen hat. Und Otto Schily ist es heute vermutlich peinlich, dass er als RAF-Strafverteidiger die deutschen Militärbasen der USA mit dem Reichssicherheitshauptamt verglichen hat. Keiner, der einst gegen die Mär der „Isolationsfolter“ demonstriert hat, mag heute hören, dass die Protagonisten der „ersten Generation“ der RAF bis zu ihrer Verurteilung 1977 die privilegiertesten Häftlinge in der Geschichte des deutschen Strafvollzugs gewesen waren, hunderte Bücher, tägliche Versammlungen, Fernsehen und Zeitungsabos inklusive.

Viele 68er haben die Welt gesehen wie der Göttinger Mescalero, der nach der Ermordung Bubacks seine „klammheimliche Freude nicht verhehlen“ konnte (heute freut man sich ja ganz offen über den Tod seines politischen Gegners). Ihr Weltbild entsprach grundsätzlich dem der RAF, auch wenn sie zu Gewalt ein anderes Verhältnis hatten.

Nun will eine ganze Generation einen Schlussstrich unter die eigene Vergangenheit ziehen. Deswegen wurden Mohnhaupt und Klar begnadigt. Dabei ist eine vorzeitige Begnadigung gerade bei diesen beiden besonders absurd. Die Terroristen wurden wegen 9-fachen Mordes und 11-fachen Mordversuchs verurteilt. 3 Jahre Haft für ein Menschenleben sind ein unmoralischer Rabatt auf die Höchststrafe – und im konkreten Fall ganz besonders unverdient.

Beide haben sich bis heute nicht zu ihren Taten bekannt und die vollständige Aufklärung der Morde bis heute verhindert. Wegen ihres Schweigens konnte eine der mutmaßlichen Mörderinnen, Verena Becker, erst jetzt, mehr als 30 Jahre nach der Tat, verhaftet werden. Mohnhaupt und Klar sind erst Mitte 50. Sie haben die letzten 25 Jahre geatmet, geschmeckt, gerochen, gesehen, gehört und gefühlt – hinter Gittern zwar, aber 25 Jahre länger als ihre Opfer. Und sie werden noch einmal so lange in Freiheit leben. Sie sind reuelose Serienmörder. Sie kannten keine Gnade mit ihren Opfern. Sie verdienen keine Gnade von uns.

P.S.: Dass die Nachfolgepartei der SED einen Wahlsieg nach dem anderen einfährt, dass das Bild der DDR-Diktatur zunehmend von verkitschten Ostalgie-Shows geprägt wird, dass es heute schon wieder heißt “es war nicht alles schlecht”, ist ebenfalls ein Symptom der krankhaften Schlussstrich-Mentalität. Und Besserung ist nicht in Sicht.

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