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Wozu arbeiten?

17 Kommentare

Junge Familien sind hauptsächlich von Transferleistungen abhängig, ein sozialer Aufstieg durch eigene Leistung ist kaum mehr möglich. Zu diesem Schluss kommt eine aktuelle Studie aus Österreich. Sie zeigt, wie fast 2.000,- Euro Mehreinkommen im Monat zu 39,- Euro netto schrumpfen.

In Österreich lohnt es sich nicht mehr, Karriere zu machen: Eine Familie mit einem Haushaltsbruttoeinkommen in Höhe von 3.800,- Euro im Monat hat netto nur um 39,- Euro mehr zur Verfügung als eine, die mit 1.900,- Euro halb so viel verdient. Selbst wenn die Familie nur 950,- Euro brutto erwirtschaftet, fehlen ihr netto gerade einmal 439,- Euro auf die Gutverdiener mit dem vierfachen Familieneinkommen. Der Grund dafür liegt in den Transferleistungen von Bund, Ländern und Gemeinden, der Steuerprogression und den einkommensabhängigen Sozialversicherungsbeiträgen.

Eine aktuelle Studie belegt, dass beruflicher Aufstieg bestraft wird. Der Sozialstaat treibt skurrile Blüten: Steigert die 1.900,- Euro Familie ihr monatliches Bruttoeinkommen um 50,- Euro, bleiben ihr netto um 130,- Euro weniger als vorher.

Die Gliederung des monatlichen Haushaltseinkommens am Beispiel dreier Familien mit je zwei Kindern:

.    3.800,-  |   1.900,-   |      950,-   Bruttoeinkommen
.       587,-  |   1.603,-   |   2.010,-   Transferleistungen
.    3.256,-  |   3.217,-   |   2.817,-   Nettoeinkommen + Transfers

Die Zahlen beruhen auf dem Bundesland Steiermark, seien aber in anderen Bundesländern ähnlich, betonen die Autoren Franz Prettenthaler und Cornelia Sterner. Die Studie zeigt auch, dass sich Kinderkriegen vor allem für einkommensschwache Familien lohnt. Junge, karriereorientierte Menschen entscheiden sich immer öfter gegen Kinder.

Wenn man die finanzielle Anreizstruktur für oder gegen das Gebären von Kindern auf Familienebene betrachtet, die hier massiv vom Staat gestaltet wird, so muss man den Eindruck gewinnen, der Gesetzgeber möchte Kinder bereits ab dieser Einkommensklasse (Bruttohaushaltseinkommen 2.150 bis 2.900 € – das sind nicht „die Wohlhabenden“) verhindern und die gesellschaftliche Aufgabe, Kinder zu bekommen und zu erziehen ausschließlich wirklich armen Bevölkerungsgruppen übertragen. Es gilt hier empirisch zu untersuchen, inwieweit diese Anreizstruktur auch bei uns bereits eine soziale Klasse der ausschließlich auf Transfers basierenden Lebensweise mit höherer Kinderanzahl auszubilden beginnt.

Das Social Engineering der letzten Jahrzehnte trägt Früchte. Den Lebensunterhalt aus Transferleistungen zu beziehen wird zur Regel statt zur Ausnahme. Für eine ganze Generation mutieren soziale Hilfsleistungen zum regulären Einkommensbestandteil, der das real erwirtschaftete Einkommen oft um ein Vielfaches übersteigt. Während Alleinstehende mit einem Einkommen von rd. 2.700 Euro nur über rd. 60% ihres Einkommens verfügen können, beträgt das verfügbare Einkommen von Personen mit einem Einkommen von rd. 600 Euro und mehreren Kindern bis zu 590% ihres Erwerbseinkommens, also fast das Sechsfache.

Aus gegebenem Anlass ein kleiner Exkurs in die deutsche Bundeshauptstadt: 20% aller Berliner sind auf Arbeitslosengeld oder Sozialhilfe angewiesen, 37,1 Prozent der Kinder unter 15 Jahren haben Eltern, die von Hartz-IV-Leistungen leben (RP Online).

Der Wohlfahrtsstaat verhindert den sozialen Aufstieg junger Familien durch eigene Leistung, prangern die Autoren an:

Zwischen einem Bruttohaushaltseinkommen von 1.350 und 3.850 € verändert sich das verfügbare Einkommen kaum und variiert zwischen 3.000 und 3.300 €. Die Frage ,Wozu überhaupt noch arbeiten?‘ bekommt angesichts dieser Zahlen einen anderen Klang. Es handelt sich dabei nicht mehr nur um das Raunzen von zwei Wohlsituierten, die sich bei einem Sektempfang darüber beklagen, dass sie mit einem zusätzlichen Aufsichtsratsmandat zur Hälfte für den Fiskus arbeiten. Es wird ein ehrlicher Ruf der Verzweiflung von Familien in der Gründungsphase, wenn es finanziell überall mangelt, es aber aussichtslos erscheint, sich durch eigene Leistung von der derzeitigen Situation zu verbessern. Gerade in der Lebensphase mit einer naturgegebenen hohen Leistungsbereitschaft wird es jungen Familien verunmöglicht, etwas aufzubauen. Stattdessen wird Mehrleistung mit einem Grenzsteuersatz von 100 Prozent bestraft.

Auszug aus der Studie von Franz Prettenthaler und Cornelia Sterner (pdf) vom “Institute of Technology and Regional Policy (InTeReg)” der JOANNEUM RESEARCH Forschungsgesellschaft m.b.H.

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17 thoughts on “Wozu arbeiten?

  1. glaubst du, hat sich die Situation im Jahr 2011 verändert?

  2. Pingback: Der Störenfried « S t a n d p u n k t e

  3. Pingback: Steuergerechtigkeit « S t a n d p u n k t e

  4. Interessant und schon eine Anregung…

    Doch finde ich die Zählerei sinnlos, ist Familienplanung doch in den meisten Fällen (und Gott sei Dank) eine Sache von menschlichem und nicht steuerlichem Ermessen.

    Wollen besser Verdienende wirklich keine Kinder, auch wenn Sie im Schnitt schlechter finanziell abschneiden? Ich glaube es nicht. Und wenn, dann sind sie so egoistisch, dass sie besser gar keine bekommen sollten.

    WR

  5. Leider kennt die Studie offensichtlich keinen 13. und 14. Gehalt. Zudem ergibt sich der wesentliche Unterschied durch das (Bundes)kinderbetreuungsgeld, das bei einer anderen Gewichtung der Einkommen (etwa 1000 und 2800) auch bei der Familie mit 3800 brutto ausbezahlt würde.

    Insofern ist die Darstellung falsch und tendenziös. Zudem ist es wohl so, dass es nicht rein von der Leistung bzw. Karriere abhängt wieviel man verdient sondern auch von Branche, Chance, Begabung, geographischem Standort, Dienstzugehörigkeit etc. etc.

    Es mag wohl stimmen, das Transferleistungen gut aufeinander abgestimmt gehörten oder besser eine einheitliche Situation österreichweit hergestellt werden muss. Dies aber aus Gründen der Verwaltungsvereinfachung, vereinfachtem Zugang zu Transferleistungen und Chancengleichheit die nicht vom Meldezettel abhängt.

    Die Elitenflucht setzt dann ein, wenn die Lebens- und Arbeitsbedingungen schlecht sind und nicht, wenn soziale Verantwortung (im Kleinen wie im Großen) gelebt wird.

    • Die Studie unterstellt gleiches Einkommen beider Elternteile, was ja durchaus einem emanzipatorisch-fortschrittlichen Ideal entspricht. Interessant, dass Sie hier die Annahme einer eher “traditionellen” Einkommensverteilung einfordern.

      Es geht hier auch gar nicht darum, wieviel jemand aufgrund welcher Faktoren verdient, sondern darum, wieviel von diesem Verdienst bleibt.

      Dass man den Mehrverdienst innerhalb eines politisch willkürlich gesetzten Korridors praktisch zur Gänze wegbesteuert, ist eine Anmaßung des Sozialstaats, die man verurteilen oder gutheißen mag. Ein solches Regulativ als “gelebte soziale Verantwortung” zu bezeichnen, ist aber schon einigermaßen schräg. Verantwortung kann ja wohl nur eine Person leben – was hier beschrieben wird ist das genaue Gegenteil.

      • 1. Emanzipatorisch-fortschrittlich wäre es wohl auch, wenn die Kindererziehung in gleicher Weise von Mann und Frau erfolgen würde – insofern ist es bei einem 1-jährigen Kind wohl durchaus denkbar, dass ein Elternteil weniger arbeitet, was eben zur Ausbezahlung des Kinderbetreuungsgelds führt. Zugegebener Maßen ist aber die Einkommensgrenze beim Kinderbetreuungsgeld sehr zu hinterfragen … . Abgesehen von dieser theoretischem Zugang, ist die Realität wohl eine andere – und eine Studie über Transferleistungen sollte sich wohl auch an der Realität orientieren

        2. Es wird unterstellt, dass zusätzliches Einkommen (umschrieben als sozialer Aufstieg??) durch eigene Leistung erfolgt. Eigene Leistung und Leistungsbereitschaft spielt hier wohl eine Rolle, aber eben nicht nur – sondern diverse andere von mir bereits angeführte Faktoren.

        3. Der Mehrverdienst wird eben nicht zur Gänze wegbesteuert – dies lässt die Studie aber aus weil die Autoren das 13. und 14. Gehalt offenbar “vergessen” haben.

        4. Ich denke Verantwortung kann auch eine Gesellschaft leben (in einem demokratischen System, sollten dies u.a. die gewählten Vertreter unterstützen – dazu gehören auch die Gestaltung eines Steuersystems und von Transferleistungen)

        5. Nochmals – es ist sinnvoll, Transferleistungen in Summe zu betrachten – dazu gehört dann aber auch die Vermeidung von Zugangsbarrieren für selbige (etwa durch einen One-Stop-Shop, einheitliche Regelungen …).

  6. Pingback: Wozu arbeiten… « Eurojobber's Blog

  7. Vielen Dank für den Link auf die interessante Studie. Meines Erachtens wäre eine ergünzende Darstellung auf Cash-Flow Ebene aussagekräftiger.
    Also: Brutto – SV – Steuer = Netto. + Kinderbeihilfe + Kinderbetreuungsgeld etc…. abz. Kindergarten (gegebenenfalls 0) abz. Miete (mal mehr mal weniger) ergibt am Ende den Betrag X für Essen, Bekleidung etc. Wenn die Schlussfolgerungen der Studie stimmen, dann müsste dieser Betrag X bei der 2. und 3. Familie fast gleich sein.

  8. “Bruttohaushaltseinkommen 2.150 bis 2.900 € – das sind nicht „die Wohlhabenden””

    2150 EUR/Monat – Stundenlohn: 13 EUR
    2900 EUR/Monat – 17,50
    3800 EUR/Monat – 23 EUR
    (bei 38,5 Stunden/Woche)

    Krasser, wird es, wenn man das in Schilling umrechnet.
    2150 = 30.000 öS
    3800 = 53.000 öS
    (gerade mal 8 Jahre her …)
    Damals waren wohl der mit 2150 wohlhabend, der mit 53.000 reich!

    Speziell im Familenbereich finde ich die Transferleistungen okay! Allerdings wäre ich nicht für direkte Transferleistungen, sondern für spezielle Förderungen die NUR den Kinder zugute kommen. Also, Bildungsgutscheine/Sportgutscheine/Freizeitgutscheine etc. – NUR kein Bargeld an die Eltern!

    • Na ja, 53.000 brutto waren wenig mehr als 26.000 Schilling netto. Das verdienten manche Druckereiarbeiter, mittleres Management, AHS-Lehrer vor Pensionsantritt …
      Reich ist was anderes.

      Das Thema wird noch viel brisanter, wenn man sieht, dass ein geringer Teil der Bevölkerung den Großteil der Erwerbssteuern bezahlt: http://tinyurl.com/ccaj77

      Der soziale Frieden ist was wert. Aber wenn der Bogen überspannt wird, kommt es zur Entsolidarisierung der Gesellschaft und/oder zur Elitenflucht (das Phänomen haben wir schon ansatzweise). Das Resultat ist mittel- bis langfristig in jedem Fall eine Verarmung der Gesellschaft. Und das trifft dann die Schwachen wirklich hart.

  9. Ich finde die Koinzidenz mit dem Sarrazin-Artikel toll.
    Habe immer gedacht das es Österreich ein wenig besser geht als Deutschland, so kann man sich irren.

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