Weibliche Sexualität zwischen Islamisierung und Moderne

Buchbesprechung von Nasrin Amirsedghi

Die über 2500 Jahre alte Geschichte Irans nimmt uns mit auf eine Achterbahn voller Höhen und Tiefen, Schattierungen und Widersprüche und lässt uns halsbrecherisch hängen zwischen Rückständigkeit und Modernität: ein krankes Land am Kaspischen Meer!

1979 marschierte mit einem Bündnis von Intellektuellen, Studenten, Technokraten unter Führung des Klerus der Traum von der Freiheit in Richtung des zivilisatorischen Rückwärts ab… Das kranke Land wurde noch kränker. Es wird fanatisch „islamisiert“: Das Gesetz Allahs als Verfassung sichert nun dem Volk die Ungleichheit vor dem himmlischen Gesetz. Das Volk wird mit aller Brutalität resozialisiert. Zu allererst wird „die Frau“ entrechtet, entleibt und verhüllt. Das Verborgene wird nun unter islamischem Diktat nach außen gekehrt oder umgekehrt. Jede Kontaktaufnahme zwischen den Geschlechtern wird streng sterilisiert. Alles, auch das „Liebesleben“, muss nun offengelegt werden, aber doch “geheim“ bleiben, damit „sich der islamische Staat in seiner Ordnung und Macht nicht bedroht sieht“.

Liebe, Sexualität, Körper und erotische Träume der Frauen im Iran sind genau so verschleiert wie ihr geheimnisvolles Wesen. Wie sie im Laufe des Islamisierungsprozesses seit 1979 damit umgehen, welche Handlungsstrategie sie bilden, wie sie ihr „Liebesleben“ ausleben, wie sie sich selbst wahrnehmen und wie sie die Diskrepanz zwischen Tradition und Modernität erfahren, das sind die zentralen Fragen einer neuen wissenschaftlichen Studie mit dem Titel „Weibliche Sexualität im Spannungsfeld von Islamisierung und westlicher Moderne“ von Tabandeh Moghadam. Sie bezeichnet den iranischen Aufstand des Jahres 1979 als „islamisierte Revolution“ mit dem Ziel, als Modell islamischer Identität einen Gegenpol zum westlichen Sittenverfall zu etablieren, ein Modell, dem  jede Scheu fehlt, immer und nach Bedarf „die Frauen“ zum Zweck dieser Zielerreichung zu instrumentalisieren.

Mittels einer rekonstruktiven Analyse von Biographien werden vier Lebenswege aus einem Pool von ursprünglich fünfzehn befragten Frauen, geboren zwischen 1956  und 1982 (vor und nach der Revolution) und zu verschiedenen Zeiten in die Migration gegangen, in Anlehnung an eine von Gabriele Rosenthal und anderen, z.B. Ulrich Oevermann, entwickelte Methode hermeneutisch ausgewertet. Durch den Einbezug von „biographischer Einsicht bzw. Einbettung der Sozialisation in den gesamten Lebenslauf“ werden „über das Individuelle hinaus“ die „historischen und gesellschaftlichen Prozesse“ sowie die Wechselwirkung „gesellschaftlicher und islamisch-fundamentalistischer Körperkonzepte auf die körperlich-leibliche Erfahrung“ der Frauen erforscht. Darüber hinaus analysiert die Autorin die soziale Wirklichkeit aus dem Blickwinkel der Befragten.

Nach dem üblichen Teil über Theorie und Methodik der Arbeit und nach einem sozio-historischen Rückblick auf den Iran und Islam sowie auf die Migration bekommen wir eine lebendige und überaus spannende Apperzeption von Lebenswegen ganz unterschiedlicher Frauen. Die Autorin enträtselt die geheimnisvolle „Genese der Sexualität“ dieser Frauen und vergleicht die Mechanismen von „strukturellen Gemeinsamkeiten und Unterschieden“. Dabei stehen folgende Diskurse im Focus: „die individuellen Erfahrungen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen“ und „das individuelle Erleben und die biographische Bedeutung von Sexualität und Liebesleben“ der befragten Frauen.

Es ist erstaunlich zu erfahren, wie sich diese Frauen trotz des erlebten moralischen, politischen, religiösen und soziokulturellen Druckes und der staatlichen Reglementierung weiter entwickelt haben, indem sie nicht resignierten und fähig blieben, sich immer wieder auf Neues einzulassen. So wie „Lili“, die im Alter von 27 Jahren nach Deutschland einreiste und es geschafft hat, trotz ihrer traumatischen Erlebnisse sich zu entfalten und aktiv für sich Freiräume zu gestalten.

Trotz der großen Distanz zwischen der theoretischen und der konkreten Ebene der Arbeit gibt die Studie einen tiefen Einblick in Geschlechter- und Machtverhältnisse. Noch interessanter sind die Erkenntnisse über die Einblicke in das Leben der Frauen im heutigen real existierenden „islamisierten“ Iran: In Folge der Einführung von Polygamie und Zeitehe wird der öffentliche Diskurs über Sexualität indiskret und direkt vom Staat geleitet. Es entstand parallel dazu auch eine Form der weiblichen Polyandrie. Mit der Einführung der Sharia wurde eben gerade sowohl die Promiskuität als auch die sexuelle Permissivität etabliert. Im Bereich der Sexualität herrschen chaotische, ja schizophrene Verhältnisse. Alle wissen Bescheid, trotzdem bleiben erotische und sexuelle Praktiken im Geheimen und werden verschleiert. Die Doppelmoral wurde Bestandteil des Systems und zum höchst fragwürdigen Modell islamischer Identität.

Tabandeh Moghadam: Weibliche Sexualität im Spannungsfeld von Islamisierung und westlicher Moderne – eine rekonstruktive Analyse von Biographien iranischer Frauen in Deutschland. Verlag Dr. Kovač, Hamburg 2010. 347 Seite. Euro 78,00 Euro.

Wehret den Anfängen!

Matthias Döpfner, Vorstandsvorsitzender der Axel Springer AG, in seinem von der ersten bis zur letzten Zeile lesenswerten Text: “Ich möchte nicht in zwei Jahrzehnten von meinen Kindern und Enkeln gefragt werden: Warum habt ihr damals nichts getan? Ihr habt doch sehen können und sehen müssen, was passiert. Und Ihr konntet doch die Lektionen von 1938 in den Geschichtsbüchern nachlesen. Ihr wusstet doch, wohin Appeasement führt.”

… Mit der Todesstrafe wird Homosexualität hochoffiziell übrigens auch im Iran, in Sudan und Jemen, sowie in Mauretanien, Somalia, Niger und Saudi-Arabien belegt. Im Iran sind in den letzten 30 Jahren rund 4000 Männer getötet worden, die angeblich oder tatsächlich homosexuell waren.

Im Jemen darf eine Frau, die verheiratet ist und dennoch mit einem anderen Mann geschlafen hat, gesteinigt werden. Das kann in diesem und in vielen anderen muslimischen Ländern übrigens auch einer Frau passieren, die vergewaltigt wurde, sogar dann, wenn sie eine Zeugin dafür hat. Solange es einen Mann gibt, der das Gegenteil behauptet, also dass sie freiwillig Sex gehabt habe, wird sie verurteilt. Denn eine Männerstimme zählt vor Gericht so viel wie zwei Aussagen von Frauen. …

Im Iran wird eine Frau, die abends mit offenen Haaren und im Minirock ausgeht oder einen Hamburger mit Schweinefleisch isst, quasi in den Zustand der Rechtlosigkeit versetzt. Wenn ihr jemand Gewalt antut, ist sie selbst daran schuld, denn sie hat es die Tat nach offiziellem Rechtsverständnis provoziert. Ein Ehemann, der seine Frau tötet, wird im Sinne der Verteidigung seiner Ehre vom Gesetz in Schutz genommen. Mädchen können mit 13 verheiratet werden (bis vor kurzem sogar mit 9) – nach unseren Maßstäben ist das sexueller Missbrauch von Kindern. Eine Frau, die in Notwehr ihren Vergewaltiger tötet, ist von der Todesstrafe bedroht. …

Auf dem jahrhundertlangen Weg zum Weltkalifat sind den fundamentalistischen Moslems alle Mittel recht, um zuerst Israel, dann Amerika und schließlich den gesamten libertären Westen von innen zu unterminieren und von außen zu zerstören – mit Parallelgesellschaften, Selbstmordattentaten und Atomwaffen. …

Auf unsere unbeholfenen Reaktionen, auf die naiven Angebote des Dialogs, der interkulturellen Verständigung, der westlich geprägten Sehnsucht nach Harmonie und Kompromiss reagieren die Strategen des globalen Kalifats nur mit höhnischem Lachen.

Wie Deutschland, der Westen, wie die Demokratien der Welt sich dieser Herausforderung stellen – selbstbewusst, kämpferisch oder kulturrelativistisch defensiv – das wird die Schicksalsfrage der nächsten 50 Jahre sein. …

Es ist eine Gefahr des in der Freiheits-Falle sitzenden Selbstverständnisses, dass man Toleranz solange absolut setzt, bis sie zur Toleranz gegenüber der Intoleranz wird. Ein folgenschweres Missverständnis: Für die Intoleranz anderer darf es kein Verständnis geben. Nur die Intoleranz der Intoleranz erhält die Freiheit. …

Und die Deutschen? Ich fürchte: Die Deutschen haben aus dem Trauma des Dritten Reiches und des Holocaust leider überwiegend die falsche Lektion gelernt. Das nationalsozialistische Deutschland war eine von einem Diktator geführte Gesellschaft, die auf einer systematisch angelegten Freiheitsberaubug des Individuums basierte. Kollektivistisch, autoritär, ressentimentgeladen, neidgetrieben, rassistisch, nationalistisch, sozialistisch trieb Deutschland auf Vernichtungskrieg und Massenmord zu, ohne dass jemand rechtzeitig einschritt.

Die Lektion dieser Erfahrung hätte sein müssen: Nie wieder Unfreiheit, nie wieder Rassismus, nie wieder antidemokratische Autorität. Und vor allem: Mehr Wehrhaftigkeit der freien Gesellschaften.

Konkret heißt das: Wehret des Anfängen! …

» Matthias Döpfner, WELT ONLINE (pdf-Druckversion)

Der Islam und die nützlichen Idioten

Noch ein Text der nicht ganz taufrisch aber nach wie vor brennend aktuell ist.

Anders als Gaza ist Tschetschenien nicht frei, aber die Progressiven hassen Israel mehr als Russland. Die Russen haben den legitimen Kampf der Tschetschenen grausamer niedergeschlagen als die Israelis die Palästinenser je behandelt haben. Und die Kurden? Es gibt keinen kurdischen Staat, obwohl die Kurden einen gründen wollen. Türken und Iraker haben den Kurden weit Schlimmeres zugefügt als Israel jemals den Palästinensern – dennoch findet sich kein Anzeichen, dass die Progressiven die Russen oder die Türken oder die irakischen Araber hassten.

Keine der westlich-progressiven Gruppen, die „Free Gaza“ unterstützen, würden je in einem arabischen Land, in der Türkei, Gaza oder der Westbank toleriert – in Israel hingegen sind sie es. Nichtsdestotrotz haben die Progressiven die palästinensische Sache über jede andere Sache gestellt, obwohl sich das Leiden der Palästinenser im Vergleich zu anderem Leid in Asien oder Afrika sehr in Grenzen hält.

Spielen solche Fakten eine Rolle? Nein. Es geht allein um die eigene Ideologie. Hier kommen noch ein paar weitere Tatsachen. Schauen wir uns die Rate der Kindersterblichkeit in Gaza an. Es handelt sich dabei um eine Schlüsselzahl, da sie viel über Hygiene, Ernährung und medizinische Versorgung aussagt. In Gaza liegt die Kindersterblichkeit bei 17,71 von 1000. Im Vergleich zu westlichen Ländern ist das hoch. Im Vergleich zu Ägypten ist es niedrig. Ägyptens Rate liegt bei 26,2. Und wie sieht es mit der Kindersterblichkeit in der Türkei aus? Nun, die liegt bei 24,84. In der Türkei sterben mehr Neugeborene als in Gaza!

Noch ein Fakt. Das Bevölkerungswachstum. Würde Israel den Arabern in Gaza wirklich die Ernährung verweigern, müsste die Bevölkerungszahl dramatisch abnehmen. Doch das Bevölkerungswachstum in Gaza beträgt 3,29 Prozent. Es ist eines der höchsten der Welt. In Ägypten, dessen Bevölkerungszahl auch explodiert, beträgt es 1,997 Prozent.

Und die Lebenserwartung? In Gaza beträgt sie 73,68 Jahre. In Ägypten 72,4 Jahre. Und in der Türkei, dem neuen Schutzherrn Gazas, sind es 72,23 Jahre. Im Durchschnitt leben die Menschen in Gaza ein Jahr und vier Monate länger als die Menschen in der Türkei, und in Gaza geborene Babys haben eine größere Chance zu überleben, als Kinder, die in der Türkei zur Welt kommen.

Sollten die Israelis die Palästinenser töten wollen, sollten sie ihnen das Leben verkürzen und vergällen wollen, dann machen sie etwas falsch. Sie lassen sie länger leben, als die Türken leben. …

» Leon de Winter, WELT ONLINE (pdf-Druckversion)

Si tacuisses, philosophus mansisses

Der Disput zwischen dem persischen Professor, der den Iran kennt und ihn deswegen verlassen hat, und dem deutschen Professor, der den Iran einmal besucht hat und seither von dessen intellektueller Szene beeindruckt ist, geht in die zweite Runde.

Die Antwort von Professor Habermas an seinen Kollegen Dustdar irritiert: „Ich versuche, mich in Ihre Situation zu versetzen und die Bitterkeit eines Emigrantenschicksals nachzuempfinden.“, heißt es darin gleich zu Beginn von einem, von dem man eigentlich hätte erwarten dürfen, dass er seinen Verstand bemühen würde statt sein Gefühl. „Aus dieser Sicht kann ich ihre Gefühle gegenüber den Kollegen verstehen, die seinerzeit, als sie den Iran verließen, mit anderen politischen Einstellungen – und Hoffnungen – im Land geblieben sind.“, schreibt der einfühlsame Professor weiter.

Hätte er Dustdars Brief nicht nur mitfühlend gelesen sondern auch verstanden, wäre ihm vielleicht aufgefallen, dass es darin nicht um die gekränkten Gefühle eines verbitterten Staatsflüchtlings geht, zu dem Habermas seinen Kollegen freimütig erklärt, sondern um die Taktik der intellektuellen Büttel einer theokratischen Diktatur, mit der diese die nützlichen Idioten im Westen, pardon, ihre aufgeschlossenen dialogbereiten Gesprächspartner, für sich einzunehmen versuchen.

Habermas habe „von dem intellektuellen Klima, das 2002 in Teheran herrschte“ und „dem geistigen Format solcher Kollegen“ einen anderen Eindruck gewonnen als Dustdar, wie er schreibt. Offensichtlich einen positiven. Man fragt sich, was Philosophen von geistigem Format dazu bewegt, sich in den Dienst einer Diktatur zu stellen, in der schon damals Religionswächter Frauen niederknüppelten, denen der Schleier verrutscht ist, unkeusche Mädchen und Homosexuelle gehängt und Ehebrecher gesteinigt wurden. Man fragt sich auch, wie intellektuell ein Klima sein kann, in einem Land, in dem Angehörige einer missliebigen Religion, der Bahai, nicht einmal studieren dürfen und Regimekritiker im Gefängnis verrotten.

Habermas fragt sich das nicht. Er glaubt auch nicht, dass er sich „in der politischen Beurteilung des gegenwärtigen iranischen Regimes“ von Dustdar unterscheide. Was dann? War der Iran 2002 ein besseres Land als heute? Sind die faschistischen Mullahs von 2002 weniger schrecklich als die heutigen, nur weil jetzt mit Ahmadinejad ein noch gefährlicherer Irrer an der Spitze des Staates steht? Wer das glaubt, hat keinen blassen Schimmer von der iranischen Verfassung. Oder er ist der Ansicht, dass die intellektuelle Elite eines Landes keine Verantwortung für dessen Zustand trüge. Das wiederum wäre für einen deutschen Professor in der Tat nichts Neues.

Köln, den 21. September 2010

Sehr geehrter Herr Kollege Habermas,

vielen Dank für die umgehende Antwort, auch für den freundlicherweise beigelegten Text Ihres Vortrages. Ich kam gestern von einer zweiwöchigen Reise zurück, daher das verzögerte Dankeswort.

Die folgenden Zeilen sollen kurz die Intention meines Briefes mit Bezugnahme auf Ihre Antwort ergänzend ein wenig mehr explizieren und einige Punkte streifend erläutern. Ich stimme mit Ihnen völlig darin überein, dass sich eine so krasse Meinungsverschiedenheit zwischen uns, die acht Jahre nach Ihrer Reise nach Teheran erst jetzt durch einen Brief von mir in Erscheinung getreten ist, nicht durch einen kurzen Briefwechsel abwägen lässt. Das war auch keineswegs meine Absicht. Dennoch, was auch immer – sei es eben „der schlecht gewählte Aufhänger“ -,  mich dazu bewogen haben mag, Ihren damaligen Reisebericht in die Gegenwart zu holen, gerechtfertigt ist dieser Zugriff dadurch, dass sich einerseits gar nichts in Iran trotz seiner Eliten von „Format“ geändert hat, und dass andererseits der Reisebericht inhaltlich seine Geltung weiterhin bestreitet. Dies ist in Ihrer Feststellung des Sachverhalts „Meinungsverschiedenheit“ beschlossen. Was die geistige Situation der Zeit in Teheran betrifft, so besteht sie wie eh und je in einer eigenen Geborgenheit, unberührt von allem, was um sie herum geschieht.

Ihre Hauptakteure, die Sie damals dort kennengelernt und hier vorgestellt haben, betätigen nach wie vor den Leerlauf  ihrer Selbstwiederholung in Wort und Schrift. Wissen Sie, dass kein einziger dieser „philosophischen“ Reformerhelden nicht einmal im Ausland mit einem Wort angedeutet hat, dass Bahais in Iran nicht studieren dürfen? Die sehr wenigen, die sich ernsthaft bemühen, für den Hausgebrauch Humanwissenschaften aus dem Westen einzuführen, irren sich darin, sie könnten mit dem Eingeführten unsere Probleme erkennen und sie Lösungen zuführen. Dass gerade diese Wissenschaften aus der Gesamtstruktur des kulturellen, gesellschaftlichen, politischen wie auch wirtschaftlich-technischen Okzidents geschichtlich entwachsen und zwangsläufig auf dessen komplexe Zusammenhänge zugeschnitten sind, leuchtet ihnen leider nicht ein. Sie halten die okzidentale Allgegenwart für deren Allanwendbarkeit. Was wir aber vom Okzident zu lernen haben, ist, durch Methode und Übung die Fähigkeit zu transzendenz- und instanzfreiem Fragen und Denken in uns zu entwickeln und so erst zu versuchen, unsere uns selbst verkannt gebliebene Kultur in Tiefe und nach allen Seiten immanent  freizulegen, um ihre Probleme aufzuspüren und in sie hineinzudringen, und zwar ohne Heranziehung westlicher Lehren und Theorien, die allerdings wir so gut wie möglich erlernen und uns aneignen sollen. Darin sehe ich für lange Zeit unsere erste und wichtigste Aufgabe, die wir durch den Einsatz unserer besten Kräfte und die dazu erforderliche Ausdauer zu bewältigen haben.

Mit gemischtem Gefühl musste ich Ihrer Empathie begegnen, die Sie für mich zu entwickeln versucht haben. Sie verliert nämlich aus zwei Gründen an Substanz. Zum einen, weil die „Bitterkeit eines Emigrantenschicksals“, wie Sie meine Haltung hintergründig beleuchten,  das Mitgefühl bei Ihnen verursacht hat und zum anderen, weil Sie, ungewollt sicherlich, mir eine Missgunst gegenüber anderen Kollegen in Teheran unterstellen, die anders als ich, wie Sie in Ihrer Antwort unterstreichen, „mit anderen politischen Einstellungen – und Hoffnungen – im Land geblieben sind“. Damit haben Sie meine sachlichen Ausführungen wegen derer offenen Konfrontation auf persönliche Verhältnisse verkehrt.

Nun, ich bin in der Tat, ohne indifferent zu sein bzw. erscheinen zu wollen, weder Emigrant, denn ich bin bei meiner Familie und gern in Deutschland, noch ein vom Schicksalsschlag Getroffener. Sollte ich nun als ein solcher gedeutet und verstanden werden, weil ich nicht in meinem Land geblieben bin, im Gegensatz zu meinen „intellektuellen Kollegen“ in Teheran, die ich der Mittäterschaft, des Schwindels und Obskurantismus bei der Entstehung und Fortentwicklung der islamischen Katastrophe bezichtige und ihre dubiosen Aktivitäten aufzudecken versuche? Was diese „Kollegen“ sagen und schreiben ist vollkommen unter dem Niveau einer Auseinandersetzung. Diese Sachlage erschwert einem, ihnen gar zu folgen. Ihre Kritik bei dem „Historikerstreit“ etwa an Ernst Nolte zeigt, dass die angemessenen Bedingungen dafür gegeben waren. Aber deshalb haben Sie wohl keine Sympathie für ihn empfunden.

Mit meinem Brief wollte und konnte ich Sie nicht von meiner Position überzeugen. Was ich beabsichtigte, war, Ihnen eine andere Sicht der Wahrheit zugänglich zu machen. Dies scheint mir nicht gelungen zu sein. Ich versichere Ihnen jedoch freimütig, dass ich mich nicht enttäuscht fühle. Mit dem Ertrag, kurz mit Ihnen ein paar  Worte über manche Problemaspekte meines Landes gewechselt zu haben, bin ich recht zufrieden, und ich danke Ihnen nachdrücklich dafür, dass Sie sich Zeit nahmen, um meinen unüblich langen Brief zu lesen. …

Mit freundlichen Grüßen
Aramech Dustdar

Ein Philosoph in Teheran

Professor Jürgen Habermas ist einer der bedeutendsten und weltweit meist rezipierten Philosophen und Soziologen der Gegenwart. Nach einer Reise nach Teheran zeigte er sich beeindruckt von der intellektuellen Offenheit seiner Gesprächspartner: Er ortete unter msytischen Moslems eingefleischte Popperianer und schwärmte: “Wenn man mit kleinem geistigen Gepäck von Westen nach Osten  reist, tritt man in die übliche Asymmetrie der Verständigungsverhältnisse, die für uns die Rolle der Barbaren bereit halten: Sie wissen mehr über uns als wir über Sie.”

Alles Schwindel, sagt einer, von dem man annehmen darf, dass er es wissen muss. “Was Ihnen damals in Teheran repräsentiert wurde, ist nichts anderes gewesen als die Gaukelei der iranischen Intelligenz islamischer Art.”, schreibt der Philosoph und vergleichende Religionswisschenschafter Dr. Aramech Dustdar, der von 1971 bis 1980 Professor für europäische Philosophie an der Universität Teheran war. Seit 1981 lebt er in Deutschland im Exil. Dustdar setzt sich sehr kritisch mit der Kultur des Islam auseinander. Er gilt als unbeirrbarer Verfechter der iranischen Aufklärung. Seine Schriften kursieren heute als Raubdruck im Iran, vor allem in Teheran.

Auf S t a n d p u n k t e veröffentlicht Prof. Dustdar einen offenen Brief an Jürgen Habermas:

Offener Brief an Jürgen Habermas
anläßlich seiner Rede in der
New Yorker Cooper University

Köln, den 3. September 2010

Sehr geehrter Herr Professor Habermas,

zweiundzwanzig Jahre nach Michel Foucault sind Sie 2002 nach Teheran gereist, in ein Land, das sich Islamische Republik Iran nennt, und seit ihrem Entstehen vor dreißig Jahren durch unvorstellbare nackte Gewalt und totale Korruption ihre Herrschaft fortsetzt, wobei beide Dimensionen das private wie gesellschaftliche Leben in Tiefe und Breite auch erfasst haben. Foucaults Iran-Erlebnisse und -Geschichte kennen Sie natürlich. Weitaus weniger bekannt ist, dass er nach seiner endgültigen Rückkehr nach Frankreich von Iranern nichts mehr wissen wollte, dass er jede Verbindung zu den Iranern abgebrochen hat, die ihm in Teheran Kontakte mit den Führern der Revolution ermöglicht hatten, seine Ratgeber dabei waren und bei denen er während seiner zweimaligen Aufenthalte als Gast gewohnt hat.

Anders als er, kamen Sie beeindruckt von Ihrer Iran-Reise zurück. Die selbstbewussten und aufgeschlossenen jungen Menschen, vor allem Studenten und Intellektuelle, haben durch ihre Offenheit und ihr Interesse, alle möglichen Themen mit Ihnen zu diskutieren, Sie recht überrascht. Sogar „das Existenzrecht Israels“ gehörte, wie Sie hervorhoben,  zu den Gesprächsthemen, die Sie mit ihnen behandelt haben. Das alles ist für mich als Iraner ohne  weiteres vorstellbar, da wir das Talent besitzen, unser Gegenüber zu beeindrucken, sei es mit geschmeicheltem Verständnis oder vorgetäuschter Selbstsicherheit eines unerschrockenen Gegners. Davon abgesehen sind fanatische Einstellungen der iranischen Gesellschaft vom Mittelstand aufwärts untypisch. …

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Wer die iranischen Klerikalfaschisten füttert

Inzwischen weiß man, dass bis zum Beschluss der unzureichenden UN-Sanktionen und der deutlich weitergehenden neuen US- und EU-Sanktionen Mitte diesen Jahres fast niemand in der Wirtschaft ernsthaft daran dachte, den Handel mit dem iranischen Regime einzuschränken. Ganz im Gegenteil. Deutschland als nach wie vor wichtigster westlicher Handelspartner des Iran hat sein Business mit dem Regime aus Mullahs und Revolutionswächtern im ersten Halbjahr 2010 deutlich ausgebaut. Die Exporte stiegen um 14 Prozent. Die Importe sind gleich um sagenhafte 88 Prozent in die Höhe geschnellt. Und die deutsche Industrie liefert nicht irgendetwas in den Iran, sondern vor allem hoch qualitative Maschinen, chemische Produkte und Metalle, auf die die iranische Wirtschaft dringend angewiesen ist.

Ob sich daran durch die neuen EU-Sanktionen, deren konkrete nationalstaatliche Umsetzung immer noch unklar ist, maßgeblich etwas ändern wird, lässt sich heute noch nicht sagen. Klar ist, dass viele in der EU weiterhin nicht gewillt sind, eine schärfere ökonomische Gangart auch durch eine konsequente politische Isolierung des Regimes zu komplettieren.

Stephan Grigat, Die Presse

Verirrt und Verwirrt

Wenn man der Delegitmierung Israels gegenübertritt wird man neuerdings als “Antideutscher” diffamiert.

Frau Irena Wachendorff, eine nicht nur mir unbekannte Lyrikerin, hatte sich vor einigen Wochen auf der Pinwand eines anderen Facebook Mitglieds über meinen Kommentar zur Gaza Flottille echauffiert. Offenbar ist sie von der Diskussion dermaßen traumatisiert, dass Sie eine Lyriklesung kurzerhand zu einer politischen Diffamierungskampagne umfunktioniert hat. Die “Neue Rheinische Zeitung” berichtet über diese Lesung. Der völlig abstruse Artikel bezeichnet (nicht nur) mich als “Antideutschen” und strotzt vor Fehlern und Ungenauigkeiten. Indirekt unterstellt mir der Autor sogar, Frau Wachendorff “mit Kübeln von Unrat angeschüttet” zu haben. Das hat mich zu folgendem Leserbrief veranlasst:

Liebe Neue Rheinische Zeitung,

Nicht dass ich mich nicht freuen würde, weltberühmt im Rheinland zu werden. Aber Ihr Artikel strotzt dermaßen vor Fehlern und abstrusen Behauptungen, dass ich zumindest jene richtig stellen möchte, die meine Person betreffen.

Ich kenne Frau Wachendorff nicht und bin auch nicht in Facebook mir ihr verbunden. Weder habe ich ihr jemals irgendeine Post geschickt, noch hat sie jemals “einen Text von meiner Internetseite bekommen”. Der von Ihnen zitierte Text ist Teil eines Kommentars, den ich für meinen Blog verfasst habe. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich Frau Wachendorff nicht einmal gekannt (und ich habe nicht den Eindruck, dass ich dadurch etwas versäumt hätte). Wodurch Frau W. auf meinen Kommentar aufmerksam geworden ist, weiß ich nicht.

Herr Hey schreibt, auf Frau Wachendorff wäre “eine Kommentarwelle” runtergegangen. Von mir hat sie jedenfalls keinen einzigen erhalten. Mein einziger Kontakt zu ihr bestand in wenigen Diskussionsbeiträgen auf der Pinwand eines anderen Facebook Mitglieds, auf der Frau Wachendorff sich wiederholt durch unqualifizierte und diffamierende Kommentare hervorgetan hat. Sie hat auf den Pins anderer Facebook Mitglieder gepostet, nicht ich auf ihrer.

Wer die “Antideutschen” sein sollen weiß ich nicht. Und schon gar nicht, warum Sie mich dieser Gruppierung zuordnen. Wenn es antideutsch ist, sich gegen die Delegitimierung Israels zu verwahren und mit den Vereinigten Staaten zu sympathisieren, hat sich diese Republik nicht zum Besseren verändert. Es ist nicht allzu lange her, dass sich “Deutschland als Teil des Westens und der europäischen Idee, als Verbündeter der Vereinigten Staaten und Israels” verstanden hat, wie Richard Wagner schreibt. Nach diesem Verständnis bin ich so deutsch wie ich als Österreicher nur sein kann.

Frau Wachendorff nimmt sich wichtiger als sie ist. Seien Sie versichert, dass meine publizistischen Aktivitäten in keinerlei Zusammenhang mit ihr stehen.

Und das nächste Mal schreiben Sie doch bitte wenigstens meinen Namen richtig. Wenn Sie mich schon mit Mittelinitial benennen: M. für Michael. Damit wenigstens irgendetwas stimmt, was Sie schreiben.

Verwundert,
Thomas M. Eppinger

Double standard

Some will call this comment of Israel’s deputy minister of foreign affairs, Danny Ayalon, Zionist propaganda. I call it an evident description of the double standard that the world applies to Israel.

A couple of years ago, a Palestinian refugee camp was encircled and laid siege to by an army of tanks and Armored Personnel Carriers. Attacks initiated by Palestinian militants triggered an overwhelming response from the army that took the life of almost 500 people, including many civilians. International organizations struggled to send aid to the refugee camps, where the inhabitants were left without basic amenities like electricity and running water. During the conflict, six U.N. personnel were killed when their car was bombed. …

While most will assume that the events described above took place in the West Bank or Gaza, they actually took place in Lebanon in the summer of 2007, when Palestinian terrorists attacked the Lebanese Army, which struck back with deadly force. The scene of most of the fighting was the Nahr al-Bared refugee camp in Northern Lebanon, which was home to the Islamist Fatah al-Islam, a group that has links with al Qaeda.

At the time, there was little international outcry. No world leader decried the “prison camps” in Lebanon. No demonstrations took place around the world; no U.N. investigation panels were created and little media attention was attracted. In fact, the plight of the Palestinians in Lebanon garners very little attention internationally.

Today, there are more than 400,000 Palestinians in Lebanon who are deprived of their most basic rights. The Lebanese government has a list of tens of professions that a Palestinian is forbidden from being engaged in, including professions such as medicine, law and engineering. Palestinians are forbidden from owning property and need a special permit to leave their towns. Unlike all other foreign nationals in Lebanon, they are denied access to the health-care system. According to Amnesty international, the Palestinians in Lebanon suffer from “discrimination and marginalization” and are treated like “second class citizens” and “denied their full range of human rights.” …

Danny Ayalon, Wall Street Journal

Ein Gespenst geht um

Ein Gespenst geht um in der Welt – das Gespenst des Zionismus. Alle Mächte der alten und der neuen Welt haben sich zu einer heiligen Hetzjagd gegen dies Gespenst verbündet, der Papst und der amerikanische Präsident, schwedische Intellektuelle und deutsche Polizisten.

Als ich in einer österreichischen Kleinstadt ins Gymnasium ging, lag Auschwitz gerade einmal 30 Jahre zurück. Die Täter lebten mitten unter uns. Als Richter, Lehrer, Ärzte oder einfache Arbeiter. Es war die Zeit der letzten großen Nazi-Prozesse, die sich die meist kurz zusammenfassen ließen: die Täter kamen ungeschoren davon. Angesichts der monströsen Verbrechen der Nazis erschien uns die Normalität des Schweigens außerhalb von Schule und Universität unfassbar. Während die älteren Generationen »einen Schlussstrich ziehen« wollten, quälte uns die Frage nach der Schuld und der persönlichen Verstrickung unserer Eltern und Großeltern in den Massenmord an den Juden. Für einen pubertierenden Jugendlichen war die Vergangenheit damals allgegenwärtig, die Gegenwart eines kleinen Landes im Nahen Osten hingegen weit entfernt. Der Generationenkonflikt lag so viel näher als der Nahostkonflikt.

Aber eines war klar, damals an der Schule und später an der Uni: Niemals würden wir es zulassen, dass jemals wieder ein ähnliches Verbrechen geschehen würde. Weder an den Juden noch an sonst jemandem. In der Praxis hat allerdings schon damals kaum jemand hingesehen, als die Khmer Rouge ein Viertel ihrer Bevölkerung ausgerottet haben. Und als 1994 in Ruanda innerhalb von drei Monaten fast eine Million Tutsis abgeschlachtet wurden – unter dem Schirm der UNO und den Augen der Weltöffentlichkeit – hat es hierzulande nicht einmal für eine Lichterkette gereicht. Hätten die Hutus statt der Tutsis die Berggorillas niedergemetzelt, hätten wir ihnen das sicher nicht so einfach durchgehen lassen. Wie auch immer. Zumindest der Antisemitismus war irgendwann als Thema abgehakt. Erledigt. Wir doch nicht. Nicht unsere Generation. Antisemiten, das waren die anderen, die Gestrigen.

Schnitt.

30 Jahre später ist der Antisemitismus wieder mitten in der Gesellschaft angekommen. Wenn Juden in Europa in ihre Schulen oder Synagogen gehen, müssen sie das unter Polizeischutz tun. England verzeichnet mehr antisemitische Übergriffe als je zuvor in der jüngeren Geschichte. Auf Facebook finden sich tausende Mordaufrufe an Juden. In Paris wird ein Jude entführt, gefoltert und ermordet, weil er Jude ist. In Toulouse wird ein Anschlag auf eine Synagoge verübt. Auch in Worms wird eine Synagoge angezündet. In Malmö trauen sich Juden kaum mehr auf die Straße, viele wandern aus. In Hannover wird eine jüdische Tanzgruppe mit Steinen beworfen. In Rostock werden die Fenster des jüdischen Gemeindehauses zertrümmert. In Duisburg stürmen Polizisten eine Wohnung um eine israelische Flagge vom Balkon zu reißen, von der sich der islamische Mob provoziert fühlt. In Bochum wird ein Student für das Tragen einer israelischen Fahne zu einer Geldstrafe verurteilt. In Kassel wird das Anbringen einer israelischen Fahne auf einem Informationsstand behördlich untersagt. „Tod Israel“ kann man auf Plakaten von Free-Gaza Demonstranten lesen, „Vergast die Juden“ ertönt es in Frankfurt.

Gleichzeitig ist die Dämonisierung Israels zur politischen Normalität geworden. Der UN Menschenrechtsrat arbeitet sich fast ausschließlich an Israel ab. Als der iranische Präsident kundtut, dass er Israel am liebsten aus den Geschichtsbüchern ausradieren würde, halten sich die Proteste in Grenzen.

Israel wird in aller Welt als „Apartheidstaat“ verleumdet. Der – überaus wirksame – Sperrzaun gegen die täglichen Selbstmordattentate wird als Pendant zur Berliner Mauer verurteilt.

Als der Angriff auf Israel (um nichts anderes handelt es sich bei dem Versuch, eine Blockade zu brechen, die verhängt worden ist, um den Waffennachschub für die Hamas einzuschränken) einer von türkischen Islamisten initiierten Flottille mit dem Tod von neun Djihadisten endet, hyperventiliert die Weltöffentlichkeit vor Empörung. Denn die türkischen Fanatiker waren schließlich nicht allein. Nützliche Idioten wie Henning Mankell, der schon zuvor Israel das Existenzrecht abgesprochen hatte, und Bundestagsabgeordnete der LINKEN waren mit an Bord.

Linke Pseudofeministinnen, die wegen eines fehlenden Binnen-I in der Stellenausschreibung einer Provinztischlerei auf der Stelle eine Petition an den Bundestag verfassen würden, ließen sich anstandslos von ihren arabischen Mitstreitern in ein eigenes Frauendeck sperren. Vom Wiener Gemeinderat bis zum deutschen Bundestag wurden einstimmig antiisraelische Resolutionen verabschiedet.

Die Schickeria erkennt die Zeichen der Zeit und stellt sich auf die Seite des politischen Mainstreams. Hollywoodstars wie Meg Ryan und Sänger wie Elvis Costello sagen lange geplante Auftritte in Tel Aviv ab, um nicht in den Verdacht zu geraten mit Israel zu sympathisieren. Letztlich läuft alles auf dasselbe hinaus: Als einzigem Staat der Welt wird Israel das Recht abgesprochen, sich zu verteidigen und seine Bevölkerung zu schützen.

Israel wird als Kolonialmacht denunziert, deren Existenz auf der Vertreibung der ursprünglichen Bevölkerung beruhe. Dabei hat Israel längst fast alle in den Verteidigungskriegen gegen seine arabischen Nachbarn eroberten Gebiete aufgegeben, vom Sinai bis zum Gazastreifen. Die Hoffnung „Land für Frieden“ blieb jedes Mal unerfüllt. Sowohl der Rückzug aus dem Libanon als auch jener aus Gaza wurde mit einer Welle von Selbstmordattentaten und fortdauerndem Raketenbeschuss vergolten. Warum die mangelnde Legitimierung Israels eine glatte Lüge ist, beschreibt Richard Herzinger in der NZZ:

„Israel wurde durch eine Abstimmung der Uno ins Leben gerufen – kein anderer Staat der Welt besitzt eine solch starke Legitimierung durch die internationale Gemeinschaft. Die Vorgeschichte seiner Gründung, die jüdische Siedlungswelle erst im Rahmen des Osmanischen Reichs, dann des britischen Mandatsgebiets Palästina in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts jedoch als eine feindliche Invasion intakten arabischen Gebietes hinzustellen, ist eine grobe Vereinfachung. Teile der arabischen Clans, die damals in Palästina das Sagen hatten, kooperierten durchaus bei dieser jüdischen «Landnahme». Erst die in den zwanziger Jahren entstandene palästinensische «Nationalbewegung», die später mit Hitler-Deutschland kooperierte, schürte den Hass gegen jegliche jüdische Präsenz in Palästina.

Wenig bekannt ist, dass es dort bereits Ende der zwanziger Jahre antijüdische – und keineswegs nur «antizionistische» – Pogrome gab. Auch jüdische Extremisten wendeten freilich Gewalt an, und nach dem Überfall arabischer Armeen unmittelbar nach der Gründung Israels kam es infolge der Kriegshandlungen zu israelischen Übergriffen gegen arabische Zivilisten. Einen systematischen israelischen Vertreibungsplan gegen die palästinensische Bevölkerung aber hat es nie gegeben. Die meisten Palästinenser verließen auf Druck und wegen falscher Versprechungen arabischer Führer das israelische Hoheitsgebiet. Wenn die palästinensische Seite jedoch auf ein pauschales «Rückkehrrecht» pocht, müsste auch von den 800 000 Juden gesprochen werden, die seit Israels Staatsgründung aus den arabischen Ländern vertrieben und vom jüdischen Staat integriert wurden.“

Die fortschreitende Delegitimierung Israels verläuft parallel zur Expansion des Islam nach der Gründung der Islamischen Republik Iran im Jahr 1979. Seit Khomeini breitet sich vom Iran eine besonders aggressive Spielart des politischen Islam über die ganze Welt aus. Heute ist Teheran der wichtigste Geldgeber der Hisbollah, die ebenso wie die Hamas die Auslöschung des Judenstaats in ihrem Programm hat. Abgesehen von den wahabistischen Extremisten in Saudi-Arabien ist Iran mittlerweile der mit Abstand wichtigste Financier islamischer Terroristen. Von allen Staatsmännern der Moderne ist Ahmadinejad der aggressivste und unverhohlenste Judenhasser seit Hitler. Er leugnet die Shoa und träumt von der Auslöschung Israels. Das macht ihn für politische Freunde wie Chavez nicht minder attraktiv, steht Ahmadinejad doch gleichzeitig an der vordersten Front gegen jenen Feind, den beide noch mehr hassen als Israel: Amerika.

Und hier schließt sich der Kreis. Das nachsichtige Wohlwollen, mit dem die Linke auf die theokratische Diktatur blickt, ist so alt wie die Islamische Republik selbst. Ende der 70er Jahre war das Schah-Regime bei den westlichen Intellektuellen so sehr verhasst, dass sie in den charismatischen Geistlichen, die so gar nicht dem aufklärerischen Ideal entsprachen, die Prototypen des postmodernen Revolutionärs sahen. Dabei lag der kleinste gemeinsame Nenner der internationalen Solidarität ausschließlich im Anti-Amerikanismus. Die verhinderten Revolutionäre von 1968 sind zehn Jahre später reihum dem revolutionären Charme der bärtigen Turbanträger erlegen.

Seither haben die Alt-68er in den Redaktionsstuben ganze Arbeit geleistet: bei einer Umfrage im Jahr 2003 sahen 59% der Europäer in Israel die größte Bedrohung für den Weltfrieden, dicht gefolgt von den USA. Dann erst folgten Nordkorea und Iran. Hinzu kommt die demographische Veränderung Europas. Juden sind in keinem europäischen Land eine nennenswerte Wählerschicht, Muslime in fast allen. Insbesondere die Sozialdemokratie hat die muslimischen Einwanderer als Klientel entdeckt, die es vor vermeintlicher Diskriminierung zu schützen gilt. Das Momentum des postmodernen Antisemitismus kommt aus dem Islam und – man muss es leider sagen – von links.

Die Dominanz der arabischen Staaten in der UNO ist in Verbindung mit dem Populismus westlicher Politiker für Israel hoch brisant. Dem Staat kommen seine Verbündeten abhanden. Die Türkei profiliert sich unter Erdogan immer mehr zur diplomatischen Speerspitze der islamischen Expansion, wird aber trotzdem vom britischen Premier Cameron umgarnt, der sich gemeinsam mit Erdogan gegen Israel stellt. Am Ausmaß der Demütigung Netanyahus bei seinem Besuch im Weißen Haus konnte man mit freiem Auge erkennen, wie sehr selbst die USA unter Obama auf Distanz gegangen sind. Und Kontinentaleuropa ist aus israelischer Sicht wohl schon längst eher Teil des Problems als Teil der Lösung.

Jeder Jude hat das Recht nach Israel zu ziehen, sei es auf der Suche nach Heimat oder auf der Flucht vor Verfolgung. Damit ist Israel der einzige Garant der Sicherheit der Juden, und zwar aller Juden weltweit. Als ein israelisches Kommando 1976 in Entebbe jüdische Geiseln, die zuvor ausgerechnet von deutschen Terroristen selektiert worden waren, aus der Gewalt Idi Amins befreite, ist das für alle Welt sichtbar geworden.

Wer die Existenz Israels als unabhängigen jüdischen Staat in Frage stellt, stellt gleichzeitig die Existenz aller Juden zur Disposition. Vieles deutet darauf hin, dass die physische Existenz der Juden seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr so gefährdet war wie heute. Niemand von uns wird einmal sagen können, er hätte nichts gewusst.

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Gaza und seine neuen Millionäre

Humanitäre Krise? Der Begriff, der oft im Zusammenhang mit Gaza gebraucht wird, ist irreführend. Von «Aushungern» könne keine Rede sein, heisst es bei Oxfam, der internationalen Hilfs- und Entwicklungsorganisation, die in Gaza mit einem Büro vertreten ist. Derzeit findet dort eine interne Debatte statt, wie man die Situation in Gaza korrekt bezeichnen solle, um sie von den Miseren in Somalia oder Haiti abzugrenzen. Es gibt in Gaza zwar viele Alarmzeichen: Achtzig Prozent der Bewohner des Gazastreifens haben keinen garantierten Zugang zu nahrhaften Lebensmitteln und sind auf Hilfe angewiesen. In den vergangenen Jahren ist Gaza verarmt und hat sich schnell rückwärts entwickelt. Das Pro-Kopf-Einkommen, das vor zehn Jahren noch 2500 Dollar betrug, ist auf 600 Dollar gefallen. «Heute geht es uns besser als morgen», sagt ein Palästinenser.
Aber: «Es gibt keine Hungersnot in Gaza», sagt Oxfam-Sprecherin Catherine Weibel. Die Versorgung ist sogar so gut, dass ein Teil der Tunnels die Aktivitäten eingestellt habe: «Die Märkte können keine zusätzlichen Waren absorbieren», sagt ein Ökonom.

Pierre Heumann, Die Achse des Guten

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