S t a n d p u n k t e


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Wehret den Anfängen!

Matthias Döpfner, Vorstandsvorsitzender der Axel Springer AG, in seinem von der ersten bis zur letzten Zeile lesenswerten Text: “Ich möchte nicht in zwei Jahrzehnten von meinen Kindern und Enkeln gefragt werden: Warum habt ihr damals nichts getan? Ihr habt doch sehen können und sehen müssen, was passiert. Und Ihr konntet doch die Lektionen von 1938 in den Geschichtsbüchern nachlesen. Ihr wusstet doch, wohin Appeasement führt.”

… Mit der Todesstrafe wird Homosexualität hochoffiziell übrigens auch im Iran, in Sudan und Jemen, sowie in Mauretanien, Somalia, Niger und Saudi-Arabien belegt. Im Iran sind in den letzten 30 Jahren rund 4000 Männer getötet worden, die angeblich oder tatsächlich homosexuell waren.

Im Jemen darf eine Frau, die verheiratet ist und dennoch mit einem anderen Mann geschlafen hat, gesteinigt werden. Das kann in diesem und in vielen anderen muslimischen Ländern übrigens auch einer Frau passieren, die vergewaltigt wurde, sogar dann, wenn sie eine Zeugin dafür hat. Solange es einen Mann gibt, der das Gegenteil behauptet, also dass sie freiwillig Sex gehabt habe, wird sie verurteilt. Denn eine Männerstimme zählt vor Gericht so viel wie zwei Aussagen von Frauen. …

Im Iran wird eine Frau, die abends mit offenen Haaren und im Minirock ausgeht oder einen Hamburger mit Schweinefleisch isst, quasi in den Zustand der Rechtlosigkeit versetzt. Wenn ihr jemand Gewalt antut, ist sie selbst daran schuld, denn sie hat es die Tat nach offiziellem Rechtsverständnis provoziert. Ein Ehemann, der seine Frau tötet, wird im Sinne der Verteidigung seiner Ehre vom Gesetz in Schutz genommen. Mädchen können mit 13 verheiratet werden (bis vor kurzem sogar mit 9) – nach unseren Maßstäben ist das sexueller Missbrauch von Kindern. Eine Frau, die in Notwehr ihren Vergewaltiger tötet, ist von der Todesstrafe bedroht. …

Auf dem jahrhundertlangen Weg zum Weltkalifat sind den fundamentalistischen Moslems alle Mittel recht, um zuerst Israel, dann Amerika und schließlich den gesamten libertären Westen von innen zu unterminieren und von außen zu zerstören – mit Parallelgesellschaften, Selbstmordattentaten und Atomwaffen. …

Auf unsere unbeholfenen Reaktionen, auf die naiven Angebote des Dialogs, der interkulturellen Verständigung, der westlich geprägten Sehnsucht nach Harmonie und Kompromiss reagieren die Strategen des globalen Kalifats nur mit höhnischem Lachen.

Wie Deutschland, der Westen, wie die Demokratien der Welt sich dieser Herausforderung stellen – selbstbewusst, kämpferisch oder kulturrelativistisch defensiv – das wird die Schicksalsfrage der nächsten 50 Jahre sein. …

Es ist eine Gefahr des in der Freiheits-Falle sitzenden Selbstverständnisses, dass man Toleranz solange absolut setzt, bis sie zur Toleranz gegenüber der Intoleranz wird. Ein folgenschweres Missverständnis: Für die Intoleranz anderer darf es kein Verständnis geben. Nur die Intoleranz der Intoleranz erhält die Freiheit. …

Und die Deutschen? Ich fürchte: Die Deutschen haben aus dem Trauma des Dritten Reiches und des Holocaust leider überwiegend die falsche Lektion gelernt. Das nationalsozialistische Deutschland war eine von einem Diktator geführte Gesellschaft, die auf einer systematisch angelegten Freiheitsberaubug des Individuums basierte. Kollektivistisch, autoritär, ressentimentgeladen, neidgetrieben, rassistisch, nationalistisch, sozialistisch trieb Deutschland auf Vernichtungskrieg und Massenmord zu, ohne dass jemand rechtzeitig einschritt.

Die Lektion dieser Erfahrung hätte sein müssen: Nie wieder Unfreiheit, nie wieder Rassismus, nie wieder antidemokratische Autorität. Und vor allem: Mehr Wehrhaftigkeit der freien Gesellschaften.

Konkret heißt das: Wehret des Anfängen! …

» Matthias Döpfner, WELT ONLINE  (pdf-Druckversion)


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Nachlese: 9/11 im ORF

Nach der Ausstrahlung des unsäglichen 9/11-Machwerks legte der ORF noch ein Schäuflein nach und lebte seine Obsession nach Verschwörungstheorien in ”Weltjournal” und ”Club 2” aus. Deshalb, und als Antwort auf die vielen Reaktionen auf meinen Beitrag, noch ein paar abschließende Worte.

Was mich wirklich wütend macht, ist die schamlose Täter / Opfer Umkehr, die mit diesen quotenschielenden Enthüllungen einher geht. Hier ist jeglicher moralische Kompass verloren gegangen.

Der Skandal besteht nicht im Film an sich, der richtet sich selbst. Der Skandal besteht darin, dass ein öffentlich-rechtlicher Sender den Eindruck erweckt, hier stünden zwei Interpretationen des selben Ereignisses gleichwertig nebeneinander. So zu tun, als hätten die wirren Ergüsse einsamer Phantasten den gleichen Stellenwert wie eine öffentliche Untersuchung vor dem US Kongress, ist einfach absurd.

Spinnern wie Wisnewki, der in seinem neuen Buch den Unfalltod Jörg Haiders als Mossad-Anschlag ”enttarnt”, wird eine Bühne geboten, auf der er seinen Unfug auf gleicher Augenhöhe mit Experten, Augenzeugen und Betroffenen absondern kann. Was kommt als nächstes, ein Club 2 mit David Irving, ob es die Gaskammern in Auschwitz wirklich gegeben hat?

Bei so monströsen Ereignissen handelt es sich um kein Laborexperiment. Daher wird es nie über alle Details zum Hergang 100%-ige Sicherheit geben können. Wir wissen bis heute nicht genau, wie die Pyramiden entstanden sind. Das ändert nichts daran, dass es sie gibt, und dass es höchstwahrscheinlich nicht die Außerirdischen waren, die sie erbaut haben.

Ich diskutiere daher auch den Hergang selbst nicht mehr. Man darf der Taktik der 9/11 Truther nicht auch noch Vorschub leisten, indem man sich ständig in die Defensive drängen lässt. Sollte jemals einer der Truther eine kongruente Darstellung über die gesamten Geschehnisse abliefern, werde ich gerne die passenden Fragen dazu stellen.

Die Quellen sind bekannt, einige habe ich zitiert. Es steht jedem frei, zu lesen. Es steht jedem frei, dumm zu sterben.

Nachtrag:Der Blödsinn als Mainstream”, ein sehr guter Kommentar von Hans Rauscher im STANDARD über die “tiefe geistige Desorientierung” des ORF. (pdf)

Und noch drei Links über den ganzen Unsinn:
9/11 Morons, für alle, die gerne lachen
Popular Mechanics, für alle, die es ganz genau wissen wollen
Mosaik 9/11, für alle, die lieber in deutscher Sprache lesen

Zum  Abschluss dieser neverending story eine ARTE-Dokumentation (5 Teile) über die Geschichte der Verschwörungstheorien, ihre antisemitischen Stereotype und ihre epidemische Verbreitung von 1789 über die Protokolle der Weisen von Zion und Lady Diana bis zu Thierry Meyssans kruden 9/11-Theorien. Vielen Dank an @Ludivico für diesen Tipp!

Und noch ein allerletzter Link: der ROLLING STONE war dabei und hat die ganze Verschwörung genau protokolliert! (pdf)


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Bildungsauftrag

Die kritiklose Verbreitung obskurer Verschwörungstheorien zu 9/11 durch den ORF ist ein handfester Skandal.

Wie soll ein öffentlich-rechtlicher Rundfunksender der Terroranschläge des 11. September gedenken? Das ZDF tat das zum Beispiel mit einer ausführlichen chronologischen Dokumentation der Ereignisse, die über weite Strecken aus der Sicht von Augenzeugen gedreht war und Opfer und Betroffene zu Wort kommen ließ, und einem anschließenden Beitrag über die geläufigsten Mythen rund um 9/11 in einer ”langen Nacht der Verschwörungstheorien”.

Wien ist anders. Und so zeigt der ORF die wirre Pseudo-Dokumentation ”9/11 – Was steckt wirklich dahinter?”, die mit allen Mitteln den Eindruck zu erwecken versucht, die Anschläge wären von den USA selbst verursacht. Ein italienischer Propagandafilm á la Michael Moore, der in dramatischem Diktus längst beantwortete Fragen aufwirft. Die alten sattsam bekannten 9/11-Mythen werden neu aufgewärmt.

Dabei agiert der ORF als Wiederholungstäter. Schon vor zwei Jahren hat er sich für die deutschsprachige Erstausstrahlung eines ähnlichen Werks hergegeben: ”9/11 Mysteries – Die Zerstörung des World Trade Centers”, der wie der heuer ausgestrahlte Film im Internet Karriere gemacht hat.

Durch das Machwerk führt der durchgeknallte Anarchist Dario Fo, der so tut, als hätte er statt des Nobelpreises für Literatur den für Statik bekommen. Zu Wort kommen selbst ernannte Experten vom Kaliber eines Gore Vidal oder Jürgen Elsässer, der vor kurzem Ahmadinejad zur Wiederwahl gratulierte und die iranischen Oppositionellen als “Discomiezen“ und „Strichjungen des Finanzkapitals” denunzierte. Das Ganze wird von einer seriösen ”Universum-Stimme” synchronisiert. Auf der ORF-Website wird die „deutschsprachige Erstaufführung“ als „penibel recherchierte Doku“ angepriesen, die „die damaligen Ereignisse in einem völlig neuen Licht erscheinen lässt“.

Es ist immer dasselbe: Man konstruiert im Nachhinein Zusammenhänge wo keine sind und bringt das Publikum mit suggestiven Fragen dorthin, wo man es haben möchte. Vermeintliche Ungereimtheiten werden aufgezeigt und Vermutungen angestellt: Eine schlüssige alternative Darstellung der Ereignisse wird nicht geliefert (wie denn auch?). Man fordert, jede noch so idiotische Behauptung im Detail zu widerlegen und jede noch so unbedeutende Einzelheit genau zu rekonstruieren, man selbst braucht aber gar nichts zu beweisen. Es reicht, den Generalverdacht zu konstruieren, den Rest besorgt dann schon die Phantasie des Publikums. Wenn dann noch Ressentiments gegen Amerika oder Israel bedient werden, kann nichts mehr schiefgehen, der Erfolg ist quasi garantiert. Das Muster funktioniert seit den Protokollen der Weisen von Zion.

Wie verblödet muss man eigentlich sein, um zu glauben, man könne ein Gebäude mit 400.000 m² Nutzfläche, in dem 50.000 Menschen arbeiten, heimlich zur Sprengung vorbereiten, wenn solche Arbeiten schon in einem leeren Industrieobjekt Monate in Anspruch nehmen? Wer flog denn in das WTC, wenn es nicht Atta & Co. waren? Wo ist denn das Flugzeug, das nicht ins Pentagon geflogen ist? Und wo sind dessen Passagiere? Mit Elvis Karten spielen?

Wirkliche Verschwörungen haben immer nur sehr wenige Beteiligte und Mitwisser. Sie sind trotzdem aufgeflogen. Von der Ermordung Cäsars bis Watergate. In unserer Zeit wird bereits der Oralverkehr eines amerikanischen Präsidenten zum publizistischen Weltereignis. Und diese Menschen glauben ernsthaft, unter der Clinton-Administration könnte eine gigantische Verschwörung, die tausende Amerikaner das Leben kostet, ausgeheckt und bis ins Detail vorbereitet worden sein, die dann unter der Bush-Regierung exekutiert wird, und nichts, rein gar nichts, dringt nach außen! Hunderte Helfer, Selbstmordattentäter, Sprengstoff- und Raketenexperten, verschwundene Flugzeuge samt Passagieren. Und alle Beteiligten halten bis heute dicht?

Welches Weltbild haben Menschen, die lieber solchen Irrsinn glauben, als zur Kenntnis zu nehmen, wozu islamische Terroristen fähig sind? Gab es dafür seither nicht mehr als genug Beispiele, von London bis Madrid, von Bali bis Mumbai? Es muss diesen Irren körperliche Schmerzen bereiten, sich damit abzufinden, dass nicht immer die blöden Amis oder der hinterlistige Jud’ schuld sind.

Es gehört bei uns nun einmal zur Meinungsfreiheit, dass auch der größte Spinner öffentlich seinem Wahn nachhängen kann. Aber dass ein staatlicher Fernsehsender, der sich mit Zwangsgebühren finanziert, den Jahrestag des furchtbarsten Terroranschlags der Geschichte, der unser aller Leben für immer verändert hat, mit diesem Unsinn begeht, ist ein handfester Skandal.

P.S. Wer sich über die von den Verschwörungstheoretikern aufgeworfenen Fragen informieren will, kann das unter anderem auf folgenden Websites tun:

http://www.spiegel.de/spiegelspecial/0,1518,435547,00.html
http://en.wikipedia.org/wiki/9/11_conspiracy_theories

http://www.debunking911.com/index.html

http://www.debunk911myths.org

http://www.911myths.com

http://emptv.com/research/loose-change
http://www.conspiracyscience.com/articles/zeitgeist

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9/11: Time To Remember

Einen der besten Texte zu 9/11 hat Bruce Bawer geschrieben, ein in Norwegen lebender amerikanischer Autor. Sein bekanntestes Buch ist “While Europe Slept – How Radical Islam Is Destroying The West From Within” aus dem Jahr 2006. Standpunkte hat den herausragenden Text, der im Original in der linksliberalen holländischen Tageszeitung De Volkskrant erschienen ist, ins Deutsche übersetzt:

Bruce Bawer:
9/11, Five Years Later: A View from Europe

Unlängst habe ich zum vielleicht 20-igsten Mal „Casablanca“ gesehen. Die Charaktere des Films bestehen aus Menschen aus den Vereinigten Staaten, Norwegen, Großbritannien, Deutschland, Frankreich, den Niederlanden, der Tschechoslowakei und Bulgarien, deren entsetzliche Erfahrungen im von den Nazis besetzten Europa sie etwas Kostbares gelehrt haben: den Wert der Freiheit. Viele sehnen sich nach einer Überfahrt nach Amerika, einem Leuchtfeuer der Freiheit in einer sich verdunkelnden Welt. In einer mitreißenden Szene beginnen Nazi-Offiziere in Rick’s Café „Die Wacht am Rhein“ zu singen und die anderen Gäste erwidern mit der Marseillaise.

Irgendetwas wie dieses Gefühl internationaler Einheit für die Sache der Freiheit hatte ich vom Westen nach 9/11 erwartet. Aber es kam nicht auf. Warum? Weitgehend aufgrund der Unfähigkeit, das Wesen des Feindes zu verstehen: Islamistischer Terrorismus wird nach wie vor von vielen als verzweifelte Antwort auf Armut, Unterdrückung und/oder westliche Außenpolitik charakterisiert und nicht als das, was es ist: Ein Jihad von Leuten, die danach trachten, den Westen zu erobern, so wie einst Mohammed Nordafrika, indem sie die Ungläubigen unterwerfen und die Scharia einführen. Erst kürzlich gestand George W. Bush endlich ein, dass wir gegen „Islamische Faschisten“ kämpfen – nur um angesichts der Kritik wieder zur leeren Phrase vom „Krieg gegen den Terror“ zurückzukehren.

Zwar verstehen manche den Feind, unterschätzen aber trotzdem seine Fähigkeiten. Die eigene Behaglichkeit kann der eigene Untergang sein: genauso wie es unvorstellbar erschienen sein mag, dass die Zwillingstürme so leicht zu Fall gebracht werden könnten, mag sich nun unsere Gesellschaft unzerstörbar fühlen, und die Vorstellung, sie verteidigen zu müssen, mag anmuten – nun, wie aus einem alten Film. Viele junge Europäer wähnen sich in einem Gefühl absoluter Sicherheit. Für das völlige Fehlen des Bewusstseins einer deutlichen, gegenwärtigen Bedrohung ihrer Freiheit gibt es noch markantere Zeichen als die Che-Guevara T-Shirts und Palästinenser Schals, mit denen sie vorgeben, sich mit dem trügerischen Glanz einer gewalttätigen Revolution gegen ihre eigene Gesellschaft zu identifizieren.

Am 11. September war ich (so wie jetzt) ein New Yorker, der in Oslo lebt. Noch an diesem Tag habe ich begriffen, dass ich meine Heimat nie verlassen hatte – denn dies war, wie mir bewusst war, nicht nur ein Angriff auf meine Heimatstadt sondern auf die ganze freie Welt. Wir waren offensichtlich im Krieg – nicht nur mit Terroristen, sondern auch mit ihren Verbündeten im Westen. Ich wusste über Letzteres bereits ein wenig Bescheid: als ich 1999 in Amsterdams Oud-West lebte, sah ich mich um und realisierte, dass ich es bisher verabsäumt hatte, ein wesentliches Teil des europäischen Puzzles zur Kenntnis zu nehmen: nämlich das Aufkommen Muslimischer Gemeinschaften, die keine vorübergehenden Phänomene waren (wie das mittlerweile verschwundene polnische Viertel in Manhattan, in dem mein Vater aufgewachsen ist), sondern der Beginn einer schnell wachsenden, sich selbst abschottenden, europäischen islamischen Gesellschaft, die immer selbstbewusster und bestimmter in ihrer Ablehnung der westlichen Werte wurde. Die Feiern in den Straßen von Ede (niederländische Provinz, Anm. d. Übers.) und anderswo nach 9/11 erhärteten meine Vorstellung von den Furcht erregenden Möglichkeiten, die diese Enklaven repräsentierten.

In Folge von 9/11 fühlten sich europäische Führer verpflichtet, Amerika bei seiner Invasion nach Afghanistan zu folgen. Aber die ursprüngliche Zurschaustellung von Solidarität durch Politiker und Intellektuelle („Wir sind alle Amerikaner“) wich schnell Erklärungen, dass die USA selbst – durch ihre Unterstützung Israels, das Stützen arabischer Diktatoren, die Verbreitung der Globalisierung, etc. – 9/11 herausgefordert hätten. Aber doch nicht Europa. Europa war der Freund der Muslime. Und die Muslime wussten das. Also war Europa sicher. Der norwegische Autor Gert Nygårdshaug machte sich höhnisch über den Gedanken lustig, es könne bald einen Anschlag auf „Oslo oder Rom oder Kopenhagen“ geben. Er war mit seinem Spott bei weitem nicht alleine.

Dann kamen Madrid, London, Bali, Beslan und Mumbai. Van Gogh wurde abgeschlachtet, die Muslime randalierten in Frankreich, ihre Glaubensgenossen tobten in Dänemark über die Zeitungscartoons über Mohammed. Die westliche Elite spielte jeglichen Zusammenhang zwischen diesen Ereignissen herunter, verleugnete ihn sogar. Doch von Jahr zu Jahr ist die Wahrheit immer klarer zu Tage getreten: obwohl die USA das Ziel von 9/11 waren, verläuft die Frontlinie im Krieg gegen den Islamismus durch Europa.

Im Übrigen ist es ein Krieg, in dem die mächtigste Waffe des Feindes nicht Bomben sind sondern die Demographie. Die moslemischen Einwanderungszahlen bleiben auf hohem Niveau, ebenso die Geburtenraten. Freilich, nur ein winziger Prozentsatz der Muslime sind Terroristen, aber viele mehr – die ihre „Nachrichten“ von Satellitensendern wie Al-Jazeera beziehen und gegenseitig ihre Feindseligkeit gegen den Westen in Moscheen, Kulturzentren und Internetforen nähren – halten die europäische Kultur für untolerierbar dekadent und teilen das jihadistische Ziel eines europäischen Kalifats, das im Einklang mit den Prinzipien des Koran regiert wird. Neuere Umfragen zeigen, dass zumindest 40% der Muslime im Vereinigten Königreich Großbritannien gerne unter dem Gesetz der Scharia sehen würden, und dass zumindest einer von vier die Anschläge vom 7. Juli billigt. Die Rhetorik des europäischen Establishments über Gegensätze, Armut und Ignoranz sind keine Erklärung: die brennendsten anti-westlichen Gefühle hegen nicht die analphabetischen Einwanderer aus arabischen Dörfern, sondern ihre in Europa geborenen Kinder, die gut leben und BMW fahren.

In ganz Europa haben nur die Dänen weitläufig ernsthafte Maßnahmen ergriffen, dem Fortschreiten dessen, was der Gelehrte Bat Ye‘or „Eurabia“ genannt hat, Einhalt zu gebieten. Die Ergebnisse: Die Immigration ist in Dänemark gesunken, die Integration hat sich verbessert. Trotzdem haben sogar in Dänemark die Todesdrohungen gegen die Cartoonisten die freie Welt unfreier gemacht.

Auch anderswo ist die Scharia auf dem Vormarsch. Belgische Gesetze verbieten mittlerweile die „Islamophobie“; ähnliche Gesetze passierten im letzten Jahr Englands „House of Commons“, wurden aber von den Lords (House of Lords, zweite gesetzgebende Kammer, Anm. d. Übers.) für nichtig erklärt. In Norwegen kann man jetzt inhaftiert werden, wenn man Religion von jemandem beleidigt hat (und die Beweislast liegt beim Angeklagten). Einen grausigen Vorgeschmack auf die Zukunft Europas hat letzten Februar Oslo geliefert, wo auf einer staatlich geförderten Pressekonferenz der Herausgeber Velbjørn Selbekk – der nach dem Nachdruck der Mohammed-Cartoons wochenlang Todesdrohungen getrotzt hatte – eine plötzliche Kehrtwendung vollzog und vor der größten Ansammlung von Imamen in der norwegischen Geschichte unterwürfig Abbitte leistete. Die norwegische Regierung bejubelte diese Kapitulation und bezeichnete sie als „Versöhnung“: später besuchte eine offizielle Delegation Katar, um den muslimischen Führer Yusuf al-Qaradawi ebenfalls um Vergebung zu bitten.

Was ist mit Amerika? Keine Frage, die Arroganz von Bush, seine Inkompetenz, seine Unfähigkeit sich auszudrücken, seine Taubheit gegenüber Kritik und seine Toleranz gegenüber der Folter haben es (mit Andrew Sullivans Worten) „fertig gebracht, die moralische Überlegenheit gegenüber dem Bösen des Islamismus in den Schmutz zu ziehen“ – und dadurch die Amerikaner polarisiert und dazu beigetragen, die Europäer zu entfremden, in einer Zeit in der Einigkeit entscheidend ist. (Die Entlassung von verzweifelt gesuchten Experten für Arabische Sprachen aus dem US-Militär weil sie schwul waren, bezeugt die Dauerhaftigkeit eines absurden Vorurteils, von dem ich dachte, dass es angesichts der realen tödlichen Bedrohung seit 9/11 verblassen würde.) In den USA wie auch in Europa sollten es Politiker und Journalisten besser wissen, als das haarsträubende Mantra zu wiederholen, der Islam bedeute „Friede“, Jihad bedeute „Inneres Ringen“ und die Extremisten würden „den Islam kidnappen“.

Doch trotz aller amerikanischen Fehltritte ist das Urteil der europäischen Elite, die USA seien die Bedrohung Nummer 1 in der Welt, ebenso obszön und selbstzerstörerisch gewesen wie das unermüdliche Weißwaschen der wirklichen Bedrohung durch dieselbe Elite.

Am 11. September hätte ich mir niemals vorstellen können, dass fünf Jahre später ein Mann, der sich weigert, die Steinigung weiblicher Ehebrecher zu verurteilen, als führende Stimme eines „gemäßigten“ europäischen Islam anerkannt werden würde; dass europäische Regierungen noch immer Moscheen und Koranschulen innerhalb ihrer Grenzen finanzieren würden, die Verachtung für Demokratie, Juden, Homosexuelle und Gleichberechtigung der Geschlechter unterrichten; dass der Amsterdamer Bürgermeister Job Cohen dafür eintreten würde, die Unterdrückung muslimischer Frauen im Westen zu akzeptieren; und dass Britannien noch immer die radikalen Kleriker beschützen würde, Königin Elisabeth Leute wie Iqbal Sacranie zum Ritter schlägt (der Homosexualität „unakzeptabel“ nennt), und Londons Bürgermeister Ken Livingston den eingangs erwähnten al-Qaradawi (der Selbstmordattentäter ebenso verteidigt hat wie die Hinrichtung Schwuler) als „fortschrittlich“ preist.

Die Wahnvorstellung dauert an: im August berichtete die Associated Press, dass die Deutschen „fassungslos“ von der Nachricht eines geplanten Bombenanschlags auf Züge in ihrem Land seien, weil sie dachten ihre „Opposition zum Irak-Krieg würde sie vom Terrorismus abschirmen“; und Britanniens „Minister für Gemeinwesen“ („Communities Secretary“) versprach im Anschluss an die Verhaftung „Englischer Burschen“, die geplant hatten, Flüge von London in die USA in die Luft zu sprengen, einen Vorschlag der muslimischen Führer zu prüfen, potentielle Inlandsattentäter zu besänftigen, indem man die Scharia in Immigrantenbezirken einführt.

Ich würde es am 9. September niemals für möglich gehalten haben, dass sich 2006 die meisten Europäer noch immer nicht darüber bewusst sind – um nur zwei zufällige Beispiele herauszupicken, dass (nach einer EU-Studie) mehr als sieben von zehn Immigrantinnen in Schweden von „honor-related violence“ betroffen sind (Gewalt im Zusammenhang mit Ehre, es gibt im Deutschen dafür keinen passenden Begriff, wir kennen nur „Ehrenmorde“, also deren schrecklichste Ausprägung, Anm. d. Übers.), und dass es in Frankreich (einem französischen Regierungsbericht folgend) jüdische Kinder gibt, die aufgrund der Peinigung durch muslimische Klassenkameraden „nicht länger ausgebildet werden können“. Einige gesetzgebende Behörden haben bereits das Handtuch geworfen: 2004 gab die schwedische Polizei zu, dass „sie die Situation in Malmö nicht unter Kontrolle habe“, eine Stadt, die von muslimischen Vergewaltigungen und Raubüberfällen geplagt wird; diesen August, nach einer muslimischen Bandenschießerei in Oslo, sagte die Polizei, sie wäre „nicht gewillt, gegen diese Banden vorzugehen, weil sie um ihre eigene Sicherheit fürchte.“

9/11 wurde die freie Welt eindringlich an ihre Freiheit erinnert. In Europa indes wurde der Geist dieses Tages von einem Establishment platt gewalzt, das – anscheinend weil es die Unvermeidbarkeit der Islamisierung Europas bereits akzeptiert hat – routinemäßig die Wahrheit auf den Kopf stellt, indem es die Angreifer als Opfer präsentiert und Selbstverteidigung als aufrührerisch. Dieses verkehrte Bild muss man zurecht rücken, und den Geist von 9/11 wieder aufleben lassen. Denn das Fazit ist einfach:

Wenn wir unsere Freiheiten nicht mit der gleichen Leidenschaft verehren, wie die Jihadisten ihren Glauben bewahren, werden wir verlieren. (pdf)

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