S t a n d p u n k t e


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Diese lästigen Juden

von CHARLES KRAUTHAMMER

Am 04.06.2010 erschien in der Washington Post der folgende Kommentar des Pulitzer-Preisträgers Charles Krauthammer, den  S t a n d p u n k t e  ins Deutsche übertragen hat.

Die Welt ist außer sich über Israels Blockade von Gaza. Die Türkei brandmarkt deren Unrechtmäßigkeit, Unmenschlichkeit, Barbarei, etc. Die üblichen Verdächtigen in den UN, aus Europa und der Dritten Welt stimmen ein. Die Obama Administration zaudert.

Aber, wie Leslie Gelb, der frühere Präsident des Rates für Auswärtige Beziehungen, schreibt, die Blockade ist nicht nur völlig vernünftig, sie ist auch völlig legal. Gaza hat sich unter der Hamas selbst zum Feind Israels erklärt – eine Erklärung, die durch mehr als 4.000 auf israelisches Wohngebiet abgefeuerte Raketen bekräftigt worden ist. Obwohl sie sich selbst der unaufhörlichen Kriegslust verschworen hat, beansprucht die Hamas die Opferrolle für sich, wenn Israel eine Blockade verhängt, um die Hamas daran zu hindern, sich mit noch mehr Raketen zu bewaffnen.

Im Zweiten Weltkrieg haben die Vereinigten Staaten – in vollem Einklang mit dem internationalen Recht – eine Blockade über Deutschland und Japan verhängt. Und während der Raketenkrise im Oktober 1962 blockierten wir Kuba (bzw. haben es „unter Quarantäne“ gestellt). Waffen tragende russische Schiffe haben Kuba angesteuert und machten kehrt, weil die Sowjets wussten, dass die U.S. Navy sie entweder entern oder versenken würde. Dennoch wird Israel für dasselbe, das John F. Kennedy getan hat, internationaler Verbrechen beschuldigt: eine Seeblockade zu verhängen, um eine feindliche Regierung daran zu hindern, in den Besitz tödlicher Waffen zu gelangen.

Oh, aber waren nicht die Gaza-Schiffe auf einer humanitären Hilfsmission? Nein. Sonst hätten sie Israels Angebot angenommen, die Güter in einen israelischen Hafen zu bringen, sie auf militärisches Material zu untersuchen und den Rest über Israel nach Gaza zu verladen – so wie jede Woche 10.000 Tonnen Lebensmittel, Medikamente und andere humanitäre Hilfsgüter von Israel nach Gaza geliefert werden.

Warum wurde das Angebot zurückgewiesen? Weil es der Flottille, wie die Organisatorin Greta Berlin zugegeben hat, nicht um humanitäre Hilfe ging sondern darum, die Blockade zu brechen – d.h. Israels Inspektionshoheit zu beenden, was unbegrenzten Seetransport nach Gaza und damit die unbegrenzte Bewaffnung der Hamas bedeuten würde.

Israel hat schon zweimal Schiffe abgefangen, die mit für Hisbollah und Gaza bestimmten Waffen aus dem Iran beladen waren. Welches Land würde das erlauben?

Aber was noch wichtiger ist, warum musste Israel überhaupt auf eine Blockade zurückgreifen? Weil die Blockade Israels letzte Zuflucht ist, nachdem die Welt systematisch seine traditionellen Abwehrstrategien delegitimiert hat – die Vorwärtsverteidigung und die aktive Verteidigung.

1.) Vorwärtsverteidigung („forward defense“): Als kleines, dicht bevölkertes Land, das von Feinden umgeben ist, hat Israel während seines ersten halben Jahrhunderts die Strategie der Vorwärtsverteidigung verfolgt – Kriege lieber auf feindlichem Territorium zu führen (wie Sinai und Golan) als auf seinem eigenen.

Wo immer es möglich war (zum Beispiel Sinai), hat Israel Land für Frieden eingetauscht. Doch wo die Friedensangebote abgeschlagen wurden, behielt sich Israel das Land als schützende Pufferzone. Folglich behielt Israel  einen schmalen Streifen vom südlichen Libanon, um die Dörfer in Norden Israels zu schützen. Und es nahm lieber hohe Verluste in Gaza in Kauf, als die israelischen Grenzstädte den palästinensischen Terrorangriffen auszusetzen. Es ist derselbe Grund, aus dem Amerika einen aufreibenden Krieg in Afghanistan führt: Du bekämpfst sie dort, damit du sie nicht hier bekämpfen musst.

Aber unter überwältigendem Druck von außen gab Israel das auf. Den Israelis wurde gesagt, die Besatzungen wären nicht nur illegal sondern auch die Wurzel der anti-israelischen Aufstände – und indem die Ursache dann beseitigt wäre, würde der Rückzug Frieden bringen.

Land für Frieden. Erinnern Sie sich? Nun, während der letzten Dekade gab Israel das Land – hat Süd-Libanon 2000 und Gaza 2005 verlassen. Was hat es bekommen? Eine Intensivierung der Kampfhandlungen, eine schwere Militarisierung auf Seiten des Feindes, vielfache Kidnappings, Grenzüberfälle und, aus Gaza, Jahre unablässiger Raketenangriffe.

2.) Aktive Verteidigung: Danach musste Israel zur aktiven Verteidigung wechseln – Kampfmaßnahmen, um die terroristischen Zwergstaaten im Südlibanon und Gaza, die sich nach Israels Rückzug wieder bewaffnet hatten, zu zerreißen, zu zerlegen und zu besiegen (um sich Präsident Obamas Beschreibung unseres Feldzugs gegen die Taliban und Al-Kaida auszuborgen).

Das Ergebnis? Der Libanon Krieg 2006 und die Gaza Operation 2008/09. Sie wurden mit einer neuerlichen Lawine von Schmähungen und Verleumdungen quittiert – von derselben internationalen Gemeinschaft, die zuvor Israels Land-für-Frieden Rückzüge gefordert hatte. Schlimmer, der UN Goldstone Report, der im Grunde genommen Israels Verteidigungsaktion in Gaza kriminalisiert und den Casus Belli weißgewaschen hat – den vorhergegangen grundlosen Raketenkrieg der Hamas – hat praktisch jede aktive israelische Verteidigung gegen seine selbst ernannten terroristischen Feinde delegitimiert.

3.) Passive Verteidigung: Ohne Vorwärts- und aktive Verteidigung bleibt Israel nur mehr die passivste und mildeste aller Verteidigungsstrategien übrig – eine Blockade, um schlichtweg die Wiederbewaffnung des Feindes zu verhindern. Und dennoch, eben in diesem Augenblick, steuert auch dies auf die internationale Delegitimierung zu. Sogar die Vereinigten Staaten bewegen sich mittlerweile in die Richtung, sie aufheben zu wollen.

Aber, wenn nichts davon zulässig ist, was bleibt dann übrig?

Ah, das ist der Punkt. Das ist der Punkt den sie alle verstanden haben, die Blockade brechende Flottille nützlicher Idioten und Terrorsympathisanten, die türkische Organisation an der Spitze, die sie gegründet hat, der automatische Chor der anti-israelischen Dritten Welt und der Vereinten Nationen, und die gleichgültigen Europäer, die schon ziemlich genug haben vom Judenproblem.

Was übrig bleibt? Nichts. Der genaue Punkt dieser unablässigen internationalen Kampagne ist es, Israel des Rechts jeglicher legitimen Form der Selbstverteidigung zu berauben. Weshalb sich, gerade erst letzte Woche, auch die Obama Administration in die Reihe der Schakale eingeordnet und vier Dekaden US-Praxis aufgehoben hat, indem sie eine gemeinsame Erklärung mit unterzeichnet hat, die Israels Besitz von Nuklearwaffen herausgreift – solchermaßen Israels absolut letzte Verteidigungslinie delegitimierend: Abschreckung.

Die Welt ist dieser ärgerlichen Juden müde, 6 Millionen – wieder diese Zahl – nahe am Mittelmeer, jede Einladung zum nationalen Selbstmord ablehnend. Dafür werden sie unablässig dämonisiert, isoliert und davon abgehalten sich zu verteidigen, sogar während die stärker engagierten Anti-Zionisten – im Besonderen der Iran – offen eine endgültigere Lösung, eine Endlösung, vorbereiten.

Englische Originalfassung (Washington Post, 04.06.2010)

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Friedfertigkeit

Der israelische Rundfunk meldete, dass an Bord des im Hafen von Aschdod untersuchten Schiffes Patronenhülsen von Waffen gefunden worden seien, die nicht zum Arsenal des israelischen Militärs gehören. Es müssen also doch in der Türkei Waffen an Bord des Schiffes gebracht worden sein. Ebenso wurde jetzt erst bestätigt, was uns ein Augenzuge schon am Tag nach der Aktion berichtet hatte: Bei Ankunft der israelischen Marine seien mehrere Kisten über Bord geworfen, offenbar mit Waffen, damit die Israelis sie nicht finden könnten.

Von den Israelis an Bord gefundene oder beschlagnahme Filmaufnahmen bezeugen, dass vier israelische Soldaten von den gewalttätigen Türken unter Deck gebracht wurden, ausgezogen und dann, am Boden liegend, um ihr Leben bettelten, während mit Eisenstangen auf sie eingeprügelt wurde. Dabei hätten sich einige „echte“ Friedensaktivisten schützend vor die Soldaten gestellt. Eine Frau mit einem schweren arabischen Akzent soll die türkischen Schläger angeschrieen haben. Auf einem anderen Film sei ein arabisch aussehender Mann mit einer Eisenstange zu sehen, wie er versuchte, die türkischen Gewalttäter in Schach zu halten. Diese Filmausschnitte seien vom Militär nicht zur Veröffentlichung freigegeben worden, weil sie für die betroffenen Soldaten „zu peinlich“ seien.

Die Angaben der Israelis zu einer „Entführung“ der Soldaten, die als erste das Schiff geentert hatten, wurden inzwischen auch von einem libanesischen Kameramann des Nachrichtensenders Al Dschesira, André Abu Halil,  bestätigt. Gegenüber Reuters berichtete er, wie die Soldaten, teilweise mit Knochenbrüchen und bewusstlos, zum untersten Deck gebracht worden seien. Im israelischen Rundfunk wurde gemeldet, dass es die meisten Toten gegeben habe, als andere Soldaten versuchten, ihre unter Deck „entführten“ Kameraden zu befreien.

Ulrich W. Sahm, Honestly Concerned


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Israel in der Doppelmühle

Die „Free Gaza“ Flotte hatte militärische Ziele, keine humanitären. Die geplante Provokation war ein voller Erfolg für die Hamas und ihre Sympathisanten. Dabei war Israel von Anfang an in einer lose-lose Situation.

Der Reihe nach. Am 23. Mai setzt sich die internationale „Free Gaza Solidaritätsflotte“ mit 6 Schiffen von Griechenland und der Türkei aus Richtung Gaza in Bewegung. An Bord sind 10.000 Tonnen Hilfsgüter und jede Menge pro-palästinensischer Aktivisten, darunter zwei deutsche Bundestagsabgeordnete der LINKEN und der schwedische Schriftsteller Henning Mankell, der Israel erst im Vorjahr die völkerrechtliche Legitimität abgesprochen hat.

Eine Hilfsflotte für Gaza ist naturgemäß nur ein PR-Coup. So erfreulich manche Güter für die Einwohner von Gaza sein mögen, wirklich nötig sind sie nicht. In den letzten eineinhalb Jahren sind über Israel mehr als eine Million Tonnen Hilfsgüter nach Gaza geliefert worden, das ist fast eine Tonne pro Einwohner. Jede Woche rollen hunderte Trucks mit mehr als 15.000 Tonnen Ladung über die israelischen Grenzübergänge. In Gaza gibt es ein Schwimmbad mit olympischen Ausmaßen und ein Luxusrestaurant. Die Märkte sind reich bestückt, die Bewohner gut genährt, niemand muss hungern. Es gibt Schokolade aus der Türkei, deutsche Bonbons, italienische Pralinen. Das meistverkaufte Medikament ist Viagra. Was es nicht durch die israelischen Grenzkontrollen schafft, wird durch die Tunnels von Rafah aus Ägypten geschmuggelt. Autos, Treibstoff, Süßigkeiten, Drogen, Prostituierte. Und natürlich Waffen. Die Einwohner von Gaza leben unter widrigen Umständen, aber von einer humanitären Katastrophe kann keine Rede sein.

Von Anfang an ist klar, dass es den Aktivisten nicht um Hilfe für Gaza geht: „Bei dieser Mission geht es nicht darum, humanitäre Güter zu liefern, es geht darum, Israels Blockade zu brechen“, wird das Angebot Israels abgelehnt, die Waren in Aschdod zu löschen und die Hilfsgüter nach der obligatorischen Prüfung nach Waffen und anderen verbotenen Gütern auf dem Landweg nach Gaza zu bringen. Auch der Vorschlag der Familie des vor Jahren von der Hamas entführten Gilad Shalit, sich bei der israelischen Regierung dafür einzusetzen, dass die Schiffe in Gaza anlegen dürfen, wenn sich die Aktivisten im Gegenzug bei der Hamas dafür einsetzten, Gilad Lebensmittel und Briefe zukommen zu lassen, wird brüsk zurückgewiesen.

Eine zentrale Rolle bei der Organisation der „Solidaritätsflotte“ kommt der türkischen, radikalislamistischen IHH zu, die neben ihren Hilfsaktivitäten die Hamas und Teile des globalen Dschihad unterstützt. Das größte Schiff, die Mavi Marmara, fährt unter türkischer Flagge. Bei der Einweihungszeremonie in Istanbul feiern unter anderen ein Führer der jordanischen Muslimbruderschaft, Hamam Said, und zwei Top-Terroristen der Hamas, Sahar Albirawi und Mahmad Tzoalha. An Bord werden islamistische Schlachtgesänge gesungen, berichtet Al-Jazeera einen Tag vor der Konfrontation mit der IDF: „Oh Juden, die Armee Mohammeds wird über euch kommen!“ Im selben Bericht erklärt eine Aktivistin prophetisch, warum die Mission in jedem Fall ein Erfolg werden wird: „Zurzeit sehen wir zweierlei glücklichem Ausgang entgegen: Märtyrertum oder Landung in Gaza.“

Israel lässt keinen Zweifel daran, dass es ein Durchbrechen der Blockade nicht dulden und die Schiffe unter allen Umständen stoppen werde, notfalls mit Gewalt. Zuvor hatten Schiffe der „Free Gaza“ Bewegung fünf Mal passieren dürfen. Dieses Mal kam das, wohl wegen der Größe der Flotte und der gesteigerten medialen Aufmerksamkeit, nicht in Frage. Noch Stunden vor dem Einsatz wiederholt das israelische Militär immer wieder das Angebot, die Hilfsgüter in Aschdod zu löschen und auf dem Landweg nach Gaza zu schaffen. Das Angebot wird unter lauten „Dschihad, Dschihad!“ Rufen mit einem herzhaften „Fuck You“ abgeschmettert.

Am frühen Morgen des 31. Mai entern israelische Truppen die Schiffe. Offensichtlich hatte das israelische Militär nicht mit massivem Widerstand gerechnet und den Einsatz eher wie eine robuste Polizeiaktion geplant. Die Soldaten tragen Paintball-Pistolen, leichte Waffen mit Plastikmunition. Für den Notfall sind sie mit Schusswaffen ausgerüstet, die sie nur einsetzen dürfen, wenn ihr Leben bedroht ist. Auf fünf Schiffen kommt es zu keinen nennenswerten Zwischenfällen.

Als sich Soldaten aus Hubschraubern auf die Mavi Marmara abseilen, stürzen sich „Friedensaktivisten“ mit Eisenstangen und Messern auf sie. Die pro-palästinensischen Kämpfer sind zahlenmäßig weit überlegen. Sie prügeln brutal mit langen, massiven Eisenstangen auf die Soldaten ein, stechen einen nieder, schleudern einen anderen auf ein ca. 10 Meter tiefer gelegenes Deck. Es gelingt ihnen, einen Israeli zu entwaffnen und mit dessen Waffe auf seine Kameraden zu schießen. Die Soldaten haben Angst gelyncht zu werden. Als sie sich scharfem Beschuss ausgesetzt sehen, eröffnen sie das Feuer. Am Ende sind 7 Soldaten verletzt (Schuss- und Stichwunden, Knochenbrüche), 2 davon schwer. Die Aktivisten beklagen 9 Tote und 45 Verletzte.

Noch bevor die Flotte in Aschdod eingelaufen ist, setzt die zu erwartende Welle der Empörung ein. Regierungen sind wahlweise schockiert, erschüttert oder bestürzt. Die Beurteilung des Einsatzes reicht von unverhältnismäßig bis abscheulich. Palästinenserpräsident Abbas spricht von Massaker und einem abscheulichen Verbrechen, die Hamas ruft zur Intifada vor israelischen Botschaften auf. In vielen Städten kommt es zu antiisraelischen Demonstrationen, oft auch zu gewalttätigen Ausschreitungen. Weder in Deutschland noch in Österreich ist eine einzige offizielle Stimme zu hören, die sich mit Israel solidarisch erklärt.

Die deutschsprachigen Medien berichten gewohnt „israelkritisch“. Als Beispiel sei hier nur ein Kommentar von Gudrun Harrer im STANDARD angeführt: „Im Grunde sind wir alle moralisch mitschuldig. Wer hat sich denn noch um den Gazastreifen gekümmert, an der freundlichen Mittelmeerküste gelegen, eine Bevölkerung zwischen dem inneren Hammer der Hamas und dem äußeren der israelischen Absperrung, kollektiv bestraft für das falsche Wahlergebnis und für die Präsenz von Extremisten nicht nur von Israel, sondern von der internationalen Gemeinschaft?“

Um soviel Stuss in einen Satz zu packen, muss man schon Nahost-Expertin sein. Keine tatsächliche oder vorgebliche Flüchtlingsgruppe wird von der Welt so sehr gehätschelt wie die Palästinenser. Um die Einwohner von Gaza kümmern sich unzählige NGOs und UN-Behörden, deren Mitarbeiter sich gegenseitig auf die Zehen steigen. Fast jeden Tag wird irgendwo auf der Welt eine Solidaritätskundgebung für Gaza organisiert. Auch wenn der Wahlkampf der Hamas mehr mit einem Putsch als mit westlichen Demokratievorstellungen gemeinsam hatte, haben die Bewohner doch mehrheitlich eine korrupte Bande von Terroristen gewählt, deren oberstes Ziel die Vernichtung Israels ist. Die internationale Gemeinschaft hat sie dafür aber keineswegs bestraft, sondern finanziert ganz im Gegenteil ihren Lebensunterhalt. Und zwar so erfolgreich, dass der Gaza-Streifen mit 5,03 Kindern pro Frau eine der höchsten Fruchtbarkeitsraten der Welt hat. Die Blockade als kollektive Strafe für ein falsches Wahlergebnis zu bezeichnen ist eine bösartige, bewusste Irreführung der Leserschaft. Ist diese Maßnahme doch von Israel und Ägypten nur ergriffen worden, um nach dem jahrelangen Beschuss Israels mit zehntausend Raketen den Waffennachschub wenigstens einigermaßen einzudämmen. Kein Raketenterror, keine Blockade. So einfach wäre das.

Woran wir im Grunde alle moralisch mitschuldig sind, ist etwas ganz anderes. Die voreingenommene Berichterstattung über den Nahost-Konflikt, die einseitige Fixierung der UNO auf Israel, eine internationale Staatengemeinschaft, die ständig den Druck auf eine einzige Partei des Nahostkonflikts erhöht  – das alles mag dazu beigetragen haben, dass Israel aus Rücksicht auf die internationalen Reaktionen nicht entschlossen genug vorgegangen ist. Natürlich ist die Operation völlig schief gelaufen. Warum waren die israelischen Dienste über die Kampfbereitschaft der Aktivisten im Unklaren? Warum war das Kommando nicht besser auf die Angriffe vorbereitet?

Doch lassen wir uns nicht täuschen. Hätte Israel die Aktion von vornherein mit angemessenen Mitteln durchgeführt und beispielsweise Blendgranaten und Tränengas eingesetzt, wären die Toten noch am Leben und die Verletzten noch gesund. Aber die internationalen Reaktionen wären mindestens so vernichtend ausgefallen. Entrüstet wäre der völlig unangemessene Gewalteinsatz gegen vermeintlich harmlose Friedensaktivisten angeprangert worden. Vielleicht sogar noch lauter als jetzt, wo wenigstens jeder sehen kann, wie brutal die Aktivisten über die Soldaten hergefallen sind.

Das ist das wahre Dilemma Israels. Wehrt es sich nicht, wird es von seinen Gegnern überrannt und vernichtet. Wehrt es sich, wird es von der ganzen Welt verurteilt. In Wahrheit hatte die Solidaritätsflotte das Spiel schon gewonnen, als sie in See gestochen ist. „Wer sich nicht wehrt lebt verkehrt“ gilt eben nicht für Juden. Genau das ist im Grunde unser aller Schuld.

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Weiterführende Links:

Backgrounder zur Gaza Flottille mit allen Hintegrundinformationen, herausgegeben von der israelitischen Kultusgemeinde in Wien

Die nützlichen Idioten der Islamofschisten, Leon de Winter

Botschaft des Staates Israel in Berlin

Kontinuierliche Berichterstattung: heplev

Videos vom Begleitschiff, vom Hubschrauber, an Bord (Messer), an Bord (Schießerei)

Aufgebrachte Narrenschiffe, Lizas Welt

Die dubiosen Passagiere, Boris Kálnoky (WELT)

Linke Gaza-Aktivisten schützen radikale Islamisten, Clemens Wergin (WELT)

Ein Schiff voller Narren, Richard Herzinger (WELT)

The Moscow Times, über Spirit of Entebbe (ganz tolle Analyse!)

Interview mit Prof. Giegerich (Inst. f. Öff. Recht, Uni Kiel), STANDARD

Interview mit Leon de Winter, Tages Anzeiger

Israel obeyed international law, Alan Dershowitz (Daily News)

Auszug aus dem o.a. Kommentar in Deutsch, Alan Dershowitz (STANDARD)

Volle Regale, leere Kassen, Gil Yaron (Achse des Guten) über das Leben in Gaza

Showdown auf der Mavi Marmara, Bahamas

Die Banalität des Guten, Lizas Welt

Those troublesome Jews, Charles Krauthammer (Washington Post)


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Eine Nacht in Dubai

Israel wird nicht mit den gleichen Maßstäben gemessen wie andere Länder. Auch die Reaktionen auf die Tötung eines terroristischen Waffenschiebers in Dubai zeugen von einer Doppelmoral, die auf antisemitischen Ressentiments beruht.

SPIEGEL ONLINE berichtet: »Nach New York, London, Madrid und Bali ist Zeit der wohlwollenden Kontrollen nun vorbei: Die USA wollen Muslime und arabische Staatsbürger bei der Einreise künftig eingehend überprüfen.

Seit 9/11 haben islamische Terroristen an die 15.000 tödliche Terroranschläge verübt. Die überwiegende Zahl der Attentäter war arabischer Herkunft. Für die Anschläge machen die US-Behörden neben radikalen muslimischen Religionsführern vor allem Staaten wie den Iran und Saudi-Arabien, aber auch andere arabische Staaten, die islamische Terrornetzwerke finanziell und logistisch unterstützen, verantwortlich.

Die Sicherheitskräfte würden arabische Staatsbürger künftig eingehend kontrollieren, sagte die Chefin der Homeland Security, Janet Napolitano: “Wir werden unsere Angestellten schulen, islamische Namen, Akzente und Gesichtszüge zu identifizieren”, sagte sie laut “Washington Post”. Bislang habe man Araber an Akzenten erkannt, aber “wenn sie europäische Pässe verwendeten, um hier einzureisen, haben wir das akzeptiert und sie als Europäer behandelt”.

Von nun an würde man bei Arabern mit doppelter Staatsbürgerschaft sehr vorsichtig vorgehen, bekräftige Napolitano laut “Gulf News”. “Araber dürfen keine Morde in unserem Land verüben.” Konflikte von islamischen mit anderen Staaten dürften nicht in den Vereinigten Staaten von Amerika ausgetragen werden.«

Trotz dieser offensichtlichen Beleidigung werden weder Botschaften besetzt noch Fahnen verbrannt. Niemand protestiert gegen das ansonsten als rassistisch verpönte „ethnic profiling“, noch nicht einmal Claudia Roth fühlt sich an die Nürnberger Rassegesetze erinnert.

Der Grund dafür ist einfach: die oben zitierte Meldung ist natürlich insofern falsch, als es im Original um Dubai und Israelis geht statt um die USA und Araber. Und freilich ist nicht von den 15.000 islamischen Attentaten mit einem Vielfachen an Opfern die Rede, sondern von der Tötung eines führenden Waffenschiebers der Hamas, Mahmud al-Mabhuh. Wir werden uns also nach wie vor alle einträchtig ohne Gürtel und in Socken vor den Security-Schaltern anstellen.

Wie abgestumpft die Weltöffentlichkeit gegenüber antisemitischen Gemeinheiten mittlerweile ist, zeigt sich auch daran, dass es offenbar niemanden empört, wenn man Juden bei der Einreise in ein Land schikaniert und Beamte darauf schult, sie anhand „rassischer Merkmale“ als Juden zu identifizieren. Vielmehr entrüstet sich der französische Präsident Sarkozy: „Frankreich verurteilt alle Exekutionen. Nichts kann eine solche Methode rechtfertigen.“ Stellt sich die Frage, wozu dann der französische Geheimdienst DGSE seine „Alpha“-Einheiten unterhält, die einzig und allein dazu ausgebildet sind gezielte Tötungen vorzunehmen. Erst 2002 ist in Barcelona eine dieser intern „Homo“ genannten Aktionen aufgeflogen, als zwei schwer bewaffnete „Alpha“-Agenten zufällig von der spanischen Polizei verhaftet worden sind.

Wenn von Australien bis Deutschland israelische Botschafter einbestellt werden, darf die Europäische Union nicht zurückstehen: „Die EU verurteilt scharf den Umstand, dass die an dem Vorgang Beteiligten betrügerisch Pässe und Kreditkarten einsetzten, an die sie durch Diebstahl von Identitäten europäischer Bürger gelangten“. Hingegen ist es völlig in Ordnung, wenn ein EU-Staat Millionen an einen Verbrecher zahlt, um an gestohlene Bankdaten von tausenden unbescholtenen Bürgern zu kommen. Aber das ist eine andere Geschichte.

Die öffentlich zur Schau getragene Empörung über Israel ist schlichtweg verlogen. Immerhin waren geheimdienstliche Auftragsmorde im Kalten Krieg häufig genug, dass sie Literaten von John Le Carré bis Ian Fleming zu einem eigenen literarischen Genre inspiriert haben. Auch heute hat jeder bedeutende Geheimdienst Agenten „mit der Lizenz zum Töten“, auch wenn diese bei weitem nicht so glamourös sind wie 007. Robuste geheimdienstliche Einsätze sind in Demokratien zwar immer umstritten, aber nicht von vornherein unrechtmäßig, weil letztlich auch die Dienste der demokratisch legitimierten Führung und den rechtsstaatlichen Kontrollinstanzen unterliegen. Selbst wenn die Tötung eines Hamas-Waffenhändlers, der die Verantwortung für den Tod Dutzender israelischer Staatsbürger trägt, illegal ist – legitim ist sie allemal.

In den asymmetrischen Kriegen des 21. Jahrhunderts wird beinahe jeden Tag gezielt getötet. Dabei kommen unzählige unbeteiligte Zivilisten ums Leben, weil sich vor allem islamistische Kämpfer bevorzugt in der Zivilbevölkerung verstecken. Warum also ausgerechnet die weltweite Aufregung um einen toten Waffenschieber, der im Dienste einer Terrororganisation stand?

Leon de Winter kennt die Antwort: „Worum es hier geht ist der Umstand, dass Mahmoud al-Mabhouh – ein böser Mensch, um das noch einmal zu betonen – von Juden getötet wurde. Nicht von einer Drohne, nicht von Arabern. Nein, er wurde, angeblich, von einer Gruppe bestens trainierter cooler Juden getötet, die einfach ihre Häuser verlassen und sich verkleidet haben, um ihren Feind zu töten. Das ist es, warum diese Tötung die Aufmerksamkeit der westlichen Medien erregt – und von ihnen verurteilt wird.

Wenn wirklich der Mossad diese Tötung durchgeführt hat, sollte man ihm dazu gratulieren (und jeder anderen Gruppierung, die das getan hat, sollte ebenfalls gratuliert werden). Die Juden Israels werden nicht passiv auf die nächste Lieferung Raketen warten, die von der Hamas unter der Kontrolle von Mahmoud al-Mabhouh geschmuggelt wird. Eine Rakete aus einer Drohne abzufeuern richtet eine fürchterliche Schweinerei an und kann zum Verlust vieler unschuldiger Leben führen. In diesem Hotel in Dubai mussten sie nur die Laken wechseln.“ (pdf)

In der Tat ist die Präzision der Durchführung vielleicht ein Hinweis auf eine mögliche israelische Urheberschaft: Hätte eine palästinensische Gruppe den Anschlag begangen, hätte sie wohl das ganze Hotel in die Luft gejagt.

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Nachlese: 9/11 im ORF

Nach der Ausstrahlung des unsäglichen 9/11-Machwerks legte der ORF noch ein Schäuflein nach und lebte seine Obsession nach Verschwörungstheorien in ”Weltjournal” und ”Club 2” aus. Deshalb, und als Antwort auf die vielen Reaktionen auf meinen Beitrag, noch ein paar abschließende Worte.

Was mich wirklich wütend macht, ist die schamlose Täter / Opfer Umkehr, die mit diesen quotenschielenden Enthüllungen einher geht. Hier ist jeglicher moralische Kompass verloren gegangen.

Der Skandal besteht nicht im Film an sich, der richtet sich selbst. Der Skandal besteht darin, dass ein öffentlich-rechtlicher Sender den Eindruck erweckt, hier stünden zwei Interpretationen des selben Ereignisses gleichwertig nebeneinander. So zu tun, als hätten die wirren Ergüsse einsamer Phantasten den gleichen Stellenwert wie eine öffentliche Untersuchung vor dem US Kongress, ist einfach absurd.

Spinnern wie Wisnewki, der in seinem neuen Buch den Unfalltod Jörg Haiders als Mossad-Anschlag ”enttarnt”, wird eine Bühne geboten, auf der er seinen Unfug auf gleicher Augenhöhe mit Experten, Augenzeugen und Betroffenen absondern kann. Was kommt als nächstes, ein Club 2 mit David Irving, ob es die Gaskammern in Auschwitz wirklich gegeben hat?

Bei so monströsen Ereignissen handelt es sich um kein Laborexperiment. Daher wird es nie über alle Details zum Hergang 100%-ige Sicherheit geben können. Wir wissen bis heute nicht genau, wie die Pyramiden entstanden sind. Das ändert nichts daran, dass es sie gibt, und dass es höchstwahrscheinlich nicht die Außerirdischen waren, die sie erbaut haben.

Ich diskutiere daher auch den Hergang selbst nicht mehr. Man darf der Taktik der 9/11 Truther nicht auch noch Vorschub leisten, indem man sich ständig in die Defensive drängen lässt. Sollte jemals einer der Truther eine kongruente Darstellung über die gesamten Geschehnisse abliefern, werde ich gerne die passenden Fragen dazu stellen.

Die Quellen sind bekannt, einige habe ich zitiert. Es steht jedem frei, zu lesen. Es steht jedem frei, dumm zu sterben.

Nachtrag:Der Blödsinn als Mainstream”, ein sehr guter Kommentar von Hans Rauscher im STANDARD über die “tiefe geistige Desorientierung” des ORF. (pdf)

Und noch drei Links über den ganzen Unsinn:
9/11 Morons, für alle, die gerne lachen
Popular Mechanics, für alle, die es ganz genau wissen wollen
Mosaik 9/11, für alle, die lieber in deutscher Sprache lesen

Zum  Abschluss dieser neverending story eine ARTE-Dokumentation (5 Teile) über die Geschichte der Verschwörungstheorien, ihre antisemitischen Stereotype und ihre epidemische Verbreitung von 1789 über die Protokolle der Weisen von Zion und Lady Diana bis zu Thierry Meyssans kruden 9/11-Theorien. Vielen Dank an @Ludivico für diesen Tipp!

Und noch ein allerletzter Link: der ROLLING STONE war dabei und hat die ganze Verschwörung genau protokolliert! (pdf)


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Bildungsauftrag

Die kritiklose Verbreitung obskurer Verschwörungstheorien zu 9/11 durch den ORF ist ein handfester Skandal.

Wie soll ein öffentlich-rechtlicher Rundfunksender der Terroranschläge des 11. September gedenken? Das ZDF tat das zum Beispiel mit einer ausführlichen chronologischen Dokumentation der Ereignisse, die über weite Strecken aus der Sicht von Augenzeugen gedreht war und Opfer und Betroffene zu Wort kommen ließ, und einem anschließenden Beitrag über die geläufigsten Mythen rund um 9/11 in einer ”langen Nacht der Verschwörungstheorien”.

Wien ist anders. Und so zeigt der ORF die wirre Pseudo-Dokumentation ”9/11 – Was steckt wirklich dahinter?”, die mit allen Mitteln den Eindruck zu erwecken versucht, die Anschläge wären von den USA selbst verursacht. Ein italienischer Propagandafilm á la Michael Moore, der in dramatischem Diktus längst beantwortete Fragen aufwirft. Die alten sattsam bekannten 9/11-Mythen werden neu aufgewärmt.

Dabei agiert der ORF als Wiederholungstäter. Schon vor zwei Jahren hat er sich für die deutschsprachige Erstausstrahlung eines ähnlichen Werks hergegeben: ”9/11 Mysteries – Die Zerstörung des World Trade Centers”, der wie der heuer ausgestrahlte Film im Internet Karriere gemacht hat.

Durch das Machwerk führt der durchgeknallte Anarchist Dario Fo, der so tut, als hätte er statt des Nobelpreises für Literatur den für Statik bekommen. Zu Wort kommen selbst ernannte Experten vom Kaliber eines Gore Vidal oder Jürgen Elsässer, der vor kurzem Ahmadinejad zur Wiederwahl gratulierte und die iranischen Oppositionellen als “Discomiezen“ und „Strichjungen des Finanzkapitals” denunzierte. Das Ganze wird von einer seriösen ”Universum-Stimme” synchronisiert. Auf der ORF-Website wird die „deutschsprachige Erstaufführung“ als „penibel recherchierte Doku“ angepriesen, die „die damaligen Ereignisse in einem völlig neuen Licht erscheinen lässt“.

Es ist immer dasselbe: Man konstruiert im Nachhinein Zusammenhänge wo keine sind und bringt das Publikum mit suggestiven Fragen dorthin, wo man es haben möchte. Vermeintliche Ungereimtheiten werden aufgezeigt und Vermutungen angestellt: Eine schlüssige alternative Darstellung der Ereignisse wird nicht geliefert (wie denn auch?). Man fordert, jede noch so idiotische Behauptung im Detail zu widerlegen und jede noch so unbedeutende Einzelheit genau zu rekonstruieren, man selbst braucht aber gar nichts zu beweisen. Es reicht, den Generalverdacht zu konstruieren, den Rest besorgt dann schon die Phantasie des Publikums. Wenn dann noch Ressentiments gegen Amerika oder Israel bedient werden, kann nichts mehr schiefgehen, der Erfolg ist quasi garantiert. Das Muster funktioniert seit den Protokollen der Weisen von Zion.

Wie verblödet muss man eigentlich sein, um zu glauben, man könne ein Gebäude mit 400.000 m² Nutzfläche, in dem 50.000 Menschen arbeiten, heimlich zur Sprengung vorbereiten, wenn solche Arbeiten schon in einem leeren Industrieobjekt Monate in Anspruch nehmen? Wer flog denn in das WTC, wenn es nicht Atta & Co. waren? Wo ist denn das Flugzeug, das nicht ins Pentagon geflogen ist? Und wo sind dessen Passagiere? Mit Elvis Karten spielen?

Wirkliche Verschwörungen haben immer nur sehr wenige Beteiligte und Mitwisser. Sie sind trotzdem aufgeflogen. Von der Ermordung Cäsars bis Watergate. In unserer Zeit wird bereits der Oralverkehr eines amerikanischen Präsidenten zum publizistischen Weltereignis. Und diese Menschen glauben ernsthaft, unter der Clinton-Administration könnte eine gigantische Verschwörung, die tausende Amerikaner das Leben kostet, ausgeheckt und bis ins Detail vorbereitet worden sein, die dann unter der Bush-Regierung exekutiert wird, und nichts, rein gar nichts, dringt nach außen! Hunderte Helfer, Selbstmordattentäter, Sprengstoff- und Raketenexperten, verschwundene Flugzeuge samt Passagieren. Und alle Beteiligten halten bis heute dicht?

Welches Weltbild haben Menschen, die lieber solchen Irrsinn glauben, als zur Kenntnis zu nehmen, wozu islamische Terroristen fähig sind? Gab es dafür seither nicht mehr als genug Beispiele, von London bis Madrid, von Bali bis Mumbai? Es muss diesen Irren körperliche Schmerzen bereiten, sich damit abzufinden, dass nicht immer die blöden Amis oder der hinterlistige Jud’ schuld sind.

Es gehört bei uns nun einmal zur Meinungsfreiheit, dass auch der größte Spinner öffentlich seinem Wahn nachhängen kann. Aber dass ein staatlicher Fernsehsender, der sich mit Zwangsgebühren finanziert, den Jahrestag des furchtbarsten Terroranschlags der Geschichte, der unser aller Leben für immer verändert hat, mit diesem Unsinn begeht, ist ein handfester Skandal.

P.S. Wer sich über die von den Verschwörungstheoretikern aufgeworfenen Fragen informieren will, kann das unter anderem auf folgenden Websites tun:

http://www.spiegel.de/spiegelspecial/0,1518,435547,00.html
http://en.wikipedia.org/wiki/9/11_conspiracy_theories

http://www.debunking911.com/index.html

http://www.debunk911myths.org

http://www.911myths.com

http://emptv.com/research/loose-change
http://www.conspiracyscience.com/articles/zeitgeist

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Wenn Gnade Unrecht ist: die Schlussstrich-Mentalität

Der Wunsch nach dem Schlussstrich ist sattsam bekannter Ausdruck der deutschen Sehnsucht, sich selbst zu exkulpieren, um sich aus der unliebsamen Vergangenheit zu stehlen. Dabei ist die Schlusstrich-Mentalität kein Privileg der Kriegsgeneration, wie in der Debatte um die Begnadigung von RAF Terroristen deutlich geworden ist.

Deutschland war zu Beginn der 60er Jahre für viele ein zwar erfolgreiches aber zugleich enges Land, in dem sich ein guter Teil der gesellschaftlichen Würdenträger aus hochrangigen Nazis und deren opportunistischen Mitläufern rekrutierte. Tausende Richter, Lehrer und Professoren machten Karriere, unbehelligt von Justiz oder gesellschaftlicher Ächtung.

Viele Jugendliche gingen in Opposition zu ihrer kleinbürgerlichen Herkunft, suchten geistigen Aufbruch und sexuelle Befreiung. Identitätsstiftend, gleichsam kleinster gemeinsamer Nenner des Zeitgeists, waren die Opposition zum Vietnamkrieg und der Kampf gegen Springer-Presse und Konsumgesellschaft. Die Vätergeneration taugte nicht als Vorbild sondern musste sich der Frage nach ihrer schuldhaften Verstrickung mit dem Nationalsozialismus stellen. So war eine ganze Generation auf der Suche nach ihrer Identität.

Im Spannungsfeld von Identitätssuche und Orientierungslosigkeit, von sexueller Befreiung und persönlicher Verklemmtheit, formierten sich unzählige linke Gruppierungen wie SDS, APO, Kommune 1 und eben auch die RAF. Die Melange aus Kleinbürgertum und Revolutionsromantik, Idealismus und Naivität erschuf Biographien wie jene von Ulrike Meinhof, die von der pazifistischen Journalistin zur Terroristin wurde. In diesem Klima konnte ein verwöhnter, notorischer Kleinkrimineller wie Andreas Baader zum charismatischen Führer des »bewaffneten Kampfes« aufsteigen.

Dabei war die 68er Bewegung von Beginn an mit schweren Geburtsfehlern behaftet. Der Rauch revolutionärer Lagerfeuerromantik vernebelte den Blick auf die Gräueltaten sozialistischer Führer von Che Guevara bis Mao. Die Ablehnung des Vietnamkriegs endete in blankem Antiamerikanismus. Die Schwärmerei für Befreiungskämpfe mündete in blinde Solidarität mit Terroristen. Die Überwindung gesellschaftlicher Schranken mutierte zur Bekämpfung des demokratischen Rechtsstaats, die Verachtung des Bürgertums zur Missachtung der bürgerlichen Freiheiten.

Viele ehemalige 68er haben später erfolgreich den »Marsch durch die Institutionen« angetreten. Sie sind mittlerweile Anwälte, Ärzte, Werber oder Minister geworden und haben Redaktionen und Fernsehstudios erobert. Sie gehören zum Establishment und prägen die öffentliche Meinung. Und so wie ihre Väter wollen sie nicht von den Schatten ihrer Vergangenheit eingeholt werden.

Natürlich mag Joschka Fischer nicht daran erinnert werden, dass er seine politische Laufbahn als Straßenkämpfer begonnen hat. Und Otto Schily ist es heute vermutlich peinlich, dass er als RAF-Strafverteidiger die deutschen Militärbasen der USA mit dem Reichssicherheitshauptamt verglichen hat. Keiner, der einst gegen die Mär der „Isolationsfolter“ demonstriert hat, mag heute hören, dass die Protagonisten der „ersten Generation“ der RAF bis zu ihrer Verurteilung 1977 die privilegiertesten Häftlinge in der Geschichte des deutschen Strafvollzugs gewesen waren, hunderte Bücher, tägliche Versammlungen, Fernsehen und Zeitungsabos inklusive.

Viele 68er haben die Welt gesehen wie der Göttinger Mescalero, der nach der Ermordung Bubacks seine „klammheimliche Freude nicht verhehlen“ konnte (heute freut man sich ja ganz offen über den Tod seines politischen Gegners). Ihr Weltbild entsprach grundsätzlich dem der RAF, auch wenn sie zu Gewalt ein anderes Verhältnis hatten.

Nun will eine ganze Generation einen Schlussstrich unter die eigene Vergangenheit ziehen. Deswegen wurden Mohnhaupt und Klar begnadigt. Dabei ist eine vorzeitige Begnadigung gerade bei diesen beiden besonders absurd. Die Terroristen wurden wegen 9-fachen Mordes und 11-fachen Mordversuchs verurteilt. 3 Jahre Haft für ein Menschenleben sind ein unmoralischer Rabatt auf die Höchststrafe – und im konkreten Fall ganz besonders unverdient.

Beide haben sich bis heute nicht zu ihren Taten bekannt und die vollständige Aufklärung der Morde bis heute verhindert. Wegen ihres Schweigens konnte eine der mutmaßlichen Mörderinnen, Verena Becker, erst jetzt, mehr als 30 Jahre nach der Tat, verhaftet werden. Mohnhaupt und Klar sind erst Mitte 50. Sie haben die letzten 25 Jahre geatmet, geschmeckt, gerochen, gesehen, gehört und gefühlt – hinter Gittern zwar, aber 25 Jahre länger als ihre Opfer. Und sie werden noch einmal so lange in Freiheit leben. Sie sind reuelose Serienmörder. Sie kannten keine Gnade mit ihren Opfern. Sie verdienen keine Gnade von uns.

P.S.: Dass die Nachfolgepartei der SED einen Wahlsieg nach dem anderen einfährt, dass das Bild der DDR-Diktatur zunehmend von verkitschten Ostalgie-Shows geprägt wird, dass es heute schon wieder heißt “es war nicht alles schlecht”, ist ebenfalls ein Symptom der krankhaften Schlussstrich-Mentalität. Und Besserung ist nicht in Sicht.

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Wiener Blut

Es ist schön, wenn sich Menschen für Frieden und Versöhnung einsetzen. Frau Dr. Edit Schlaffer hat (auch) zu diesem Zweck die Initiative “Frauen ohne Grenzen” gegründet und SAVE initiiert. Als Soziologin weiß sie natürlich ganz genau, wie der Nahost-Konflikt zu lösen ist:

“In diesem weltweit hochgerüsteten Klima gibt es Versuche von Gegenbewegungen, die der Legitimität von Gewalt auf beiden Seiten der Fronten etwas entgegenhalten: ihre Entschlossenheit, den Feinden nicht mit Waffen, sondern Worten zu begegnen, ihnen zuzuhören, mit ihnen zu verhandeln, ihre grenzenlose, oft tödliche Wut zu begreifen und die eigene Verzweiflung zu vermitteln.

Robi Damelin lebt in Tel Aviv, aber ihre Gedanken und Gefühle sind auch bei den Müttern und jungen Menschen auf der palästinensischen Seite. Sie hat ihren Sohn David bei einem Anschlag auf einen Checkpoint verloren, als er als Reservist einberufen wurde. Eigentlich wollte er nicht in den besetzten Gebieten dienen, aber er und seine Mutter kamen zu dem Schluss, dass es besser wäre, den jungen Soldaten zu zeigen, dass man Palästinenser respektvoll behandeln kann, und so ein Zeichen zu setzen.” (pdf)

Das hat nicht besonders gut funktioniert. David und neun seiner Kollegen wurden nämlich von einem palästinensischen Heckenschützen getötet. Respekt kann ziemlich unbedankt bleiben, wenn der andere schneller schießt.

Was dann folgte, bezeichnet Frau Dr. Schlaffer als “Test für Robis Versöhnungsarbeit”, sie schrieb einen Brief an den inzwischen inhaftierten Mörder ihres Sohnes:

“Ich weiß, dass du nicht David getötet hast, sondern David als Symbol für die Besatzer.”

Gut zu wissen, dass die Hamas statt echter Menschen nur Symbole killt: “Du entschuldige, sei mir nicht bös`, dass ich dich jetzt abknalle, ist nichts Persönliches, nur wegen der Symbolik, ok?” “Na dann!”

Davids Tod ist jedenfalls sehr real und vermutlich würde er lieber leben, als ein totes Symbol für die “Besatzer” abzugeben. Doch Robis Brief war gut gemeint:

Wenn er irgendwann imstande ist, mir einen Brief zu schreiben, in dem er sagt, dass er falsch gehandelt hat, könnte er unendlich viele Menschen, die ihn heute als Helden feiern, beeinflussen, denn er und seine Freunde müssen einsehen, dass Töten nicht zu einem freien und unabhängigen palästinensischen Staat führen wird.

Ihr Brief blieb bis heute unbeantwortet. Der Heckenschütze zieht den Heldenstatus offensichtlich einer unsicheren zweiten Karriere als spät berufener Friedensengel vor.

Nun steht es sicher niemandem zu, darüber zu urteilen, wie eine Mutter den Schmerz über den Verlust ihres Sohnes verarbeitet. Aus persönlicher Verzweiflung ein politisches Programm zu machen, kann aber nur schiefgehen. Schmerz und Trauer sind keine Qualifikation.

Die Ereignisse liegen inzwischen sechs Jahre zurück, und das Ausmaß an Einsicht kann man an der Anzahl an Raketen messen, die seither von der Hamas gegen Israel abgefeuert wurden. Auch dass Davids respektvoller Umgang mit den Palästinensern mit seiner Ermordung bedankt worden ist und Robis an Selbstverleugnung grenzende “Versöhnungsarbeit” nur Ignoranz geerntet hat, ficht Frau Dr. Schlaffer nicht an. Sie ergibt sich widerstandslos dem Mainstream undifferenzierter Äquidistanz, die weder Ursache noch Wirkung kennt.

So endet ihr Kommentar auch wenig überraschend:

“Es ist besser, gemeinsam um den Tisch zu sitzen und zu reden und zu streiten, als am offenen Grab zu stehen und zu weinen.”

“No na”, kann man dazu auf gut Wienerisch nur sagen.

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9/11: Time To Remember

Einen der besten Texte zu 9/11 hat Bruce Bawer geschrieben, ein in Norwegen lebender amerikanischer Autor. Sein bekanntestes Buch ist “While Europe Slept – How Radical Islam Is Destroying The West From Within” aus dem Jahr 2006. Standpunkte hat den herausragenden Text, der im Original in der linksliberalen holländischen Tageszeitung De Volkskrant erschienen ist, ins Deutsche übersetzt:

Bruce Bawer:
9/11, Five Years Later: A View from Europe

Unlängst habe ich zum vielleicht 20-igsten Mal „Casablanca“ gesehen. Die Charaktere des Films bestehen aus Menschen aus den Vereinigten Staaten, Norwegen, Großbritannien, Deutschland, Frankreich, den Niederlanden, der Tschechoslowakei und Bulgarien, deren entsetzliche Erfahrungen im von den Nazis besetzten Europa sie etwas Kostbares gelehrt haben: den Wert der Freiheit. Viele sehnen sich nach einer Überfahrt nach Amerika, einem Leuchtfeuer der Freiheit in einer sich verdunkelnden Welt. In einer mitreißenden Szene beginnen Nazi-Offiziere in Rick’s Café „Die Wacht am Rhein“ zu singen und die anderen Gäste erwidern mit der Marseillaise.

Irgendetwas wie dieses Gefühl internationaler Einheit für die Sache der Freiheit hatte ich vom Westen nach 9/11 erwartet. Aber es kam nicht auf. Warum? Weitgehend aufgrund der Unfähigkeit, das Wesen des Feindes zu verstehen: Islamistischer Terrorismus wird nach wie vor von vielen als verzweifelte Antwort auf Armut, Unterdrückung und/oder westliche Außenpolitik charakterisiert und nicht als das, was es ist: Ein Jihad von Leuten, die danach trachten, den Westen zu erobern, so wie einst Mohammed Nordafrika, indem sie die Ungläubigen unterwerfen und die Scharia einführen. Erst kürzlich gestand George W. Bush endlich ein, dass wir gegen „Islamische Faschisten“ kämpfen – nur um angesichts der Kritik wieder zur leeren Phrase vom „Krieg gegen den Terror“ zurückzukehren.

Zwar verstehen manche den Feind, unterschätzen aber trotzdem seine Fähigkeiten. Die eigene Behaglichkeit kann der eigene Untergang sein: genauso wie es unvorstellbar erschienen sein mag, dass die Zwillingstürme so leicht zu Fall gebracht werden könnten, mag sich nun unsere Gesellschaft unzerstörbar fühlen, und die Vorstellung, sie verteidigen zu müssen, mag anmuten – nun, wie aus einem alten Film. Viele junge Europäer wähnen sich in einem Gefühl absoluter Sicherheit. Für das völlige Fehlen des Bewusstseins einer deutlichen, gegenwärtigen Bedrohung ihrer Freiheit gibt es noch markantere Zeichen als die Che-Guevara T-Shirts und Palästinenser Schals, mit denen sie vorgeben, sich mit dem trügerischen Glanz einer gewalttätigen Revolution gegen ihre eigene Gesellschaft zu identifizieren.

Am 11. September war ich (so wie jetzt) ein New Yorker, der in Oslo lebt. Noch an diesem Tag habe ich begriffen, dass ich meine Heimat nie verlassen hatte – denn dies war, wie mir bewusst war, nicht nur ein Angriff auf meine Heimatstadt sondern auf die ganze freie Welt. Wir waren offensichtlich im Krieg – nicht nur mit Terroristen, sondern auch mit ihren Verbündeten im Westen. Ich wusste über Letzteres bereits ein wenig Bescheid: als ich 1999 in Amsterdams Oud-West lebte, sah ich mich um und realisierte, dass ich es bisher verabsäumt hatte, ein wesentliches Teil des europäischen Puzzles zur Kenntnis zu nehmen: nämlich das Aufkommen Muslimischer Gemeinschaften, die keine vorübergehenden Phänomene waren (wie das mittlerweile verschwundene polnische Viertel in Manhattan, in dem mein Vater aufgewachsen ist), sondern der Beginn einer schnell wachsenden, sich selbst abschottenden, europäischen islamischen Gesellschaft, die immer selbstbewusster und bestimmter in ihrer Ablehnung der westlichen Werte wurde. Die Feiern in den Straßen von Ede (niederländische Provinz, Anm. d. Übers.) und anderswo nach 9/11 erhärteten meine Vorstellung von den Furcht erregenden Möglichkeiten, die diese Enklaven repräsentierten.

In Folge von 9/11 fühlten sich europäische Führer verpflichtet, Amerika bei seiner Invasion nach Afghanistan zu folgen. Aber die ursprüngliche Zurschaustellung von Solidarität durch Politiker und Intellektuelle („Wir sind alle Amerikaner“) wich schnell Erklärungen, dass die USA selbst – durch ihre Unterstützung Israels, das Stützen arabischer Diktatoren, die Verbreitung der Globalisierung, etc. – 9/11 herausgefordert hätten. Aber doch nicht Europa. Europa war der Freund der Muslime. Und die Muslime wussten das. Also war Europa sicher. Der norwegische Autor Gert Nygårdshaug machte sich höhnisch über den Gedanken lustig, es könne bald einen Anschlag auf „Oslo oder Rom oder Kopenhagen“ geben. Er war mit seinem Spott bei weitem nicht alleine.

Dann kamen Madrid, London, Bali, Beslan und Mumbai. Van Gogh wurde abgeschlachtet, die Muslime randalierten in Frankreich, ihre Glaubensgenossen tobten in Dänemark über die Zeitungscartoons über Mohammed. Die westliche Elite spielte jeglichen Zusammenhang zwischen diesen Ereignissen herunter, verleugnete ihn sogar. Doch von Jahr zu Jahr ist die Wahrheit immer klarer zu Tage getreten: obwohl die USA das Ziel von 9/11 waren, verläuft die Frontlinie im Krieg gegen den Islamismus durch Europa.

Im Übrigen ist es ein Krieg, in dem die mächtigste Waffe des Feindes nicht Bomben sind sondern die Demographie. Die moslemischen Einwanderungszahlen bleiben auf hohem Niveau, ebenso die Geburtenraten. Freilich, nur ein winziger Prozentsatz der Muslime sind Terroristen, aber viele mehr – die ihre „Nachrichten“ von Satellitensendern wie Al-Jazeera beziehen und gegenseitig ihre Feindseligkeit gegen den Westen in Moscheen, Kulturzentren und Internetforen nähren – halten die europäische Kultur für untolerierbar dekadent und teilen das jihadistische Ziel eines europäischen Kalifats, das im Einklang mit den Prinzipien des Koran regiert wird. Neuere Umfragen zeigen, dass zumindest 40% der Muslime im Vereinigten Königreich Großbritannien gerne unter dem Gesetz der Scharia sehen würden, und dass zumindest einer von vier die Anschläge vom 7. Juli billigt. Die Rhetorik des europäischen Establishments über Gegensätze, Armut und Ignoranz sind keine Erklärung: die brennendsten anti-westlichen Gefühle hegen nicht die analphabetischen Einwanderer aus arabischen Dörfern, sondern ihre in Europa geborenen Kinder, die gut leben und BMW fahren.

In ganz Europa haben nur die Dänen weitläufig ernsthafte Maßnahmen ergriffen, dem Fortschreiten dessen, was der Gelehrte Bat Ye‘or „Eurabia“ genannt hat, Einhalt zu gebieten. Die Ergebnisse: Die Immigration ist in Dänemark gesunken, die Integration hat sich verbessert. Trotzdem haben sogar in Dänemark die Todesdrohungen gegen die Cartoonisten die freie Welt unfreier gemacht.

Auch anderswo ist die Scharia auf dem Vormarsch. Belgische Gesetze verbieten mittlerweile die „Islamophobie“; ähnliche Gesetze passierten im letzten Jahr Englands „House of Commons“, wurden aber von den Lords (House of Lords, zweite gesetzgebende Kammer, Anm. d. Übers.) für nichtig erklärt. In Norwegen kann man jetzt inhaftiert werden, wenn man Religion von jemandem beleidigt hat (und die Beweislast liegt beim Angeklagten). Einen grausigen Vorgeschmack auf die Zukunft Europas hat letzten Februar Oslo geliefert, wo auf einer staatlich geförderten Pressekonferenz der Herausgeber Velbjørn Selbekk – der nach dem Nachdruck der Mohammed-Cartoons wochenlang Todesdrohungen getrotzt hatte – eine plötzliche Kehrtwendung vollzog und vor der größten Ansammlung von Imamen in der norwegischen Geschichte unterwürfig Abbitte leistete. Die norwegische Regierung bejubelte diese Kapitulation und bezeichnete sie als „Versöhnung“: später besuchte eine offizielle Delegation Katar, um den muslimischen Führer Yusuf al-Qaradawi ebenfalls um Vergebung zu bitten.

Was ist mit Amerika? Keine Frage, die Arroganz von Bush, seine Inkompetenz, seine Unfähigkeit sich auszudrücken, seine Taubheit gegenüber Kritik und seine Toleranz gegenüber der Folter haben es (mit Andrew Sullivans Worten) „fertig gebracht, die moralische Überlegenheit gegenüber dem Bösen des Islamismus in den Schmutz zu ziehen“ – und dadurch die Amerikaner polarisiert und dazu beigetragen, die Europäer zu entfremden, in einer Zeit in der Einigkeit entscheidend ist. (Die Entlassung von verzweifelt gesuchten Experten für Arabische Sprachen aus dem US-Militär weil sie schwul waren, bezeugt die Dauerhaftigkeit eines absurden Vorurteils, von dem ich dachte, dass es angesichts der realen tödlichen Bedrohung seit 9/11 verblassen würde.) In den USA wie auch in Europa sollten es Politiker und Journalisten besser wissen, als das haarsträubende Mantra zu wiederholen, der Islam bedeute „Friede“, Jihad bedeute „Inneres Ringen“ und die Extremisten würden „den Islam kidnappen“.

Doch trotz aller amerikanischen Fehltritte ist das Urteil der europäischen Elite, die USA seien die Bedrohung Nummer 1 in der Welt, ebenso obszön und selbstzerstörerisch gewesen wie das unermüdliche Weißwaschen der wirklichen Bedrohung durch dieselbe Elite.

Am 11. September hätte ich mir niemals vorstellen können, dass fünf Jahre später ein Mann, der sich weigert, die Steinigung weiblicher Ehebrecher zu verurteilen, als führende Stimme eines „gemäßigten“ europäischen Islam anerkannt werden würde; dass europäische Regierungen noch immer Moscheen und Koranschulen innerhalb ihrer Grenzen finanzieren würden, die Verachtung für Demokratie, Juden, Homosexuelle und Gleichberechtigung der Geschlechter unterrichten; dass der Amsterdamer Bürgermeister Job Cohen dafür eintreten würde, die Unterdrückung muslimischer Frauen im Westen zu akzeptieren; und dass Britannien noch immer die radikalen Kleriker beschützen würde, Königin Elisabeth Leute wie Iqbal Sacranie zum Ritter schlägt (der Homosexualität „unakzeptabel“ nennt), und Londons Bürgermeister Ken Livingston den eingangs erwähnten al-Qaradawi (der Selbstmordattentäter ebenso verteidigt hat wie die Hinrichtung Schwuler) als „fortschrittlich“ preist.

Die Wahnvorstellung dauert an: im August berichtete die Associated Press, dass die Deutschen „fassungslos“ von der Nachricht eines geplanten Bombenanschlags auf Züge in ihrem Land seien, weil sie dachten ihre „Opposition zum Irak-Krieg würde sie vom Terrorismus abschirmen“; und Britanniens „Minister für Gemeinwesen“ („Communities Secretary“) versprach im Anschluss an die Verhaftung „Englischer Burschen“, die geplant hatten, Flüge von London in die USA in die Luft zu sprengen, einen Vorschlag der muslimischen Führer zu prüfen, potentielle Inlandsattentäter zu besänftigen, indem man die Scharia in Immigrantenbezirken einführt.

Ich würde es am 9. September niemals für möglich gehalten haben, dass sich 2006 die meisten Europäer noch immer nicht darüber bewusst sind – um nur zwei zufällige Beispiele herauszupicken, dass (nach einer EU-Studie) mehr als sieben von zehn Immigrantinnen in Schweden von „honor-related violence“ betroffen sind (Gewalt im Zusammenhang mit Ehre, es gibt im Deutschen dafür keinen passenden Begriff, wir kennen nur „Ehrenmorde“, also deren schrecklichste Ausprägung, Anm. d. Übers.), und dass es in Frankreich (einem französischen Regierungsbericht folgend) jüdische Kinder gibt, die aufgrund der Peinigung durch muslimische Klassenkameraden „nicht länger ausgebildet werden können“. Einige gesetzgebende Behörden haben bereits das Handtuch geworfen: 2004 gab die schwedische Polizei zu, dass „sie die Situation in Malmö nicht unter Kontrolle habe“, eine Stadt, die von muslimischen Vergewaltigungen und Raubüberfällen geplagt wird; diesen August, nach einer muslimischen Bandenschießerei in Oslo, sagte die Polizei, sie wäre „nicht gewillt, gegen diese Banden vorzugehen, weil sie um ihre eigene Sicherheit fürchte.“

9/11 wurde die freie Welt eindringlich an ihre Freiheit erinnert. In Europa indes wurde der Geist dieses Tages von einem Establishment platt gewalzt, das – anscheinend weil es die Unvermeidbarkeit der Islamisierung Europas bereits akzeptiert hat – routinemäßig die Wahrheit auf den Kopf stellt, indem es die Angreifer als Opfer präsentiert und Selbstverteidigung als aufrührerisch. Dieses verkehrte Bild muss man zurecht rücken, und den Geist von 9/11 wieder aufleben lassen. Denn das Fazit ist einfach:

Wenn wir unsere Freiheiten nicht mit der gleichen Leidenschaft verehren, wie die Jihadisten ihren Glauben bewahren, werden wir verlieren. (pdf)

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