S t a n d p u n k t e


2 Kommentare

Wer solche Freunde hat, braucht keine Feinde

Die Deutschen jammern, dass sie von den Amerikanern nur als Partner zweiter Klasse gesehen und ausspioniert werden. Was haben sie erwartet? Alles andere wäre Pflichtverletzung der NSA

Edward Snowden hat laut eigener Aussage nur deshalb für den amerikanischen Geheimdienst gearbeitet, um die durch seine Tätigkeit gewonnenen Informationen zu verraten. In jedem Staat der Welt wäre dies ein Fall von Landesverrat, jeder Staat der Welt würde alle in seiner Macht liegenden politischen, diplomatischen und rechtlichen Mittel ergreifen, um ihn vor Gericht zu stellen.

In diesem Zusammenhang von Menschenjagd zu sprechen oder die Fahndung nach ihm gar mit der Fatwa gegen Salman Rushdie zu vergleichen (wie in Facebook-Posts zu lesen war), ist ebenso obszön wie heuchlerisch. Obszön, weil der Vergleich die legale Verfolgung eines vermutlichen Straftäters mit einem weltweiten Mordaufruf gegen einen Schriftsteller gleichsetzt. Heuchlerisch, weil niemand von den vermeintlichen Enthüllungen Snowdens überrascht sein kann.

Zweite Klasse? Was sonst?

Dass nun ausgerechnet Deutschland jammert, von Amerika als Partner zweiter Klasse behandelt zu werden, ist mehr als lächerlich. Was denn sonst?

Die intellektuelle Elite dieses Landes hat sich nach dem Terroranschlag vom 11. September 2001 gegenseitig darin überboten, die Täter zu exkulpieren und Amerika und den kapitalistischen Westen als wahre Schuldige am tausendfachen Mord zu entlarven. Je nach Anlass werden jeden Tag Amerika, Israel, der Kapitalismus oder überhaupt “der Westen” für alle Unbill dieser Welt verantwortlich gemacht. George W. Bush war jahrelang der wohl meistgehasste politische Repräsentant der Welt. Nicht Kim Jong Il, nicht Mahmud Ahmadi-Nejad, nicht Slobodan Milosevic und all die anderen Unterdrücker und Schlächter ihrer Völker. Und schon gar nicht Wladimir Putin, der “lupenreine Demokrat” (Gerhard Schröder). Der deutsche Mainstream in Politik und Feuilleton ist amerikafeindlich. Die deutsche Elite kotzt sich seit eh und je gegen Amerika aus. Und jetzt jammert sie, weil sie von den USA nicht als “best friend” verortet wird?

Wer solche Freunde hat, braucht keine Feinde mehr. Würde die NSA einen solchen Staat nicht beobachten, würde sie ihre Pflicht verletzen.

Umgekehrt ist es die Aufgabe des BND, die Abhörung von Telefonaten und E-Mails der politischen und wirtschaftlichen Elite Deutschlands zu verhindern. Sollten die deutschen Dienste dazu nicht in der Lage sein, wäre dies der eigentliche Skandal. Was übrigens niemand glauben sollte: Die deutschen Dienste haben die Erkenntnisse ihrer amerikanischen Kollegen immer schon genutzt, und man kennt einander gut. Wer glaubt, dass ungeschützte Mails und Telefonate vertraulich seien, möge einmal “Echelon” und “Carnivore” googeln.

Den Empörten geht es nicht um Freiheit oder den Schutz der Privatsphäre. Sonst würden sie mit gleicher Vehemenz dagegen auftreten, dass der Staat gestohlene Daten vermeintlicher Steuersünder kauft und als oberster Hehler seinen Handlangern nicht nur Straffreiheit gewährt, sondern auch ein Leben als Germany’s Next Millionaire ermöglicht. Oder behauptet jemand ernsthaft, dass Uli Hoeneß eine größere Bedrohung als Al-Kaida darstellt?

Besonders unappetitlich wird die öffentliche Empörung, wenn die NSA mit der Stasi verglichen wird. Der Unterschied ist offensichtlich: Die Stasi diente einem totalitären Regime. Ihr Blockwartsystem hat sich dadurch ausgezeichnet, dass jeder – Familie und Freunde eingeschlossen – jeden überwacht hat.

Schäbige Verniedlichung

Die beinahe lückenlose Durchdringung des Privaten durch Spitzel war das Charakteristikum der Stasi, nicht die Aufzeichnung, wer wann mit wem telefoniert hat. Beides gleichzusetzen, passt zur schäbigen Verniedlichung der zweiten deutschen Diktatur in Kunst, Kultur und Feuilleton.

Wenn zwei das Gleiche tun, ist das noch lange nicht dasselbe. Auch wenn man das hierzulande nicht gerne hört, weil es den “Wir sind alle Opfer” -Mythos stört: Es ist nicht dasselbe, ob man im Zweiten Weltkrieg Soldat der deutschen Armee war oder Soldat der Alliierten. Es ist nicht dasselbe, ob man im Kalten Krieg für den amerikanischen Geheimdienst gearbeitet hat oder für den russischen. Und auch heute ist der Unterschied zwischen NSA und Stasi mindestens so groß wie der zwischen New York und Leipzig.

Den Assanges und Snowdens geht es nicht um den Schutz von Freiheit oder Privatheit. Es geht ihnen ausschließlich darum, die Position des Westens zu schwächen. Wem sie damit dienen, mag man daran ableiten, in welchen Ländern sie Schutz suchen. Auffällig ist jedenfalls, dass die Linke ihre Lieblingsfrage nach dem “cui bono” in diesen Fällen nicht stellt. Honi soit qui mal y pense.

Wimmerl auf Facebook teilen

Als Verfechter eines schwachen Staats muss man gegen die Macht der Geheimdienste antreten. Aber wer sein Land verrät, ist kein Whistleblower, sondern Verräter. Und wer freiwillig jedes Wimmerl im Arsch mit seinen Facebook-Freunden teilt, braucht sich über den Schutz seiner Privatsphäre ohnehin keine Sorgen zu machen.

http://derstandard.at/1371171763644/Wer-solche-Freunde-hat-braucht-keine-Feinde


13 Kommentare

Nachlese: 9/11 im ORF

Nach der Ausstrahlung des unsäglichen 9/11-Machwerks legte der ORF noch ein Schäuflein nach und lebte seine Obsession nach Verschwörungstheorien in ”Weltjournal” und ”Club 2” aus. Deshalb, und als Antwort auf die vielen Reaktionen auf meinen Beitrag, noch ein paar abschließende Worte.

Was mich wirklich wütend macht, ist die schamlose Täter / Opfer Umkehr, die mit diesen quotenschielenden Enthüllungen einher geht. Hier ist jeglicher moralische Kompass verloren gegangen.

Der Skandal besteht nicht im Film an sich, der richtet sich selbst. Der Skandal besteht darin, dass ein öffentlich-rechtlicher Sender den Eindruck erweckt, hier stünden zwei Interpretationen des selben Ereignisses gleichwertig nebeneinander. So zu tun, als hätten die wirren Ergüsse einsamer Phantasten den gleichen Stellenwert wie eine öffentliche Untersuchung vor dem US Kongress, ist einfach absurd.

Spinnern wie Wisnewki, der in seinem neuen Buch den Unfalltod Jörg Haiders als Mossad-Anschlag ”enttarnt”, wird eine Bühne geboten, auf der er seinen Unfug auf gleicher Augenhöhe mit Experten, Augenzeugen und Betroffenen absondern kann. Was kommt als nächstes, ein Club 2 mit David Irving, ob es die Gaskammern in Auschwitz wirklich gegeben hat?

Bei so monströsen Ereignissen handelt es sich um kein Laborexperiment. Daher wird es nie über alle Details zum Hergang 100%-ige Sicherheit geben können. Wir wissen bis heute nicht genau, wie die Pyramiden entstanden sind. Das ändert nichts daran, dass es sie gibt, und dass es höchstwahrscheinlich nicht die Außerirdischen waren, die sie erbaut haben.

Ich diskutiere daher auch den Hergang selbst nicht mehr. Man darf der Taktik der 9/11 Truther nicht auch noch Vorschub leisten, indem man sich ständig in die Defensive drängen lässt. Sollte jemals einer der Truther eine kongruente Darstellung über die gesamten Geschehnisse abliefern, werde ich gerne die passenden Fragen dazu stellen.

Die Quellen sind bekannt, einige habe ich zitiert. Es steht jedem frei, zu lesen. Es steht jedem frei, dumm zu sterben.

Nachtrag:Der Blödsinn als Mainstream”, ein sehr guter Kommentar von Hans Rauscher im STANDARD über die “tiefe geistige Desorientierung” des ORF. (pdf)

Und noch drei Links über den ganzen Unsinn:
9/11 Morons, für alle, die gerne lachen
Popular Mechanics, für alle, die es ganz genau wissen wollen
Mosaik 9/11, für alle, die lieber in deutscher Sprache lesen

Zum  Abschluss dieser neverending story eine ARTE-Dokumentation (5 Teile) über die Geschichte der Verschwörungstheorien, ihre antisemitischen Stereotype und ihre epidemische Verbreitung von 1789 über die Protokolle der Weisen von Zion und Lady Diana bis zu Thierry Meyssans kruden 9/11-Theorien. Vielen Dank an @Ludivico für diesen Tipp!

Und noch ein allerletzter Link: der ROLLING STONE war dabei und hat die ganze Verschwörung genau protokolliert! (pdf)


33 Kommentare

Bildungsauftrag

Die kritiklose Verbreitung obskurer Verschwörungstheorien zu 9/11 durch den ORF ist ein handfester Skandal.

Wie soll ein öffentlich-rechtlicher Rundfunksender der Terroranschläge des 11. September gedenken? Das ZDF tat das zum Beispiel mit einer ausführlichen chronologischen Dokumentation der Ereignisse, die über weite Strecken aus der Sicht von Augenzeugen gedreht war und Opfer und Betroffene zu Wort kommen ließ, und einem anschließenden Beitrag über die geläufigsten Mythen rund um 9/11 in einer ”langen Nacht der Verschwörungstheorien”.

Wien ist anders. Und so zeigt der ORF die wirre Pseudo-Dokumentation ”9/11 – Was steckt wirklich dahinter?”, die mit allen Mitteln den Eindruck zu erwecken versucht, die Anschläge wären von den USA selbst verursacht. Ein italienischer Propagandafilm á la Michael Moore, der in dramatischem Diktus längst beantwortete Fragen aufwirft. Die alten sattsam bekannten 9/11-Mythen werden neu aufgewärmt.

Dabei agiert der ORF als Wiederholungstäter. Schon vor zwei Jahren hat er sich für die deutschsprachige Erstausstrahlung eines ähnlichen Werks hergegeben: ”9/11 Mysteries – Die Zerstörung des World Trade Centers”, der wie der heuer ausgestrahlte Film im Internet Karriere gemacht hat.

Durch das Machwerk führt der durchgeknallte Anarchist Dario Fo, der so tut, als hätte er statt des Nobelpreises für Literatur den für Statik bekommen. Zu Wort kommen selbst ernannte Experten vom Kaliber eines Gore Vidal oder Jürgen Elsässer, der vor kurzem Ahmadinejad zur Wiederwahl gratulierte und die iranischen Oppositionellen als “Discomiezen“ und „Strichjungen des Finanzkapitals” denunzierte. Das Ganze wird von einer seriösen ”Universum-Stimme” synchronisiert. Auf der ORF-Website wird die „deutschsprachige Erstaufführung“ als „penibel recherchierte Doku“ angepriesen, die „die damaligen Ereignisse in einem völlig neuen Licht erscheinen lässt“.

Es ist immer dasselbe: Man konstruiert im Nachhinein Zusammenhänge wo keine sind und bringt das Publikum mit suggestiven Fragen dorthin, wo man es haben möchte. Vermeintliche Ungereimtheiten werden aufgezeigt und Vermutungen angestellt: Eine schlüssige alternative Darstellung der Ereignisse wird nicht geliefert (wie denn auch?). Man fordert, jede noch so idiotische Behauptung im Detail zu widerlegen und jede noch so unbedeutende Einzelheit genau zu rekonstruieren, man selbst braucht aber gar nichts zu beweisen. Es reicht, den Generalverdacht zu konstruieren, den Rest besorgt dann schon die Phantasie des Publikums. Wenn dann noch Ressentiments gegen Amerika oder Israel bedient werden, kann nichts mehr schiefgehen, der Erfolg ist quasi garantiert. Das Muster funktioniert seit den Protokollen der Weisen von Zion.

Wie verblödet muss man eigentlich sein, um zu glauben, man könne ein Gebäude mit 400.000 m² Nutzfläche, in dem 50.000 Menschen arbeiten, heimlich zur Sprengung vorbereiten, wenn solche Arbeiten schon in einem leeren Industrieobjekt Monate in Anspruch nehmen? Wer flog denn in das WTC, wenn es nicht Atta & Co. waren? Wo ist denn das Flugzeug, das nicht ins Pentagon geflogen ist? Und wo sind dessen Passagiere? Mit Elvis Karten spielen?

Wirkliche Verschwörungen haben immer nur sehr wenige Beteiligte und Mitwisser. Sie sind trotzdem aufgeflogen. Von der Ermordung Cäsars bis Watergate. In unserer Zeit wird bereits der Oralverkehr eines amerikanischen Präsidenten zum publizistischen Weltereignis. Und diese Menschen glauben ernsthaft, unter der Clinton-Administration könnte eine gigantische Verschwörung, die tausende Amerikaner das Leben kostet, ausgeheckt und bis ins Detail vorbereitet worden sein, die dann unter der Bush-Regierung exekutiert wird, und nichts, rein gar nichts, dringt nach außen! Hunderte Helfer, Selbstmordattentäter, Sprengstoff- und Raketenexperten, verschwundene Flugzeuge samt Passagieren. Und alle Beteiligten halten bis heute dicht?

Welches Weltbild haben Menschen, die lieber solchen Irrsinn glauben, als zur Kenntnis zu nehmen, wozu islamische Terroristen fähig sind? Gab es dafür seither nicht mehr als genug Beispiele, von London bis Madrid, von Bali bis Mumbai? Es muss diesen Irren körperliche Schmerzen bereiten, sich damit abzufinden, dass nicht immer die blöden Amis oder der hinterlistige Jud’ schuld sind.

Es gehört bei uns nun einmal zur Meinungsfreiheit, dass auch der größte Spinner öffentlich seinem Wahn nachhängen kann. Aber dass ein staatlicher Fernsehsender, der sich mit Zwangsgebühren finanziert, den Jahrestag des furchtbarsten Terroranschlags der Geschichte, der unser aller Leben für immer verändert hat, mit diesem Unsinn begeht, ist ein handfester Skandal.

P.S. Wer sich über die von den Verschwörungstheoretikern aufgeworfenen Fragen informieren will, kann das unter anderem auf folgenden Websites tun:

http://www.spiegel.de/spiegelspecial/0,1518,435547,00.html
http://en.wikipedia.org/wiki/9/11_conspiracy_theories

http://www.debunking911.com/index.html

http://www.debunk911myths.org

http://www.911myths.com

http://emptv.com/research/loose-change
http://www.conspiracyscience.com/articles/zeitgeist

» Artikel drucken (pdf)

Nachlese »


1 Kommentar

9/11: Time To Remember

Einen der besten Texte zu 9/11 hat Bruce Bawer geschrieben, ein in Norwegen lebender amerikanischer Autor. Sein bekanntestes Buch ist “While Europe Slept – How Radical Islam Is Destroying The West From Within” aus dem Jahr 2006. Standpunkte hat den herausragenden Text, der im Original in der linksliberalen holländischen Tageszeitung De Volkskrant erschienen ist, ins Deutsche übersetzt:

Bruce Bawer:
9/11, Five Years Later: A View from Europe

Unlängst habe ich zum vielleicht 20-igsten Mal „Casablanca“ gesehen. Die Charaktere des Films bestehen aus Menschen aus den Vereinigten Staaten, Norwegen, Großbritannien, Deutschland, Frankreich, den Niederlanden, der Tschechoslowakei und Bulgarien, deren entsetzliche Erfahrungen im von den Nazis besetzten Europa sie etwas Kostbares gelehrt haben: den Wert der Freiheit. Viele sehnen sich nach einer Überfahrt nach Amerika, einem Leuchtfeuer der Freiheit in einer sich verdunkelnden Welt. In einer mitreißenden Szene beginnen Nazi-Offiziere in Rick’s Café „Die Wacht am Rhein“ zu singen und die anderen Gäste erwidern mit der Marseillaise.

Irgendetwas wie dieses Gefühl internationaler Einheit für die Sache der Freiheit hatte ich vom Westen nach 9/11 erwartet. Aber es kam nicht auf. Warum? Weitgehend aufgrund der Unfähigkeit, das Wesen des Feindes zu verstehen: Islamistischer Terrorismus wird nach wie vor von vielen als verzweifelte Antwort auf Armut, Unterdrückung und/oder westliche Außenpolitik charakterisiert und nicht als das, was es ist: Ein Jihad von Leuten, die danach trachten, den Westen zu erobern, so wie einst Mohammed Nordafrika, indem sie die Ungläubigen unterwerfen und die Scharia einführen. Erst kürzlich gestand George W. Bush endlich ein, dass wir gegen „Islamische Faschisten“ kämpfen – nur um angesichts der Kritik wieder zur leeren Phrase vom „Krieg gegen den Terror“ zurückzukehren.

Zwar verstehen manche den Feind, unterschätzen aber trotzdem seine Fähigkeiten. Die eigene Behaglichkeit kann der eigene Untergang sein: genauso wie es unvorstellbar erschienen sein mag, dass die Zwillingstürme so leicht zu Fall gebracht werden könnten, mag sich nun unsere Gesellschaft unzerstörbar fühlen, und die Vorstellung, sie verteidigen zu müssen, mag anmuten – nun, wie aus einem alten Film. Viele junge Europäer wähnen sich in einem Gefühl absoluter Sicherheit. Für das völlige Fehlen des Bewusstseins einer deutlichen, gegenwärtigen Bedrohung ihrer Freiheit gibt es noch markantere Zeichen als die Che-Guevara T-Shirts und Palästinenser Schals, mit denen sie vorgeben, sich mit dem trügerischen Glanz einer gewalttätigen Revolution gegen ihre eigene Gesellschaft zu identifizieren.

Am 11. September war ich (so wie jetzt) ein New Yorker, der in Oslo lebt. Noch an diesem Tag habe ich begriffen, dass ich meine Heimat nie verlassen hatte – denn dies war, wie mir bewusst war, nicht nur ein Angriff auf meine Heimatstadt sondern auf die ganze freie Welt. Wir waren offensichtlich im Krieg – nicht nur mit Terroristen, sondern auch mit ihren Verbündeten im Westen. Ich wusste über Letzteres bereits ein wenig Bescheid: als ich 1999 in Amsterdams Oud-West lebte, sah ich mich um und realisierte, dass ich es bisher verabsäumt hatte, ein wesentliches Teil des europäischen Puzzles zur Kenntnis zu nehmen: nämlich das Aufkommen Muslimischer Gemeinschaften, die keine vorübergehenden Phänomene waren (wie das mittlerweile verschwundene polnische Viertel in Manhattan, in dem mein Vater aufgewachsen ist), sondern der Beginn einer schnell wachsenden, sich selbst abschottenden, europäischen islamischen Gesellschaft, die immer selbstbewusster und bestimmter in ihrer Ablehnung der westlichen Werte wurde. Die Feiern in den Straßen von Ede (niederländische Provinz, Anm. d. Übers.) und anderswo nach 9/11 erhärteten meine Vorstellung von den Furcht erregenden Möglichkeiten, die diese Enklaven repräsentierten.

In Folge von 9/11 fühlten sich europäische Führer verpflichtet, Amerika bei seiner Invasion nach Afghanistan zu folgen. Aber die ursprüngliche Zurschaustellung von Solidarität durch Politiker und Intellektuelle („Wir sind alle Amerikaner“) wich schnell Erklärungen, dass die USA selbst – durch ihre Unterstützung Israels, das Stützen arabischer Diktatoren, die Verbreitung der Globalisierung, etc. – 9/11 herausgefordert hätten. Aber doch nicht Europa. Europa war der Freund der Muslime. Und die Muslime wussten das. Also war Europa sicher. Der norwegische Autor Gert Nygårdshaug machte sich höhnisch über den Gedanken lustig, es könne bald einen Anschlag auf „Oslo oder Rom oder Kopenhagen“ geben. Er war mit seinem Spott bei weitem nicht alleine.

Dann kamen Madrid, London, Bali, Beslan und Mumbai. Van Gogh wurde abgeschlachtet, die Muslime randalierten in Frankreich, ihre Glaubensgenossen tobten in Dänemark über die Zeitungscartoons über Mohammed. Die westliche Elite spielte jeglichen Zusammenhang zwischen diesen Ereignissen herunter, verleugnete ihn sogar. Doch von Jahr zu Jahr ist die Wahrheit immer klarer zu Tage getreten: obwohl die USA das Ziel von 9/11 waren, verläuft die Frontlinie im Krieg gegen den Islamismus durch Europa.

Im Übrigen ist es ein Krieg, in dem die mächtigste Waffe des Feindes nicht Bomben sind sondern die Demographie. Die moslemischen Einwanderungszahlen bleiben auf hohem Niveau, ebenso die Geburtenraten. Freilich, nur ein winziger Prozentsatz der Muslime sind Terroristen, aber viele mehr – die ihre „Nachrichten“ von Satellitensendern wie Al-Jazeera beziehen und gegenseitig ihre Feindseligkeit gegen den Westen in Moscheen, Kulturzentren und Internetforen nähren – halten die europäische Kultur für untolerierbar dekadent und teilen das jihadistische Ziel eines europäischen Kalifats, das im Einklang mit den Prinzipien des Koran regiert wird. Neuere Umfragen zeigen, dass zumindest 40% der Muslime im Vereinigten Königreich Großbritannien gerne unter dem Gesetz der Scharia sehen würden, und dass zumindest einer von vier die Anschläge vom 7. Juli billigt. Die Rhetorik des europäischen Establishments über Gegensätze, Armut und Ignoranz sind keine Erklärung: die brennendsten anti-westlichen Gefühle hegen nicht die analphabetischen Einwanderer aus arabischen Dörfern, sondern ihre in Europa geborenen Kinder, die gut leben und BMW fahren.

In ganz Europa haben nur die Dänen weitläufig ernsthafte Maßnahmen ergriffen, dem Fortschreiten dessen, was der Gelehrte Bat Ye‘or „Eurabia“ genannt hat, Einhalt zu gebieten. Die Ergebnisse: Die Immigration ist in Dänemark gesunken, die Integration hat sich verbessert. Trotzdem haben sogar in Dänemark die Todesdrohungen gegen die Cartoonisten die freie Welt unfreier gemacht.

Auch anderswo ist die Scharia auf dem Vormarsch. Belgische Gesetze verbieten mittlerweile die „Islamophobie“; ähnliche Gesetze passierten im letzten Jahr Englands „House of Commons“, wurden aber von den Lords (House of Lords, zweite gesetzgebende Kammer, Anm. d. Übers.) für nichtig erklärt. In Norwegen kann man jetzt inhaftiert werden, wenn man Religion von jemandem beleidigt hat (und die Beweislast liegt beim Angeklagten). Einen grausigen Vorgeschmack auf die Zukunft Europas hat letzten Februar Oslo geliefert, wo auf einer staatlich geförderten Pressekonferenz der Herausgeber Velbjørn Selbekk – der nach dem Nachdruck der Mohammed-Cartoons wochenlang Todesdrohungen getrotzt hatte – eine plötzliche Kehrtwendung vollzog und vor der größten Ansammlung von Imamen in der norwegischen Geschichte unterwürfig Abbitte leistete. Die norwegische Regierung bejubelte diese Kapitulation und bezeichnete sie als „Versöhnung“: später besuchte eine offizielle Delegation Katar, um den muslimischen Führer Yusuf al-Qaradawi ebenfalls um Vergebung zu bitten.

Was ist mit Amerika? Keine Frage, die Arroganz von Bush, seine Inkompetenz, seine Unfähigkeit sich auszudrücken, seine Taubheit gegenüber Kritik und seine Toleranz gegenüber der Folter haben es (mit Andrew Sullivans Worten) „fertig gebracht, die moralische Überlegenheit gegenüber dem Bösen des Islamismus in den Schmutz zu ziehen“ – und dadurch die Amerikaner polarisiert und dazu beigetragen, die Europäer zu entfremden, in einer Zeit in der Einigkeit entscheidend ist. (Die Entlassung von verzweifelt gesuchten Experten für Arabische Sprachen aus dem US-Militär weil sie schwul waren, bezeugt die Dauerhaftigkeit eines absurden Vorurteils, von dem ich dachte, dass es angesichts der realen tödlichen Bedrohung seit 9/11 verblassen würde.) In den USA wie auch in Europa sollten es Politiker und Journalisten besser wissen, als das haarsträubende Mantra zu wiederholen, der Islam bedeute „Friede“, Jihad bedeute „Inneres Ringen“ und die Extremisten würden „den Islam kidnappen“.

Doch trotz aller amerikanischen Fehltritte ist das Urteil der europäischen Elite, die USA seien die Bedrohung Nummer 1 in der Welt, ebenso obszön und selbstzerstörerisch gewesen wie das unermüdliche Weißwaschen der wirklichen Bedrohung durch dieselbe Elite.

Am 11. September hätte ich mir niemals vorstellen können, dass fünf Jahre später ein Mann, der sich weigert, die Steinigung weiblicher Ehebrecher zu verurteilen, als führende Stimme eines „gemäßigten“ europäischen Islam anerkannt werden würde; dass europäische Regierungen noch immer Moscheen und Koranschulen innerhalb ihrer Grenzen finanzieren würden, die Verachtung für Demokratie, Juden, Homosexuelle und Gleichberechtigung der Geschlechter unterrichten; dass der Amsterdamer Bürgermeister Job Cohen dafür eintreten würde, die Unterdrückung muslimischer Frauen im Westen zu akzeptieren; und dass Britannien noch immer die radikalen Kleriker beschützen würde, Königin Elisabeth Leute wie Iqbal Sacranie zum Ritter schlägt (der Homosexualität „unakzeptabel“ nennt), und Londons Bürgermeister Ken Livingston den eingangs erwähnten al-Qaradawi (der Selbstmordattentäter ebenso verteidigt hat wie die Hinrichtung Schwuler) als „fortschrittlich“ preist.

Die Wahnvorstellung dauert an: im August berichtete die Associated Press, dass die Deutschen „fassungslos“ von der Nachricht eines geplanten Bombenanschlags auf Züge in ihrem Land seien, weil sie dachten ihre „Opposition zum Irak-Krieg würde sie vom Terrorismus abschirmen“; und Britanniens „Minister für Gemeinwesen“ („Communities Secretary“) versprach im Anschluss an die Verhaftung „Englischer Burschen“, die geplant hatten, Flüge von London in die USA in die Luft zu sprengen, einen Vorschlag der muslimischen Führer zu prüfen, potentielle Inlandsattentäter zu besänftigen, indem man die Scharia in Immigrantenbezirken einführt.

Ich würde es am 9. September niemals für möglich gehalten haben, dass sich 2006 die meisten Europäer noch immer nicht darüber bewusst sind – um nur zwei zufällige Beispiele herauszupicken, dass (nach einer EU-Studie) mehr als sieben von zehn Immigrantinnen in Schweden von „honor-related violence“ betroffen sind (Gewalt im Zusammenhang mit Ehre, es gibt im Deutschen dafür keinen passenden Begriff, wir kennen nur „Ehrenmorde“, also deren schrecklichste Ausprägung, Anm. d. Übers.), und dass es in Frankreich (einem französischen Regierungsbericht folgend) jüdische Kinder gibt, die aufgrund der Peinigung durch muslimische Klassenkameraden „nicht länger ausgebildet werden können“. Einige gesetzgebende Behörden haben bereits das Handtuch geworfen: 2004 gab die schwedische Polizei zu, dass „sie die Situation in Malmö nicht unter Kontrolle habe“, eine Stadt, die von muslimischen Vergewaltigungen und Raubüberfällen geplagt wird; diesen August, nach einer muslimischen Bandenschießerei in Oslo, sagte die Polizei, sie wäre „nicht gewillt, gegen diese Banden vorzugehen, weil sie um ihre eigene Sicherheit fürchte.“

9/11 wurde die freie Welt eindringlich an ihre Freiheit erinnert. In Europa indes wurde der Geist dieses Tages von einem Establishment platt gewalzt, das – anscheinend weil es die Unvermeidbarkeit der Islamisierung Europas bereits akzeptiert hat – routinemäßig die Wahrheit auf den Kopf stellt, indem es die Angreifer als Opfer präsentiert und Selbstverteidigung als aufrührerisch. Dieses verkehrte Bild muss man zurecht rücken, und den Geist von 9/11 wieder aufleben lassen. Denn das Fazit ist einfach:

Wenn wir unsere Freiheiten nicht mit der gleichen Leidenschaft verehren, wie die Jihadisten ihren Glauben bewahren, werden wir verlieren. (pdf)


1 Kommentar

Das schönste Manifest der Freiheitsliebe

The Declaration of Independence
In Congress, July 4, 1776

The unanimous Declaration of the thirteen united States of America

When in the Course of human events, it becomes necessary for one people to dissolve the political bands which have connected them with another, and to assume among the powers of the earth, the separate and equal station to which the Laws of Nature and of Nature’s God entitle them, a decent respect to the opinions of mankind requires that they should declare the causes which impel them to the separation.

We hold these truths to be self-evident, that all men are created equal, that they are endowed by their Creator with certain unalienable Rights, that among these are Life, Liberty and the pursuit of Happiness.

That to secure these rights, Governments are instituted among Men, deriving their just powers from the consent of the governed,

That whenever any Form of Government becomes destructive of these ends, it is the Right of the People to alter or to abolish it, and to institute new Government, laying its foundation on such principles and organizing its powers in such form, as to them shall seem most likely to effect their Safety and Happiness. Prudence, indeed, will dictate that Governments long established should not be changed for light and transient causes; and accordingly all experience hath shewn, that mankind are more disposed to suffer, while evils are sufferable, than to right themselves by abolishing the forms to which they are accustomed. But when a long train of abuses and usurpations, pursuing invariably the same Object evinces a design to reduce them under absolute Despotism, it is their right, it is their duty, to throw off such Government, and to provide new Guards for their future security.

Such has been the patient sufferance of these Colonies; and such is now the necessity which constrains them to alter their former Systems of Government. The history of the present King of Great Britain is a history of repeated injuries and usurpations, all having in direct object the establishment of an absolute Tyranny over these States. To prove this, let Facts be submitted to a candid world.

He has refused his Assent to Laws, the most wholesome and necessary for the public good.

He has forbidden his Governors to pass Laws of immediate and pressing importance, unless suspended in their operation till his Assent should be obtained; and when so suspended, he has utterly neglected to attend to them.

He has refused to pass other Laws for the accommodation of large districts of people, unless those people would relinquish the right of Representation in the Legislature, a right inestimable to them and formidable to tyrants only.

He has called together legislative bodies at places unusual, uncomfortable, and distant from the depository of their public Records, for the sole purpose of fatiguing them into compliance with his measures.

He has dissolved Representative Houses repeatedly, for opposing with manly firmness his invasions on the rights of the people.

He has refused for a long time, after such dissolutions, to cause others to be elected; whereby the Legislative powers, incapable of Annihilation, have returned to the People at large for their exercise; the State remaining in the mean time exposed to all the dangers of invasion from without, and convulsions within.

He has endeavoured to prevent the population of these States; for that purpose obstructing the Laws for Naturalization of Foreigners; refusing to pass others to encourage their migrations hither, and raising the conditions of new Appropriations of Lands.

He has obstructed the Administration of Justice, by refusing his Assent to Laws for establishing Judiciary powers.

He has made Judges dependent on his Will alone, for the tenure of their offices, and the amount and payment of their salaries.

He has erected a multitude of New Offices, and sent hither swarms of Officers to harrass our people, and eat out their substance.

He has kept among us, in times of peace, Standing Armies without the Consent of our legislatures.

He has affected to render the Military independent of and superior to the Civil power.

He has combined with others to subject us to a jurisdiction foreign to our constitution, and unacknowledged by our laws; giving his Assent to their Acts of pretended Legislation:

For Quartering large bodies of armed troops among us:

For protecting them, by a mock Trial, from punishment for any Murders which they should commit on the Inhabitants of these States:

For cutting off our Trade with all parts of the world:

For imposing Taxes on us without our Consent:

For depriving us in many cases, of the benefits of Trial by Jury:

For transporting us beyond Seas to be tried for pretended offences

For abolishing the free System of English Laws in a neighbouring Province, establishing therein an Arbitrary government, and enlarging its Boundaries so as to render it at once an example and fit instrument for introducing the same absolute rule into these Colonies:

For taking away our Charters, abolishing our most valuable Laws, and altering fundamentally the Forms of our Governments:

For suspending our own Legislatures, and declaring themselves invested with power to legislate for us in all cases whatsoever.

He has abdicated Government here, by declaring us out of his Protection and waging War against us.

He has plundered our seas, ravaged our Coasts, burnt our towns, and destroyed the lives of our people.

He is at this time transporting large Armies of foreign Mercenaries to compleat the works of death, desolation and tyranny, already begun with circumstances of Cruelty & perfidy scarcely paralleled in the most barbarous ages, and totally unworthy the Head of a civilized nation.

He has constrained our fellow Citizens taken Captive on the high Seas to bear Arms against their Country, to become the executioners of their friends and Brethren, or to fall themselves by their Hands.

He has excited domestic insurrections amongst us, and has endeavoured to bring on the inhabitants of our frontiers, the merciless Indian Savages, whose known rule of warfare, is an undistinguished destruction of all ages, sexes and conditions.

In every stage of these Oppressions We have Petitioned for Redress in the most humble terms: Our repeated Petitions have been answered only by repeated injury. A Prince whose character is thus marked by every act which may define a Tyrant, is unfit to be the ruler of a free people.

Nor have We been wanting in attentions to our Brittish brethren. We have warned them from time to time of attempts by their legislature to extend an unwarrantable jurisdiction over us. We have reminded them of the circumstances of our emigration and settlement here. We have appealed to their native justice and magnanimity, and we have conjured them by the ties of our common kindred to disavow these usurpations, which, would inevitably interrupt our connections and correspondence. They too have been deaf to the voice of justice and of consanguinity. We must, therefore, acquiesce in the necessity, which denounces our Separation, and hold them, as we hold the rest of mankind, Enemies in War, in Peace Friends.

We, therefore, the Representatives of the united States of America, in General Congress, Assembled, appealing to the Supreme Judge of the world for the rectitude of our intentions, do, in the Name, and by Authority of the good People of these Colonies, solemnly publish and declare, That these United Colonies are, and of Right ought to be Free and Independent States; that they are Absolved from all Allegiance to the British Crown, and that all political connection between them and the State of Great Britain, is and ought to be totally dissolved; and that as Free and Independent States, they have full Power to levy War, conclude Peace, contract Alliances, establish Commerce, and to do all other Acts and Things which Independent States may of right do. And for the support of this Declaration, with a firm reliance on the protection of divine Providence, we mutually pledge to each other our Lives, our Fortunes and our sacred Honor.

pdf mit offzieller deutscher Übersetzung »

Follow

Erhalte jeden neuen Beitrag in deinen Posteingang.

Schließe dich 75 Followern an