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9/11: Time To Remember

Ein Kommentar

Einen der besten Texte zu 9/11 hat Bruce Bawer geschrieben, ein in Norwegen lebender amerikanischer Autor. Sein bekanntestes Buch ist „While Europe Slept – How Radical Islam Is Destroying The West From Within“ aus dem Jahr 2006. Standpunkte hat den herausragenden Text, der im Original in der linksliberalen holländischen Tageszeitung De Volkskrant erschienen ist, ins Deutsche übersetzt:

Bruce Bawer:
9/11, Five Years Later: A View from Europe

Unlängst habe ich zum vielleicht 20-igsten Mal „Casablanca“ gesehen. Die Charaktere des Films bestehen aus Menschen aus den Vereinigten Staaten, Norwegen, Großbritannien, Deutschland, Frankreich, den Niederlanden, der Tschechoslowakei und Bulgarien, deren entsetzliche Erfahrungen im von den Nazis besetzten Europa sie etwas Kostbares gelehrt haben: den Wert der Freiheit. Viele sehnen sich nach einer Überfahrt nach Amerika, einem Leuchtfeuer der Freiheit in einer sich verdunkelnden Welt. In einer mitreißenden Szene beginnen Nazi-Offiziere in Rick’s Café „Die Wacht am Rhein“ zu singen und die anderen Gäste erwidern mit der Marseillaise.

Irgendetwas wie dieses Gefühl internationaler Einheit für die Sache der Freiheit hatte ich vom Westen nach 9/11 erwartet. Aber es kam nicht auf. Warum? Weitgehend aufgrund der Unfähigkeit, das Wesen des Feindes zu verstehen: Islamistischer Terrorismus wird nach wie vor von vielen als verzweifelte Antwort auf Armut, Unterdrückung und/oder westliche Außenpolitik charakterisiert und nicht als das, was es ist: Ein Jihad von Leuten, die danach trachten, den Westen zu erobern, so wie einst Mohammed Nordafrika, indem sie die Ungläubigen unterwerfen und die Scharia einführen. Erst kürzlich gestand George W. Bush endlich ein, dass wir gegen „Islamische Faschisten“ kämpfen – nur um angesichts der Kritik wieder zur leeren Phrase vom „Krieg gegen den Terror“ zurückzukehren.

Zwar verstehen manche den Feind, unterschätzen aber trotzdem seine Fähigkeiten. Die eigene Behaglichkeit kann der eigene Untergang sein: genauso wie es unvorstellbar erschienen sein mag, dass die Zwillingstürme so leicht zu Fall gebracht werden könnten, mag sich nun unsere Gesellschaft unzerstörbar fühlen, und die Vorstellung, sie verteidigen zu müssen, mag anmuten – nun, wie aus einem alten Film. Viele junge Europäer wähnen sich in einem Gefühl absoluter Sicherheit. Für das völlige Fehlen des Bewusstseins einer deutlichen, gegenwärtigen Bedrohung ihrer Freiheit gibt es noch markantere Zeichen als die Che-Guevara T-Shirts und Palästinenser Schals, mit denen sie vorgeben, sich mit dem trügerischen Glanz einer gewalttätigen Revolution gegen ihre eigene Gesellschaft zu identifizieren.

Am 11. September war ich (so wie jetzt) ein New Yorker, der in Oslo lebt. Noch an diesem Tag habe ich begriffen, dass ich meine Heimat nie verlassen hatte – denn dies war, wie mir bewusst war, nicht nur ein Angriff auf meine Heimatstadt sondern auf die ganze freie Welt. Wir waren offensichtlich im Krieg – nicht nur mit Terroristen, sondern auch mit ihren Verbündeten im Westen. Ich wusste über Letzteres bereits ein wenig Bescheid: als ich 1999 in Amsterdams Oud-West lebte, sah ich mich um und realisierte, dass ich es bisher verabsäumt hatte, ein wesentliches Teil des europäischen Puzzles zur Kenntnis zu nehmen: nämlich das Aufkommen Muslimischer Gemeinschaften, die keine vorübergehenden Phänomene waren (wie das mittlerweile verschwundene polnische Viertel in Manhattan, in dem mein Vater aufgewachsen ist), sondern der Beginn einer schnell wachsenden, sich selbst abschottenden, europäischen islamischen Gesellschaft, die immer selbstbewusster und bestimmter in ihrer Ablehnung der westlichen Werte wurde. Die Feiern in den Straßen von Ede (niederländische Provinz, Anm. d. Übers.) und anderswo nach 9/11 erhärteten meine Vorstellung von den Furcht erregenden Möglichkeiten, die diese Enklaven repräsentierten.

In Folge von 9/11 fühlten sich europäische Führer verpflichtet, Amerika bei seiner Invasion nach Afghanistan zu folgen. Aber die ursprüngliche Zurschaustellung von Solidarität durch Politiker und Intellektuelle („Wir sind alle Amerikaner“) wich schnell Erklärungen, dass die USA selbst – durch ihre Unterstützung Israels, das Stützen arabischer Diktatoren, die Verbreitung der Globalisierung, etc. – 9/11 herausgefordert hätten. Aber doch nicht Europa. Europa war der Freund der Muslime. Und die Muslime wussten das. Also war Europa sicher. Der norwegische Autor Gert Nygårdshaug machte sich höhnisch über den Gedanken lustig, es könne bald einen Anschlag auf „Oslo oder Rom oder Kopenhagen“ geben. Er war mit seinem Spott bei weitem nicht alleine.

Dann kamen Madrid, London, Bali, Beslan und Mumbai. Van Gogh wurde abgeschlachtet, die Muslime randalierten in Frankreich, ihre Glaubensgenossen tobten in Dänemark über die Zeitungscartoons über Mohammed. Die westliche Elite spielte jeglichen Zusammenhang zwischen diesen Ereignissen herunter, verleugnete ihn sogar. Doch von Jahr zu Jahr ist die Wahrheit immer klarer zu Tage getreten: obwohl die USA das Ziel von 9/11 waren, verläuft die Frontlinie im Krieg gegen den Islamismus durch Europa.

Im Übrigen ist es ein Krieg, in dem die mächtigste Waffe des Feindes nicht Bomben sind sondern die Demographie. Die moslemischen Einwanderungszahlen bleiben auf hohem Niveau, ebenso die Geburtenraten. Freilich, nur ein winziger Prozentsatz der Muslime sind Terroristen, aber viele mehr – die ihre „Nachrichten“ von Satellitensendern wie Al-Jazeera beziehen und gegenseitig ihre Feindseligkeit gegen den Westen in Moscheen, Kulturzentren und Internetforen nähren – halten die europäische Kultur für untolerierbar dekadent und teilen das jihadistische Ziel eines europäischen Kalifats, das im Einklang mit den Prinzipien des Koran regiert wird. Neuere Umfragen zeigen, dass zumindest 40% der Muslime im Vereinigten Königreich Großbritannien gerne unter dem Gesetz der Scharia sehen würden, und dass zumindest einer von vier die Anschläge vom 7. Juli billigt. Die Rhetorik des europäischen Establishments über Gegensätze, Armut und Ignoranz sind keine Erklärung: die brennendsten anti-westlichen Gefühle hegen nicht die analphabetischen Einwanderer aus arabischen Dörfern, sondern ihre in Europa geborenen Kinder, die gut leben und BMW fahren.

In ganz Europa haben nur die Dänen weitläufig ernsthafte Maßnahmen ergriffen, dem Fortschreiten dessen, was der Gelehrte Bat Ye‘or „Eurabia“ genannt hat, Einhalt zu gebieten. Die Ergebnisse: Die Immigration ist in Dänemark gesunken, die Integration hat sich verbessert. Trotzdem haben sogar in Dänemark die Todesdrohungen gegen die Cartoonisten die freie Welt unfreier gemacht.

Auch anderswo ist die Scharia auf dem Vormarsch. Belgische Gesetze verbieten mittlerweile die „Islamophobie“; ähnliche Gesetze passierten im letzten Jahr Englands „House of Commons“, wurden aber von den Lords (House of Lords, zweite gesetzgebende Kammer, Anm. d. Übers.) für nichtig erklärt. In Norwegen kann man jetzt inhaftiert werden, wenn man Religion von jemandem beleidigt hat (und die Beweislast liegt beim Angeklagten). Einen grausigen Vorgeschmack auf die Zukunft Europas hat letzten Februar Oslo geliefert, wo auf einer staatlich geförderten Pressekonferenz der Herausgeber Velbjørn Selbekk – der nach dem Nachdruck der Mohammed-Cartoons wochenlang Todesdrohungen getrotzt hatte – eine plötzliche Kehrtwendung vollzog und vor der größten Ansammlung von Imamen in der norwegischen Geschichte unterwürfig Abbitte leistete. Die norwegische Regierung bejubelte diese Kapitulation und bezeichnete sie als „Versöhnung“: später besuchte eine offizielle Delegation Katar, um den muslimischen Führer Yusuf al-Qaradawi ebenfalls um Vergebung zu bitten.

Was ist mit Amerika? Keine Frage, die Arroganz von Bush, seine Inkompetenz, seine Unfähigkeit sich auszudrücken, seine Taubheit gegenüber Kritik und seine Toleranz gegenüber der Folter haben es (mit Andrew Sullivans Worten) „fertig gebracht, die moralische Überlegenheit gegenüber dem Bösen des Islamismus in den Schmutz zu ziehen“ – und dadurch die Amerikaner polarisiert und dazu beigetragen, die Europäer zu entfremden, in einer Zeit in der Einigkeit entscheidend ist. (Die Entlassung von verzweifelt gesuchten Experten für Arabische Sprachen aus dem US-Militär weil sie schwul waren, bezeugt die Dauerhaftigkeit eines absurden Vorurteils, von dem ich dachte, dass es angesichts der realen tödlichen Bedrohung seit 9/11 verblassen würde.) In den USA wie auch in Europa sollten es Politiker und Journalisten besser wissen, als das haarsträubende Mantra zu wiederholen, der Islam bedeute „Friede“, Jihad bedeute „Inneres Ringen“ und die Extremisten würden „den Islam kidnappen“.

Doch trotz aller amerikanischen Fehltritte ist das Urteil der europäischen Elite, die USA seien die Bedrohung Nummer 1 in der Welt, ebenso obszön und selbstzerstörerisch gewesen wie das unermüdliche Weißwaschen der wirklichen Bedrohung durch dieselbe Elite.

Am 11. September hätte ich mir niemals vorstellen können, dass fünf Jahre später ein Mann, der sich weigert, die Steinigung weiblicher Ehebrecher zu verurteilen, als führende Stimme eines „gemäßigten“ europäischen Islam anerkannt werden würde; dass europäische Regierungen noch immer Moscheen und Koranschulen innerhalb ihrer Grenzen finanzieren würden, die Verachtung für Demokratie, Juden, Homosexuelle und Gleichberechtigung der Geschlechter unterrichten; dass der Amsterdamer Bürgermeister Job Cohen dafür eintreten würde, die Unterdrückung muslimischer Frauen im Westen zu akzeptieren; und dass Britannien noch immer die radikalen Kleriker beschützen würde, Königin Elisabeth Leute wie Iqbal Sacranie zum Ritter schlägt (der Homosexualität „unakzeptabel“ nennt), und Londons Bürgermeister Ken Livingston den eingangs erwähnten al-Qaradawi (der Selbstmordattentäter ebenso verteidigt hat wie die Hinrichtung Schwuler) als „fortschrittlich“ preist.

Die Wahnvorstellung dauert an: im August berichtete die Associated Press, dass die Deutschen „fassungslos“ von der Nachricht eines geplanten Bombenanschlags auf Züge in ihrem Land seien, weil sie dachten ihre „Opposition zum Irak-Krieg würde sie vom Terrorismus abschirmen“; und Britanniens „Minister für Gemeinwesen“ („Communities Secretary“) versprach im Anschluss an die Verhaftung „Englischer Burschen“, die geplant hatten, Flüge von London in die USA in die Luft zu sprengen, einen Vorschlag der muslimischen Führer zu prüfen, potentielle Inlandsattentäter zu besänftigen, indem man die Scharia in Immigrantenbezirken einführt.

Ich würde es am 9. September niemals für möglich gehalten haben, dass sich 2006 die meisten Europäer noch immer nicht darüber bewusst sind – um nur zwei zufällige Beispiele herauszupicken, dass (nach einer EU-Studie) mehr als sieben von zehn Immigrantinnen in Schweden von „honor-related violence“ betroffen sind (Gewalt im Zusammenhang mit Ehre, es gibt im Deutschen dafür keinen passenden Begriff, wir kennen nur „Ehrenmorde“, also deren schrecklichste Ausprägung, Anm. d. Übers.), und dass es in Frankreich (einem französischen Regierungsbericht folgend) jüdische Kinder gibt, die aufgrund der Peinigung durch muslimische Klassenkameraden „nicht länger ausgebildet werden können“. Einige gesetzgebende Behörden haben bereits das Handtuch geworfen: 2004 gab die schwedische Polizei zu, dass „sie die Situation in Malmö nicht unter Kontrolle habe“, eine Stadt, die von muslimischen Vergewaltigungen und Raubüberfällen geplagt wird; diesen August, nach einer muslimischen Bandenschießerei in Oslo, sagte die Polizei, sie wäre „nicht gewillt, gegen diese Banden vorzugehen, weil sie um ihre eigene Sicherheit fürchte.“

9/11 wurde die freie Welt eindringlich an ihre Freiheit erinnert. In Europa indes wurde der Geist dieses Tages von einem Establishment platt gewalzt, das – anscheinend weil es die Unvermeidbarkeit der Islamisierung Europas bereits akzeptiert hat – routinemäßig die Wahrheit auf den Kopf stellt, indem es die Angreifer als Opfer präsentiert und Selbstverteidigung als aufrührerisch. Dieses verkehrte Bild muss man zurecht rücken, und den Geist von 9/11 wieder aufleben lassen. Denn das Fazit ist einfach:

Wenn wir unsere Freiheiten nicht mit der gleichen Leidenschaft verehren, wie die Jihadisten ihren Glauben bewahren, werden wir verlieren. (pdf)

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