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Der größte Massenraubmord der Moderne

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Seit Daniel Goldhagen wissen wir, dass es nicht vorrangig „SS-Leute oder Mitglieder der NSDAP (waren), sondern ganz normale Deutsche aus allen Lebensbereichen, Männer und Frauen, die Juden willentlich und mit Eifer misshandelten und ermordeten.“ („Hitlers willige Vollstrecker“, Siedler Verlag, Berlin, 1996). Die Untersuchung des spezifisch deutschen eliminatorischen Antisemitismus war ein Meilenstein in der jüngeren Holocaust Forschung.

Götz Aly hat sich einem anderen Aspekt des Nationalsozialismus gewidmet, der bisher weitgehend unerforscht geblieben, für das Verständnis des Nationalsozialismus aber essentiell ist. In „Hitlers Volksstaat“ (S. Fischer, Frankfurt, 2005), beschreibt er, wie die Mehrheit der Deutschen von der „Gefälligkeitsdiktatur“ profitiert hat, wie die Zustimmung der Bevölkerung erkauft wurde, indem man sie „mit einer Mischung aus sozialpolitischen Wohltaten, guter Versorgung und kleinen Steuergeschenken“ ruhig stellte. Den Preis dafür zahlten die besetzten Länder und die Juden.

Dabei erwiesen sich die Deutschen als besonders raffinierte Plünderer. Der Raubzug wurde auf staatlicher Ebene abgewickelt, auf individueller Ebene wurde bezahlt: Mit in Deutschland gedruckten Reichskreditkassenscheinen wurde die kriegsbedingte Inflation in die besetzten Länder exportiert. Zwar konnten die RKK-Scheine vom Empfänger problemlos in die jeweilige Landeswährung umgetauscht werden, die Notenbank des besetzten Landes erhielt dafür aber keinen Gegenwert. So plünderten die deutschen Soldaten Europa und traten bei der einheimischen Bevölkerung trotzdem nicht als Räuber sondern als Käufer auf. Wurden die RKK-Scheine nach dem Waffenstillstand durch die jeweilige Landeswährung ersetzt, wurde auch diese nicht in Reichsmark gewechselt, sondern auf Clearing Konten oder gegen Kriegsanleihen gebucht. Ob Salz und Eier aus der Ukraine, Samt und Seide aus Frankreich, Likör, Kaffee und Tabak aus Griechenland, Schuhe aus Nordafrika, Pelze und Uhren aus Böhmen, ob Luxusgüter, Schweine oder Butter, die Räuber machten reiche Beute:

Den Deutschen ging es im Zweiten Weltkrieg besser als je zuvor, sie sahen im nationalen Sozialismus die Lebensform der Zukunft – begründet auf Raub, Rassenkrieg und Mord.

Auch die Arisierung des Vermögens der vertriebenen und ermordeten Juden leistete einen wesentlichen Beitrag zur Kriegsfinanzierung. Nutznießer waren keineswegs nur Konzernmanager und Bankdirektoren, Parteifunktionäre oder opportunistische Kleinbürger. Der Raubzug wurde als penibel ausgeführter Staatsraub vollzogen. Der Staats- oder Besatzungsapparat liquidierte die jüdischen Vermögenswerte und verkaufte sie an die privaten Erwerber, wenn auch unter Wert. Der Erlös aus dem Verkauf des Vermögens floss direkt in die Kriegskasse. Dabei gab sich Deutschland allergrößte Mühe, die völkerrechtswidrige Enteignung der Juden in den besetzten Ländern so gut es geht zu verschleiern und als innere Angelegenheit des jeweiligen Landes zu tarnen.

Nach der systematischen Enteignung des Finanz- und Betriebsvermögen der europäischen Juden ging es um ihren Wohnraum und persönlichen Besitz. Die Deportation der deutschen Juden begann nicht zuletzt deshalb schon während des Krieges, um mit ihrem Vermögen die unmittelbaren Kriegsfolgen für die Deutschen zu mildern. Bombengeschädigte erhielten Wohnungen deportierter Juden, der Verlust ihrer Habseligkeiten wurde mit Hausrat, Möbel und Kleidung der Vertriebenen und Ermordeten ersetzt. Ob Fabriken oder Häuser, ob Tische, Sessel oder Schränke, ob Schmuck, Uhren, Mäntel Schuhe, Brillen oder Zahngold – der staatliche Raubmord gegen das Vermögen der Juden wurde mit unerbittlicher Gründlichkeit und bürokratischer Perfektion exekutiert.

Wie hoch die Beute aus dem jüdischen Vermögen war, lässt sich nur grob feststellen. Jedenfalls sind Arisierungserlöse in der Größenordnung von 15–20 Milliarden Reichsmark (rund 200 Milliarden Euro) in Form von Geld in die deutsche Kriegskasse geflossen, der Zeitwert des gesamten Sach- und Vermögenswerte ist vermutlich höher.

Der Holocaust bleibt unverstanden, sofern er nicht als der konsequenteste Massenraubmord der modernen Geschichte analysiert wird.

Fest steht, dass nach heutigem Wert rund 170 Milliarden Reichsmark (heute rund 1,7 bis 2 Billionen Euro) an laufenden Kriegseinnahmen aus ausländischen Quellen hereingeholt worden sind, was ungefähr dem Zehnfachen der gesamten Reichseinnahmen des Jahres 1938 entspricht.

Diese Politik der Ausplünderung bildete die Grundlage für das Wohlergehen und die in erster Linie materiell begründete politische Loyalität der Deutschen. Die Einheit zwischen Volk und Führung bezog ihre verhängnisvolle Stabilität nicht hauptsächlich aus einer raffinierten ideologischen Propaganda; vielmehr wurde sie mit den Mitteln des Raubes hergestellt und mit der sozialpolitisch „gerechten“ Umverteilung der Beute zwischen den deutschen Volksgenossen.

Die deutschen Klein- und Durchschnittsverdiener (einschließlich der Familien rd. 60 Mio. Menschen) bezahlten bestenfalls 10 Prozent der laufenden Kriegskosten. Die besserverdienenden Deutschen trugen 20% bei, Ausländer, Zwangsarbeiter und Juden hatten 70% der Last zu tragen.

Auf dem Boden einer solchen doppelten, rassen- wie klassenbewusst organisierten Vorteilsnahme ließen sich die Massen der Deutschen bis weit in die zweite Kriegshälfte hinein bei Laune halten. Die verbrecherische Kehrseite ihres sozial- wie rassenimperialistisch gespeisten und zudem kriegssozialistisch versüßten Wohllebens verdrängten sie dauerhaft.

Zusammengefasst wurden mindestens zwei Drittel der deutschen Kriegseinnahmen aus ausländischen und »fremdrassigen« Ressourcen aufgebracht, das für Deutschland verbleibende Drittel teilte sich extrem unterschiedlich zwischen den Schichten auf.

Ein Drittel der Steuerpflichtigen trugen mehr als zwei Drittel der von deutschen Staatsbürgern aufgebrachten Kriegslasten, während sich die große Mehrheit den kleinen Rest teilte. Stellte man die Kriegslasten gegenüber, die einerseits auf klassische Lohnarbeiter und andererseits auf die Unternehmer entfielen, wäre der Unterschied noch wesentlich deutlicher.

… die durchschnittliche deutsche Arbeiterfamilie (hatte) bis zum 8. Mai 1945 keine direkten Kriegssteuern zu bezahlen …

Im Allgemeinen verfügte die übergroße, damals noch ziemlich knapp bemittelte Mehrheit der Deutschen im Krieg über mehr Geld als in den letzten Friedensjahren.

Wer von den Vorteilen für die Millionen einfacher Deutscher nicht reden will, der sollte vom Nationalsozialismus und vom Holocaust schweigen.

Götz Aly: Hitlers Volksstaat, S. Fischer, Frankfurt, 2005

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