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Computerspiele machen keine Amokläufer

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Ob Ballerspiele oder Pornographie: Verbieten ist keine Lösung. Statt neuer Gesetze brauchen wir mehr Zivilcourage und soziale Aufmerksamkeit.

Darauf kann man sich verlassen: Jedesmal wenn ein Jugendlicher Amok läuft, wird der Ruf nach dem Verbot von gewalttätigen Computerspielen laut. Nach dem Massaker in Winnenden reiht sich auch Malte Lehming in den Chor jener ein, die ein Verbot von Spielen wie Counterstrike für Jugendliche fordern:

„Es ist ein statistischer Zusammenhang, keiner, der auf jedes Individuum zutrifft. Und statistisch betrachtet ist es so: Bei der virtuellen Gewalt lernen Jugendliche, dass Brutalität belohnt wird, etwas Gutes ist. Entsprechend werden Endorphine ausgeschüttet, Glückshormone. Derart konditioniert verhalten sich die späteren Amokläufer bei ihrer Tat. Die Fähigkeit zum Mitleiden wurde ihnen virtuell abtrainiert. Es ist kein Zufall, dass Killerspiele ursprünglich in Militärkreisen entwickelt wurden, um Soldaten emotionsloser, sprich: effektiver, zu machen.“

Selbst wenn es zuträfe, dass man auf der Festplatte eines jeden Amokläufers einen Ego-Shooter fände, begründet eine statistische Korrelation noch lange keine Kausalität. Dass die Anzahl der Störche in Deutschland ebenso zurückgeht wie die Geburtenrate, beweist nicht, dass der Storch die Kinder bringt. Abgesehen davon gibt es von Linz bis Zug genügend Beispiele für Amokläufer, die wohl kaum Computerspiele gespielt haben.

Der zitierte Absatz ist eben keine „statistische Betrachtung“ sondern unterstellt einen Zusammenhang zwischen Spielen und Amoklaufen. Die tatsächliche Statistik führt zu einem ganz anderen Ergebnis: Millionen von Jugendlichen jagen tagtäglich irgendwelche Monster oder killen am Bildschirm jeden Gegner, der sich ihrem virtuellen Alter Ego in den Weg stellt. Trotzdem holen sie sich ihren Tagesbedarf an Glückshormonen beim Schmusen, Fußballspielen oder Schokolade-Essen und kommen nicht auf die Idee, in der Gegend herumzuballern. Genauso wie Millionen an Flugsimulatoren üben, ohne Flugzeuge zu entführen und in Wolkenkratzer zu steuern, oder “Risiko“ spielen ohne in fremde Länder einzufallen. Und eben weil jeder normale Jugendliche und Erwachsene ganz genau zwischen Spiel und Wirklichkeit unterscheiden kann, fordert niemand ein Verbot von Rennsimulationen, weil sie aggressives Verhalten im Straßenverkehr fördern könnten.

„Was spricht für solche Spiele, abgesehen von dem „Kick“? Nichts, rein gar nichts.“, behauptet Lehming. Das mag stimmen, gilt aber auch für Rockkonzerte, Schweinsbraten und Schifahren. Kann alles ungesund ausgehen, macht aber vielen Leuten Spaß.

Ein Computerspiel macht niemanden zum Psychopathen. Amokläufer hat es schon lange vor deren Erfindung gegeben. Bei jedem Vorfall nach strengeren Gesetzen zu rufen, löst nicht das Problem, sondern bedient nur einen populistischen Reflex.

Die einzige Frage, die für die Verhinderung künftiger Amokläufe relevant ist, lässt sich nur schwer beantworten und verlangt dem Einzelnen mehr ab als den Ruf nach Vater Staat: Woran erkennt man, dass jemand Gefahr läuft, sich zu einem gefährlichen Psychopathen zu entwickeln, und wie soll man darauf reagieren?

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