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Szenen aus der Provinz

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Wenn eine Stadt wie Linz „Kulturhauptstadt Europas 2009“ wird, verändert sie sich zwangsläufig. Am politischen Kleingeist ändert das aber nichts. Vom Leben in meiner Heimatstadt.

Der neue Slogan der Stahlstadt an der Donau hat sich noch nicht überall herumgesprochen. Das ist schade, denn „Linz verändert“ ist ausgezeichnet. „In Linz beginnt‘s“ hat ja ohnehin nie gestimmt. Wenn man schon krampfhaft etwas auf „Linz“ reimen muss, dann lieber gleich „Provinz“. Das passt und ist nicht wirklich negativ, eine 200.000 Einwohner Stadt ist nun einmal keine Metropole. Außerdem ist ja eigentlich ganz Österreich Provinz, mit Ausnahme von Wien vielleicht, es reimt sich nur nicht so gut darauf (sorry, liebe Salzburger).

Linz ist jedenfalls Europas Kulturhauptstadt 2009, gemeinsam mit Vilnius. Entsprechend schön hat sich die Stadt herausgeputzt. Auf allen Baustellen wurde im Vorjahr mit Volldampf gearbeitet, um sich heuer in neuem Glanz präsentieren können. Das ist ganz gut gelungen. Zwar bedeutet Glanz in Linz immer auch Pflastersteine, weil man hier eine Vorliebe fürs Zupflastern hat, wo sich auch ein wenig Grün einmal ganz hübsch machen würde. Aber im Großen und Ganzen präsentiert sich die Stadt heuer von ihrer schönsten Seite und zur Halbzeit sind viele Projekte ausgesprochen positiv von der Bevölkerung angenommen worden. Installationen wie Höhenrausch oder das Gelbe Haus werden wir wohl vermissen.

Bleiben werden von 2009 die Wiedereröffnung des umgebauten Ars Electronica Centers und der Neubau des Südflügels des Linzer Schlossmuseums. Beides interessante architektonische Projekte, wenn auch keines ein Wahrzeichen des Kulturhauptstadtjahres wie es das Grazer Kunsthaus ist.

Dabei hätte Linz die einmalige Chance gehabt, mit dem „Theater im Berg“ einen architektonischen Glanzpunkt zu setzen, von dem es städtebaulich und touristisch nachhaltig profitiert hätte. Wie Bilbao vom Guggenheim-Museum. Doch nachdem das Projekt einstimmig beschlossen und mit den Bauvorbereitungen bereits begonnen worden war, scherte die FPÖ aus und initiierte im Jahr 2000 eine Volksbefragung: „Kleiner Mann zahlt große Oper“, tönte es von den Plakaten, die der schmissige Landesrat Hans Achatz damals landauf, landab affichieren ließ. Erwartungsgemäß wollten 60% keine große Oper zahlen und stimmten gegen ein neues Musiktheater. Da eine Volksbefragung rechtlich nicht bindend ist, die Beteiligung nur 50% betrug, und immerhin 200.000 mit „Ja“ gestimmt hatten, hätte man nun einfach weiter bauen können. So wie Bruno Kreisky, den das größte Volksbegehren der 2. Republik völlig kalt gelassen hat. Doch leider hatte die Achse der Feigheit aus schwarzer Landes- und roter Stadtregierung weder die Kraft noch den Willen, das Projekt durchzuziehen.

Auch gut. Es wäre ohnehin billiger, alle Opernbesucher mit dem Taxi nach Wien oder Salzburg zu fahren und ihnen als Draufgabe im Sacher oder beim Goldenen Hirschen ein Abendessen zu spendieren. Das hätte den zusätzlichen Vorteil, dass wir lauter reiche Taxler hätten und nicht so viele alte verdreckte Schrotthaufen herumfahren würden. Andererseits macht die Eröffnung eines Taxistandplatzes natürlich nicht so viel her wie die eines Opernhauses.

Also entschied man sich für eine typisch österreichische Lösung: Eine Oper wird jetzt doch gebaut, halt im Niemandsland zwischen Bahnhof und Landstraßenende und ein wenig fader. Für das Ergebnis dieser Provinzposse werden sich statt hunderttausender Touristen nur ein paar hartgesottene Architekturstudenten interessieren. Dafür wird die Oper am Bahnhof das Doppelte des Theaters im Berg kosten. Das hat der kleine Mann jetzt davon.

Aber zurück zum Thema. Wir wollten ja die Dynamik der frisch gebackenen Kulturhauptstadt loben und nicht alte Geschichten aufwärmen.

Der Prinz hat Linz geküsst. Dornröschen ist aus dem Schlaf erwacht und schön wie nie. Heißt der Prinz etwa „Linz09“, wie die Stadt ihr Kulturhauptstadtjahr nennt? Nein, die Linzer selbst haben sich neu erschaffen, hübsch aufgebrezelt treten sie eine neue Ära an. … Aus dem früheren Stahlrevier an der Donau ist ein kunstsinniges, umweltbewusstes Zentrum geworden, die Luft ist sauberer als in den meisten anderen österreichischen Städten.

Kleine Großstadt mit enormer Lebensqualität und mondänen Einsprengseln. … Linz ist eine lebendige Stadt mit Charakter. Eine Spätzünderin, die die Lust am Schönsein gerade erst entdeckt.

Das stammt nicht von mir. So schwärmt der SPIEGEL von der Stadt, in der ich lebe. Nicht zu unrecht. Seit ich 1980 hierher gekommen bin, hat Linz deutlich an Lebensqualität gewonnen und ist heute eine Stadt, in der man sich wohl fühlen kann. Trotzdem hat sich das 2005 im SPIEGEL noch ganz anders angehört:

Eigentlich geht man nicht nach Linz in die Disco. Eigentlich geht man überhaupt nicht nach Linz. Linz ist der Arsch der Welt: Chemie, Langeweile, Drogen. Womit man wiederum natürlich nach Linz muss, … in die Ghetto-Stadt Österreichs, das Härteste, was Österreich zu bieten hat.

Stimmt schon: Linz verändert!

Lisa Stocker: Der Prinz hat Linz geküsst (pdf)
Wolfgang Höbel: Hart wie Nutella (pdf)

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