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Der unauffällige Amokläufer

8 Kommentare

Die Untersuchung des Amoklaufs von Winnenden ist abgeschlossen. Computerspiele dürften bei den Ursachen wohl kaum eine Rolle gespielt haben. Vielmehr war der junge Massenmörder bei weitem nicht so unauffällig wie ursprünglich berichtet worden ist.

Rückblick: Ein 17-Jähriger erschießt 15 Menschen, verletzt 11 weitere zum Teil schwer, und tötet sich danach selbst. Nach dem Amoklauf von Winnenden ist der wahre Schuldige schnell festgemacht: Killerspiele am PC sollen für das Ausrasten des Schülers verantwortlich sein. Überall wird der Ruf nach Verboten laut.

Nachdem erste Ergebnisse aus dem 16.000 Seiten umfassenden Abschlussbericht der Ermittler an die Presse durchsickern, ist klar, dass der „unauffällige Jugendliche“ vieles gewesen sein mag. Unauffällig jedenfalls mit Sicherheit nicht.

Der 17-Jährige, weder besonders intelligent noch sonderlich beliebt, ist wegen seiner Tötungsphantasien in psychologischer Behandlung. Seiner Betreuerin erzählt er wiederholt von seinen Mordabsichten. Immer wieder kommt das Bedürfnis in ihm hoch zu morden. Er hasse die ganze Menschheit, alles sei schlecht, und er wolle „Menschen erschießen“, gibt er in einem psychologischen Gutachten zu Protokoll.

Die deutlichen Warnungen, die im Nachhinein wie ein Hilfeschrei wirken, helfen nichts. Die Therapeutin und andere Fachleute nehmen die Mordphantasien des Jugendlichen nicht ernst und bescheinigen ihm, keine Gefahr für sein Umfeld zu sein.

Der Junge spielt nicht nur am PC Killerspiele sondern übt sich auch im wirklichen Leben gerne an Waffen. Gemeinsam mit seinem Vater, der zu diesem Zeitpunkt 15 Waffen besitzt, verbringt er seine Freizeit gern am Schießstand und ist stolz darauf, schon schneller als der Vater laden zu können.

Die Munition, mit der er das Massaker anrichtet, kauft er mit seinem Vater sieben Wochen zuvor. Alleine hätte er sie wohl nicht so leicht bekommen. Auch die Waffe, aus der die tödlichen Schüsse abgefeuert werden, stammt aus dem Schlafzimmer des Vaters.

Hier geht es ganz offensichtlich nicht darum, welche Computerspiele der Junge gespielt oder welche Pornos er sich aus dem Internet geladen hat. Es geht um das völlige Versagen der Familie und das dramatische Scheitern der Psychologen und Gutachter. Wussten sie nicht, dass der Vater ihres gewaltbereiten Patienten ein schießwütiger Waffennarr ist, der seinen Sohn im Umgang mit Pistolen trainiert? Wenn sie es wussten, warum haben sie nicht reagiert? Warum lässt man einen Psychopathen Schießübungen veranstalten? Wie kann jemand so verantwortungslos sein, seinen schwer gestörten Sohn mit Waffen und Munition zu versorgen?

Computerspiele machen keine Amokläufer“, hatte ich damals geschrieben. Väter vielleicht schon eher.

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8 thoughts on “Der unauffällige Amokläufer

  1. krass. kaum spricht man drüber passiert der nächste…

  2. An @meteorit und @Admin

    Sie stoßen sich beide am Begriff „Amok“. Ich weiß, dass der Begriff im Laufe der Zeit einen Bedeutungswandel vollzogen hat, habe ihn jedoch in der meines Wissens aktuellen Bedeutung verwendet:

    Laut Definition der Weltgesundheitsorganisation (WHO) versteht man unter Amok eine willkürliche, anscheinend nicht provozierte Episode mörderischen oder erheblich (fremd-)zerstörerischen Verhaltens. Danach Amnesie (Erinnerungslosigkeit) und/oder Erschöpfung. Häufig auch der Umschlag in selbst-zerstörerisches Verhalten, d.h. Verwundung oder Verstümmelung bis zum Suizid (Selbsttötung).

    Die meisten Amok-Ereignisse treten ohne Vorwarnung auf. In einigen Fällen finden sich ausgeprägte Angstzustände oder feindselige Reaktionen.
    (Quelle: Prof. Dr. Volker Faust)

    Warum trifft dieser Begrif auf das Massaker von Winnenden nicht zu?

  3. Der Junge hat alle Warnzeichen gegeben, die er nur geben konnte. Deutlicher konnte er nicht leiden. In seinem Alter, mit so wenig Lebenserfahrung, ist es nachvollziehbar, dass er sein Leben ab einem bestimmten Punkt aus lauter Überforderung nicht mehr im Kopf verarbeiten konnte.

    Ich erinnere mich noch genau an den 11. März und die Tage danach, als es mir richtig schlecht wurde, sobald ich (mal ganz abgesehen von den immensen Eingriffen in die Privatsphäre von Opfern, Tätern & deren Familien) bestimmte Fragen in der Presse lesen, sowie mir bei verschiedenen Gesprächen erzählen lassen musste – was sehr häufig geschah: „Wie kann der sowas nur machen? Wie blöd muss man sein? Kann man so einen Jungen verstehen?“
    Vom ersten Tag an störte mich dieses (geheuchelte?) Unverständnis. Um so angenehmer ist es jetzt, mehr und mehr Fakten zu hören, die eine unmissverständliche Sprache sprechen.

    @meteorit: Ich glaube, dass die Art und der Charakter von Kindern zu einem sehr großen Teil (weit über 80 %) durch den Einfluss der äußeren sozialen Umstände geprägt werden, unter denen sie aufwachsen. Da spielen die Eltern die allerentscheidenste Rolle. Hinzu kommen Milieu, Kindergarten- und Schulfreunde sowie weitere Bezugspersonen.

    Viele Grüße

  4. @Dox:

    Sollte der Junge ein Psychopath gewesen sein, haben die Eltern (trotz ihrer Fehlleistungen) wenig damit zu tun. Ein wirklicher Psychopath wird nicht durch elterliche Fehlleistung „gemacht“, sondern *ist* einfach.

    Am widerlichsten finde ich den Begriff des Amoklaufes für einen Fall von Massenmord, wie das in den Medien so gern geschrieben wird.

    Auch eine Form des Täterschutzes: Durch die Wortwahl suggerieren, er könne nichts für seine Tat.

    • Vorab: Nach der Tat wurde reihum ein umgehendes Verbot von Killerspielen gefordert. Der obige Artikel ist ein Nachtrag zu meiner Replik auf Malte Lehming, der sich damals in diesen Chor eingereiht hatte.

      Ich glaube, dass es viel mehr Menschen gibt, die von solchen Taten phantasieren, als solche, die sie tatsächlich begehen. Dazu braucht es nämlich nicht nur den Schritt von der Phantasie in die Realität sondern auch die Gelegenheit zur Ausführung.

      Und genau hier kommt das soziale Umfeld ins Spiel. Die Therapeuten hatten nicht nur das Bedrohungspotential falsch eingeschätzt, sondern wussten entweder nichts von den Schießübungen ihres Patienten oder haben sie ignoriert. Im Gegenzug hat der Vater entweder nichts von den Mordphantasien seines Sohnes gewusst oder sie ignoriert. In jedem Fall war die Schnittstelle zwischen Familie und Betreuern suboptimal.

      Für einen psychisch gestörten Jugendlichen, der sich wiederholt Mordphantasien hingibt, sind Schießübungen vielleicht nicht gerade der ideale Ausgleichssport. Man geht mit einem Alkoholkranken auf Entzug auch nicht tagelang aufs Oktoberfest. Der Vater (der seine Waffen soviel wir wissen, frei zugänglich verwahrt hatte), hat damit zumindest eine wesentliche Voraussetzung für die Begehung der Tat geschaffen: den Zugang zu Waffen und Munition samt der nötigen Fertigkeit im Umgang damit.

      Die Bezeichung „Amoklauf“ exkulpiert den Täter im allgemeinen Sprachverständnis nicht. Ich möchte hier auch nicht darüber urteilen, wie weit ein psychisch gestörter Mensch für seine Taten im moralischen Sinne selbst verantwortlich ist. Auch wenn „selber schuld“ oft stimmt, hilft es meistens nicht. Tim K. hat die Möglichkeit der Selbstbestimmung jedenfalls ausgeklammert:
      „Es gibt zwei Behauptungen, warum es solche Menschen gibt. Die einen sagen, man wird so geboren, die anderen sagen, man wird so gemacht. Die Wahrheit ist, diejenigen haben es schon von Geburt an in sich, es kommt jedoch nur raus, wenn das Gemachte hinzu kommt.“

  5. Der Beitrag ist insoweit eigentlich gut gelungen. Leider verfällt er dann in unsachliche Polemik und das macht dann alles wieder zunichte. Hinzu kommen Behauptungen, die nachweislich falsch sind, so hat der Täter nicht oft im Schützenverein trainiert.
    Aber was soll´s … Das Thema „Amok“ so grundverkehrt dieser Begriff hier ist, interessiert halt die breite Masse. Und: in Deutschland wird man auch zukünftig für alles und jedes eine behördliche Genehmigung brauchen – nur nicht für das Kinder in die Welt setzen…

  6. Solange in der öffentlichen Meinung Elternrechte wichtiger sind als Elternpflichten, dürfen gestörte Väter oder Mütter ungestraft potentielle Amokläufer aufziehen. Jüngst hier geschehen: scharfe Hunde (nach Aussage der Mutter „wahre Lamperln“) zerfleischen der 3 jährigen Tochter das Gesicht. Die Mutter vertuscht den Vorfall, damit den armen Hunden nix passiert. Die Jugendbehörden entscheiden aus jahrelanger Beobachtung der Erziehungsunfähigkeit der Mutter: das Kind kommt in ein Heim, bis die Erziehungsfähigkeit wieder hergestellt ist. Öffentliche Empörung: aber nicht, weil die Behörden auch nur erwägen, das traumatisierte Kind wieder in diese Hölle zu schicken, sondern weil sie es wagen, das Kind der Familie zu entziehen.

  7. „Computerspiele machen keine Amokläufer“, hatte ich damals geschrieben. Väter vielleicht schon eher.

    Und Mütter!

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