S t a n d p u n k t e

Sittenbild einer Ära

4 Kommentare

Die 70er Jahre. Flower Power, lange Haare, Plateausohlen. Ölkrise, RAF, deutscher Herbst. München, Entebbe, Mogadischu.

In Österreich sind die 70er das Jahrzehnt der Sozialdemokratie. Bruno Kreisky wird zum Sonnenkönig einer Nation, die den Abstieg vom Kaiserreich zum Kleinstaat noch immer nicht ganz verkraftet hat.

Sie sind auch das Jahrzehnt eines schillernden Puppenspielers, an dessen Fäden fast die ganze sozialdemokratische Elite hängt: Udo Proksch, Schweinehirt, Designer, Zuckerbäcker, Waffennarr und Bürgerschreck. Proksch ist klein, übergewichtig und schwitzt. Aber er hat Charisma. Sein glamouröser Macho-Charme zieht vor allem die sozialen Aufsteiger auf der Flucht aus ihren langweiligen Milieus magisch an. Politiker, Beamte, Künstler, Journalisten – der geniale Netzwerker hat sie alle an der Angel. Udo Proksch, der Alleinunterhalter des roten Wien.

1972 übernimmt Proksch die altehrwürdigste aller Konditoreien der an altehrwürdigen Konditoreien nicht gerade armen Stadt, den „Demel“. Da darf sich der damalige Fernsehdirektor Helmut Zilk (früher CSSR-Spion, später Bürgermeister) in einem Dankesbrief zu Recht aufs gratis „Fressen und Saufen“ freuen. Im sagenumwobenen „Club 45“ versorgt Proksch die sozialistischen Parvenüs mit Wein, Weib und Gesang. Photos aus dem Separée des Clubs vertiefen die Freundschaft.

Der begnadete Womanizer hat viele Freunde, aber zuwenig Geld. Also inszeniert er einen gigantischen Versicherungsbetrug: Er deklariert eine Schiffsladung voll Schrott als Uranerzmühle und verkauft sie an eine Scheinfirma. Für den Transport chartert er den Frachter „Lucona“, die Ladung lässt er auf 212 Millionen Schilling (rd. 15,4 Mio. Euro) versichern. Am 23. Jänner 1977 wird die Lucona im Indischen Ozean in die Luft gesprengt und sinkt. Sechs Matrosen sterben.

Die Versicherung weigert sich zu zahlen, früh tauchen erste Verdachtsmomente gegen Proksch auf. Trotzdem kann ihn die verschworene Clique aus dem Club 45 noch mehr als 10 Jahre lang vor der Verfolgung durch die Justiz schützen.

Erst als der Journalist Hans Pretterebner 1987 sein Buch „Der Fall Lucona: Ost-Spionage, Korruption u. Mord im Dunstkreis d. Regierungsspitze” veröffentlicht, kann ein Prozess nicht mehr verhindert werden. Es ist der Stoff, aus dem Spionageromane gemacht sind. Der Lucona Skandal reicht bis in die höchsten Kreise.

Ein Major, der wegsieht, als Proksch den Sprengstoff aus Bundesheerbeständen abzweigt; ein Verteidigungsminister, der Rückendeckung gibt; ein Außenminister, der seine Diplomaten vom rumänischen Geheimdienst Securitate gefälschte Papiere besorgen lässt; ein Innenminister, der seinen Behörden Ermittlungen untersagt; ein Oberstaatsanwalt, der seine Staatsanwälte blockiert; willfährige Gerichtspräsidenten. Die Staatspolizei ermittelt auf Hochtouren – gegen den Buchautor, nicht gegen Proksch. Bruno Kreisky greift zur Verteidigung seines Freundes tief in die antisemitische Trickkiste: „Das Schiff hat sicher der israelische Geheimdienst torpediert“. Freunderlwirtschaft bis zum Amtsmissbrauch. Sittenbild einer Ära.

1988 bringt ein parlamentarischer Untersuchungsausschuss ans Licht, wie tief die Elite der österreichischen Politik im Sumpf aus Korruption und Nepotismus versunken ist. Der grüne Abgeordnete Peter Pilz formuliert im Zusatz zum Mehrheitsbericht des Ausschusses: „Wichtige Teile der Bürokratie waren gemeinsam mit hohen Politikern in einem bisher unbekannten Ausmaß bereit, die Aufklärung eines kriminellen Vorgangs zu behindern und die strafrechtlich Verantwortlichen vor Verfolgung zu schützen. Von den Spitzen der Staatspolizei bis zur Oberstaatsanwaltschaft existierte im Fall Lucona ein dichtes Netz aus Beziehungen.“ Die Presse weiter: »Den Schlusspunkt in dieser Affäre, die die Republik zwar gehörig erschütterte, an der politischen Praxis aber in Wahrheit nichts änderte, setzte der Nationalrat. „Jeder war von jedem abhängig“, rief Peter Pilz ins gelangweilte Plenum, „jeder war jedem dienstbar – der Oberstaatsanwalt dem Minister, der Minister dem Staatspolizisten, der Staatspolizist dem Versicherungsbetrüger.“ Und Helene Partik-Pablé setzte fort: „Die Tatsachen haben das Pretterebner-Buch bei weitem in den Schatten gestellt.“ Applaus der Grünen und der Freiheitlichen. Das war’s dann.«

15 Jahre nach der Sprengung der Lucona wird Proksch 1992 wegen sechsfachen Mordes und sechsfachen Mordversuchs zu lebenslanger Haft verurteilt. Er stirbt 2001 während einer Herztransplantation in der Strafanstalt Graz-Karlau.

Bis heute wird am Mythos Proksch gestrickt. Robert Dornhelm bringt eine Filmdoku über den sechsfachen Mörder ins Kino, die vom ORF mitfinanziert worden ist. Proksch sei „bigger than life“ gewesen, schwadroniert der Regisseur über den egomanischen Soziopathen. Die alten Kameraden stehen immer noch Gewehr bei Fuß. Von Teddy Podgorsky bis Niki Lauda mag keiner glauben, dass Proksch ein Mörder gewesen sei, höchstens ein „Militärtrottel“, ein „innovativer Wahnsinniger“. Erika Pluhar, Prokschs Ex-Frau, tritt im Club 2 zu seiner Verteidigung an. Für sie ist Proksch als Mörder nicht vorstellbar, vielmehr habe Pretterebner Proksch auf dem Gewissen. Proksch habe ein Netz der Macht gesponnen, das ihn am Ende getötet habe. Sie deutet dunkle Verschwörungen an, lobt, dass er wenigstens „nicht fad“ gewesen sei sondern ein „Born der Erfrischung“ und schwärmt von „seinem künstlerischen Leben„. „Das andere“ habe sie nie interessiert.

Mehr als drei Jahrzehnte nach  dem Untergang der Lucona ist der Mörder in aller Munde. Für seine Opfer und deren Angehörige interessiert sich niemand. Wäre ja auch viel zu fad.

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DIE PRESSE über die Lucona Story:
https://eppinger.files.wordpress.com/2010/03/die-presse-e28093-die-lucona-story.pdf

» Artikel drucken (pdf)

4 thoughts on “Sittenbild einer Ära

  1. Pingback: Der faschistische “Freimaurer” und der alte “Gaddafi Freund” « Aron Sperber's Weblog

  2. Kreisky als wienerisch-sozialdemokratische Variante von Helmut Kohl. Da könnte was dran sein …
    Und?

  3. …und wer den Club 2 gesehen hat, konnte von Udos FreundInnen erfahren, dass er eigentlich selbst ja keine „Macht“ hatte und daher das „Opfer“ war – weil hinter der Lucona-Geschichte sowieso die „in Wirklichkeit Mächtigen“ standen.

    http://aron2201sperber.wordpress.com/2010/03/12/udos-spielkameraden/

    Erika Pluhar hatte sich zwar stets geweigert, sich mit den lästigen Fakten des grauslichen Pretterebners auseinanderzusetzen – aber was sind schon kleinliche Fakten gegen große Gefühle und Zusammenhänge…

    • Da ich kein Österreicher bin, sind mir solche Details leider nicht bekannt. Nicht, dass es mich nicht interessieren würde – im Gegenteil. Das mit der Lucona-Geschichte und der Pluhar ist aber für „Nicht-Eingeweihte“ eher verwirrend.

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