S t a n d p u n k t e

Ein Philosoph in Teheran

7 Kommentare

Professor Jürgen Habermas ist einer der bedeutendsten und weltweit meist rezipierten Philosophen und Soziologen der Gegenwart. Nach einer Reise nach Teheran zeigte er sich beeindruckt von der intellektuellen Offenheit seiner Gesprächspartner: Er ortete unter msytischen Moslems eingefleischte Popperianer und schwärmte: „Wenn man mit kleinem geistigen Gepäck von Westen nach Osten  reist, tritt man in die übliche Asymmetrie der Verständigungsverhältnisse, die für uns die Rolle der Barbaren bereit halten: Sie wissen mehr über uns als wir über Sie.“

Alles Schwindel, sagt einer, von dem man annehmen darf, dass er es wissen muss. „Was Ihnen damals in Teheran repräsentiert wurde, ist nichts anderes gewesen als die Gaukelei der iranischen Intelligenz islamischer Art.“, schreibt der Philosoph und vergleichende Religionswisschenschafter Dr. Aramech Dustdar, der von 1971 bis 1980 Professor für europäische Philosophie an der Universität Teheran war. Seit 1981 lebt er in Deutschland im Exil. Dustdar setzt sich sehr kritisch mit der Kultur des Islam auseinander. Er gilt als unbeirrbarer Verfechter der iranischen Aufklärung. Seine Schriften kursieren heute als Raubdruck im Iran, vor allem in Teheran.

Auf S t a n d p u n k t e veröffentlicht Prof. Dustdar einen offenen Brief an Jürgen Habermas:

Offener Brief an Jürgen Habermas
anläßlich seiner Rede in der
New Yorker Cooper University

Köln, den 3. September 2010

Sehr geehrter Herr Professor Habermas,

zweiundzwanzig Jahre nach Michel Foucault sind Sie 2002 nach Teheran gereist, in ein Land, das sich Islamische Republik Iran nennt, und seit ihrem Entstehen vor dreißig Jahren durch unvorstellbare nackte Gewalt und totale Korruption ihre Herrschaft fortsetzt, wobei beide Dimensionen das private wie gesellschaftliche Leben in Tiefe und Breite auch erfasst haben. Foucaults Iran-Erlebnisse und -Geschichte kennen Sie natürlich. Weitaus weniger bekannt ist, dass er nach seiner endgültigen Rückkehr nach Frankreich von Iranern nichts mehr wissen wollte, dass er jede Verbindung zu den Iranern abgebrochen hat, die ihm in Teheran Kontakte mit den Führern der Revolution ermöglicht hatten, seine Ratgeber dabei waren und bei denen er während seiner zweimaligen Aufenthalte als Gast gewohnt hat.

Anders als er, kamen Sie beeindruckt von Ihrer Iran-Reise zurück. Die selbstbewussten und aufgeschlossenen jungen Menschen, vor allem Studenten und Intellektuelle, haben durch ihre Offenheit und ihr Interesse, alle möglichen Themen mit Ihnen zu diskutieren, Sie recht überrascht. Sogar „das Existenzrecht Israels“ gehörte, wie Sie hervorhoben,  zu den Gesprächsthemen, die Sie mit ihnen behandelt haben. Das alles ist für mich als Iraner ohne  weiteres vorstellbar, da wir das Talent besitzen, unser Gegenüber zu beeindrucken, sei es mit geschmeicheltem Verständnis oder vorgetäuschter Selbstsicherheit eines unerschrockenen Gegners. Davon abgesehen sind fanatische Einstellungen der iranischen Gesellschaft vom Mittelstand aufwärts untypisch. …

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7 thoughts on “Ein Philosoph in Teheran

  1. Um eine Stellungnahme zu der Kontroverse, die zwischen Herrn Habermas und Dustdar ausgetragen und mittels Internet veröffentlicht wurde zu ermöglichen, möchte ich versuchen, unter nicht Berücksichtigung der moralischen Beanstandung dieser Reise zunächst ganz generell die Frage beantworten, weshalb erstrangige und hochqualifizierte Wissenschaftler, wenn sie mit der politischen Praxis des Alltags in Berührung kommen, bei Einschätzung derselben ihnen Fehlurteile unterlaufen.
    Ich blende also den moralischen Aspekt von Habermass Reise nach Teheran aus wie sie auch nachträglich von einigen Bloggern verreten wurde und beziehe mich auf die Relation von Theorie und Praxis in Hinblick auf politische Ereignisse.
    Fehleinschätzung seitens Philosophen und Wissenschaftlern sind in der Geschichte des Geistes keine Seltenheit. Schon Platos abenteuerliche Reise nach Sirakuz in Sizilien um sein Demokratieverständnis dem dortigen Herrscher Dion vorzutragen, war zum Scheitern verurteilt. Gravierender wirkt schon bei dem Platokritiker Heidegger das Seinsgeschehen mit der nationalsozialistischen Bewegung in Verbindung zu bringen und aus dem Führerprinzip ein Mythos hervorbringen zu lassen.
    Praxisfern ist auch die Anekdote von Thales Fall in den Brunnen als der Himmelsbeschauer sich den Vorwurf gefallen lassen musste, wie möchte er den Himmel erforschen, da er nicht einmal vor seinen Füssen sicher sein konnte.
    Er fragt sich, ob das sokratische Tugendwissen, das als revolutionäre Ethik traditionelle Verhaltensstandards kritisierte und in Frage stellte, praktisches Verhalten durchdringen konnte, wenn man bedenkt, dass Sokrates wegen Aposthasie verklagt und zu Tode verurteilt wurde.
    Differenziert man durch Gegenüberstellung die zwei veschiedenen Praxisauffassungen, dann sieht man, dass hier mit zwei Massstäben gemessen wird, dass eine Mal mit bewusster Stellungsnahme, das andere Mal befangen in der Alltäglichkeit.
    Man könnte die Ursache dieser Praxisferne, die zur Fehleinschätzung von Situationen, in denen man sich befindet, mit der Naivität der betreffenden Philosophien erklären. Es ist vielmehr die Art der philosophischen Begriffsbildung, die dadurch, dass sie wissenschaftliche Erkenntnis mit normativen und humanen Selbstverständnis verbindet und somit vernünftige Allgemeinheit prinzipiell zur Darstellung bringt von einem gänzlich anderen Praxisbegriff Gebrauch macht als es bei der vordergründigen Anschauung zur Praxis der Fall ist.
    Praxis philosophisch beschrieben bleibt nicht eingeschränkt auf einen Fall von Theorie, der mittels Abstraktion gewonnen wird, sondern Theorie wird selbst als praktisch konzipiert.
    Damit gewinnt Praxis eine viel breitere Spannweite, als es bei der Theorie in begrenzten Fall erfahren ist: Theorie und Praxis als Gegensatzpaar vermittelt durch Dialektik bestätigt das Primat des Praktischen über Theorie.
    Es führte zu weit, wollte ich hier Hegels Negationstheorie beispielhaft anführen, um zu zeigen, wie Theorie als bestimmte Negation sich in Praxis verwandelt und inwiefern Theorie bereits praktische Realisierung miteinschliesst. Mit anderen Worten: Praxis als bewusste Stellungnahme beansprucht eine andere Dimension des Bewusstseins, als wenn Praxis reduktiv aufgefasst wird.
    Das eine Mal bedingt die Realisierung von Praxis materielle Interessen, das andere Mal geht es um die Realisierung von Ideen und Selbstrealisierung.
    Bedenkt man, dass Philosophie Wissenschaftskritik und Integration in einem ist, dann darf es nicht erstaunen, wenn Philosophen mit der Sicht eines Aussenseiters konfrontiert mit sich in Konflikt geraten können und zu Fehlentscheidungen Anlass geben.
    Nun zu Habermass:
    Das Thema Theorie-Praxis beschäftigte Habermass schon in den 60iger Jahren. Viele Stationen in der Entwicklungstheorie hinter sich lassend, entstand der Anspruch sozialphilosophischer Neubegründung. Damit meinte er konzeptuell die normative Struktur von einer entkleideten Subjektivität nun bedingt und neu definiert durch “sprachlich hergestellte Intersubjektivität” für ein verwissenschaftlichten und kritisierbar gewordenen Marx verwenden zu können. Allerdings integrierbar in ein Raster von Produktionkräften und Produktionsverhältnissen und damit Entwicklungslogik “abhängig von der Herausforderung ungelöster ökonomischer Probleme”.
    Inwiefern die Eliminierung der praktischen Subjektivität (Kant) und dennoch integrierbar in ein Konzept mit unter extrem anderen Voraussetzungen gelingt, bleibt von dem Erfolg von Habermass Kommunikationstheorie abhängig.
    Wie immer man zu Habermass theoretischen Bemühungen stehen mag, man kann nicht annehmen, dass er als neutraler Beobachter nach Teheran reiste und folglich wie so oft in der Philosophiegeschichte Fehleinschätzungen verursachte.
    Aber selbst wenn man diesen Interpretationen ablehnend gegenüberstehen sollte, ist es fraglich, ob man Habermass hieraus einen Vorwurf machen könnte, nämlich seine intelektuellen Gesprächspartner als Repräsentanz eines mit extremen Legitimationsproblemen herausgeforderten Regime nicht erkannt zu haben. Reisen von Akademikern in autoritär beherrschte Länder sind auch in der Vergangenheit, z.B. in kommunistische Länder, keine Seltenheit gewesen.
    Andererseits ist es eine bekannte Tatsache, dass eine Machtstruktur, die von der Anwendung jeglicher Unterdrückungsmittel nicht zurückschreckt und durch Ideologisierung religiöser Sinngehalte einen allgemeinen Konsens vorzutäuschen versucht, nur solche Interpretationen kultureller Phänomene duldet, die sinngemäss als Projektion ihrer eigensten politischen Interessen veranschlagt werden können.
    Nimmt man diesbezüglich die Position eines Aussenseiterstandpunktes ein, dann erscheint in der Tat Habermass Reiseunternehmen absurd und kritisierbar.
    Es fragt sich nun, ob die Philosophenthese von dem Verhältnis von Theorie und Praxis und den damit verbundenen Fehleinschätzungen auf Haberamss Reise Anwendung finden kann.
    Bedenkt man, dass es Habermass gewesen ist, der als Soziologe archaische Gesellschaften bis hin zu den Gesellschaften mit universalistischen Weltreligionen und schliesslich den modernen Gesellschaften kritisch durchleuchtet und entwicklungslogisch Wege aus der Lebenswelt aufgezeigt hat, dann fragt es sich, ob man ihn zu den Theoretikern zugehörig anreihen kann, die ein neues Paradigma beanspruchten und damit unvermeidliche Fehlentscheidungen getroffen haben.
    Eignet man sich diese Argumentationsweise nicht an, dann allerdings bleibt zu fragen, mit welcher Rechtfertigung man der Einladung eines zwielichtigen Gebildes, wie das des Dialoges der Kulturen, Folge leisten und jeglicher Kritik enthoben sein konnte.

  2. ja die philosphen.war nicht auch sartre ganz angetan von stalin ?

  3. Erinnert mich alles an den früheren ZEIT-Chef Theo Sommer, der 1989 noch kurz vor der Wende durch die DDR reiste und verdienstvollerweise eine Serie draus machte. Von der „heiteren Gelassenheit“ der DDR-Bürger ist die Rede und der „stillen Verehrung“, die sie dem unvergesslichen Generalsekretär entgegen bringen. Die Welt als Wille und Vorstellung eben. Wir kennen das aus den aktuellen Diskussionen

  4. Pingback: Nach der Wahrheit graben

  5. So richtig! Aber bedarf es so vieler Worte?
    Ich mag des Oxford Philosophen James Wilk’s minimalist-interventions theory. Eine Theorie der winzigen-Antworten.

    In meiner stümperhaften Anwendung: jede gesellschaftliche Organisationsform, die selbstständiges Denken verbietet, führt zu Massengefängnissen und der abwiegelnden Rechtfertigung: wir müssen jetzt noch zu manchen sehr grausam sein, damit wir später alle in einer idealen Gesellschaft leben können.

    (ich bin mir nicht sicher ob das Ritual der „vorgetäuschten Selbstsicherheit und des einschmeichelnden Verständnisses“ eine Monopoleigenschaft der Iranischen Kultur ist?
    Ich denke an die vielen Rechtsradikalen in AT, die in ihren schwülen, bierdunstigen Kellern das Kraftleiberl menschen-verachtender Gewaltideologen anhaben und an der Oberfläche weinerlich um Anerkennung ….)

  6. Sehr interessante Ausführungen, denen auch ich uneingeschränkt zustimme.

    Trennung von Staat und Kirche sind unbedingt aufrecht zu halten.

    Es gilt jedoch zu beachten, dass jede Religion und jede Philosophie, Ideologie-ob bewußt der unbewußt- einen intelektuellen/emotionalen Spiegel der Macht, der Machtverhältnisse darstellt, auf den sich die Führer ihre Kaste und ihre –Gefolgschaft— zur Rechtfertigung ihrer Macht und Privilegien berufen.

    Dem Machtwillen an sich, -der evolutionär/biologischen Ursprunges ist-, glaubt nicht, noch hat er noch sonstige Überzeugungen.

    Ihm ist es „wurscht“ womit er die Völker beherrscht und so —Machtmissbrauch– üben kann.

    Von Christus zu den Päpsten und den Islamisten von Marx zu Stalin und Kim Il Young.

    Es sind immer dieselben Prozesse, der Machtergreifung, der Macht die zum Tode und zur Unterdrückung führen, statt zu Leben, Freiheit und Liebe.

    Auch Karl Popper und seine Ausführungen in „Die Offene Gesellschaft….“ sind nicht frei von der Kritik, die er selbst den anderen Philosophien zukommen ließen.

    Es ist doch Augenfällig, dass das Werk, „Die Offene Gesellschaft …..“, just 1945 entstand, als die Macht neue Ordnungen geschaffen hatte.

    Es gibt und gab politische Philosophen sowie es politische Ökonomen gab und gibt.

    Ins Zentrum der Diskussion muss, was ich immer wieder betone, die Frage nach der Macht, Herkunft, Sinn und Zweck stehen.

  7. Danke Thomas für die Veröffentlichung diesen offenen Brief!

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