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Si tacuisses, philosophus mansisses

21 Kommentare

Der Disput zwischen dem persischen Professor, der den Iran kennt und ihn deswegen verlassen hat, und dem deutschen Professor, der den Iran einmal besucht hat und seither von dessen intellektueller Szene beeindruckt ist, geht in die zweite Runde.

Die Antwort von Professor Habermas an seinen Kollegen Dustdar irritiert: „Ich versuche, mich in Ihre Situation zu versetzen und die Bitterkeit eines Emigrantenschicksals nachzuempfinden.“, heißt es darin gleich zu Beginn von einem, von dem man eigentlich hätte erwarten dürfen, dass er seinen Verstand bemühen würde statt sein Gefühl. „Aus dieser Sicht kann ich ihre Gefühle gegenüber den Kollegen verstehen, die seinerzeit, als sie den Iran verließen, mit anderen politischen Einstellungen – und Hoffnungen – im Land geblieben sind.“, schreibt der einfühlsame Professor weiter.

Hätte er Dustdars Brief nicht nur mitfühlend gelesen sondern auch verstanden, wäre ihm vielleicht aufgefallen, dass es darin nicht um die gekränkten Gefühle eines verbitterten Staatsflüchtlings geht, zu dem Habermas seinen Kollegen freimütig erklärt, sondern um die Taktik der intellektuellen Büttel einer theokratischen Diktatur, mit der diese die nützlichen Idioten im Westen, pardon, ihre aufgeschlossenen dialogbereiten Gesprächspartner, für sich einzunehmen versuchen.

Habermas habe „von dem intellektuellen Klima, das 2002 in Teheran herrschte“ und „dem geistigen Format solcher Kollegen“ einen anderen Eindruck gewonnen als Dustdar, wie er schreibt. Offensichtlich einen positiven. Man fragt sich, was Philosophen von geistigem Format dazu bewegt, sich in den Dienst einer Diktatur zu stellen, in der schon damals Religionswächter Frauen niederknüppelten, denen der Schleier verrutscht ist, in der unkeusche Mädchen und Homosexuelle gehängt und Ehebrecher gesteinigt wurden. Man fragt sich auch, wie intellektuell ein Klima sein kann in einem Land, in dem Angehörige einer missliebigen Religion, der Bahai, nicht einmal studieren dürfen und Regimekritiker im Gefängnis verrotten.

Habermas fragt sich das nicht. Er glaubt auch nicht, dass er sich „in der politischen Beurteilung des gegenwärtigen iranischen Regimes“ von Dustdar unterscheide. Was dann? War der Iran 2002 ein besseres Land als heute? Sind die faschistischen Mullahs von 2002 weniger schrecklich als die heutigen, nur weil jetzt mit Ahmadinejad ein noch gefährlicherer Irrer an der Spitze des Staates steht? Wer das glaubt, hat keinen blassen Schimmer von der iranischen Verfassung. Oder er ist der Ansicht, dass die intellektuelle Elite eines Landes keine Verantwortung für dessen Zustand trüge. Das wiederum wäre für einen deutschen Professor in der Tat nichts Neues.

» Brief an Prof. Habermas (pdf)

21 thoughts on “Si tacuisses, philosophus mansisses

  1. Hallo,
    Weiß jemand wo steht die Habermas‘ Antwort zu Dustdar’s ersten Brief?

    Danke im Voraus!

  2. Mensch greift gerne zum Latein, wenn es mit dem Latein am Ende ist?

    Habermas hat Recht und Dustdar hat Recht.
    Beide haben die flachgedrückte Information ihrer Wahrnehmung und müssen versuchen sie zu invertieren (hoffend, dass ihr Weltbild ausreicht ein halbwegs schlüssiges Modell zu entwickeln – und beide haben gelernt, das besser zu tun, als ich das könnte, weil ich jene neuronalen Muskeln, die sich mit Philosophie beschäftigen, nicht trainiert habe).

    Wir wollen aber, dass unsere Wahrnehmung matcht. Und matcht sie besser mit Dunstdar, dann möchten wir gerne Habermas als Labermonster sehen – das stärkt unsere Position.

    Und ich frage mich naiv, gibt es wirklich nichts zw. Schah und Khomeini? Weg mit mir?!

    • Dustdar, sorry

      • Woher stammt der Eindruck, dass Dustdar nichts dazwischen kennt? Dass man gegen die Mullah Diktatur ist, heißt doch nicht, dass man sich nach dem Schah sehnt.

        • Wie verstehe ich sonst, dass jede Äusserung (im Regime der Mullahs) “ … in Szene gesetzt ist … “ (erster Brief)? (zur Täuschung jener, die mit „kleinem Gepäck von Westen nach Osten …“) und dann konkret

          „Fünfzig Jahre hat es gedauert bis die iranische Gesellschaft durch den Schah, der auch unheilvolle Fehler begangen hat, und seinen Vater, den Gründer des Neuen Iran, an die Zivilisation herangeführt worden war. Dieses Erbe hat die islamische Regierung innerhalb von dreißig Jahren in jeder Hinsicht zugrunde gerichtet: wirtschaftlich, verwaltungsmässig, kulturell, rechtlich und moralisch…. “

          Ich verachte mich selbst, als Wortklauber, aber ….

          • Herr/Frau Herbert,

            ich habe ein Problem mit Ihrem Problem, das nicht zu verstehen ist, wie Sie sich ausdrucken…

            Möchten Sie dabei in die rettende Paradoxie fliehen, die die Tür zur Deutlichkeit für immer und ewig verschließt?

            Dann haben Sie schlechte Karte…

            • Herbert, Vorname, männlich.
              Nein ich möchte keine Eintrittskarte ins Kino-der-Vernichtung.

              Ich möchte Habermas glauben, dass es noch intellektuell untermauertes, demokratisches Potential im Iran gibt und ich möchte Dustdar nicht glauben, dass dieses nur gespielt sei.

              Ja, ich verachte dieser Schreckensregime, aber nicht deren Menschen – pauschal.

  3. Pingback: Knallchargen « abseits vom mainstream – heplev

  4. solange unsere möchtegern-intellektuellen nicht akzeptieren, dass rassismus nicht nur von weissen menschen und faschismus nicht nur von rechten parteien ausgeht, kann man sie kaum zur wissenselite zählen und ist multikulti eine illusion ..

  5. Die so genannten deutschen „Intellektuellen“, insbesondere die sich als fortschrittlich/links bezeichnenden (gibt es eigentlich auch andere?), waren schon immer täterbezogen; das zieht sich durch die gesamte deutsche Historie. Ein Grund unter vielen, warum Aufarbeiten in Deutschland so schwierig ist.

  6. Geistes- und andere Laberwissenschaften abschaffen. Lehrt und lernt lieber etwas vernünftiges – und wenn nicht – dann bitte nicht auf Kosten des Steuerzahlers!

  7. Die deutsche Geisteswissenschaft braucht weniger Habermas und mehr Dustdar.

  8. Danke lieber Thomas!

  9. Habermas: 0
    Dustdar: 2
    (Luhmann: 100; weil er Habermas schon vor Jahrzehnten auseinander genommen hat)

  10. Habermas war schon immer ein akademisch überzüchteter Elfenbeinturmbewohner, man könnte auch sagen, pardon, ein Labermonster.
    Wie viele anderer seiner Zunft und auch viele Politiker und Journalisten dieses Landes, die offensichtlich unter extrem schwerer Realitätsverleugnung leiden, können (oder wollen) sie die Gefährlichkeit der Faschomullahs des iranischen Regimes nicht erkennen/wahrhaben.

    Und in der taz steht in einem Artikel – kein Scherz, jeder kann es selbst überprüfen – die Rede von Integration sei „die Feindin der Demokratie“.

    Gute Nacht, Deutschland.

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