S t a n d p u n k t e

Am Ende siegt der Zweifel

2 Kommentare

Hat der Westen keine Argumente?

von Roger Letsch

Georg Diez befasst sich in SPON mit dem Hass der IS-Terroristen – und findet kreative Erklärungen.

Lieber Herr Diez, geht’s nicht auch eine Spur weniger selbstanklagend? Da gibt der Islamisten-Rekrutierer Hasnain Kazim im Spiegel-Interview von sich: „Wer hat die Welt erobert und versucht, alle fremden Kulturen und Religionen zu unterwerfen? Die Geschichte des Kolonialismus ist lang und blutig. Und sie dauert bis heute an, in Form von Arroganz des Westens gegenüber allen anderen.“ Und Georg Diez von SPON „kann ihm nicht wirklich widersprechen“. Das ist schade, weil es viel zu widersprechen gäbe!

Aber in derlei Dialogen sprechen die Partner des Diskurses nicht auf Augenhöhe. Der eine, Herr Diez, geißelt sich und den Westen für alle Fehler der Vergangenheit. Der andere, Herr Kazim, wähnt sich und die Seinen im Besitz der absoluten Wahrheit und ist der festen Überzeugung, Fehler gar nicht erst begangen zu haben. Man muss kein Prophet sein um zu wissen, wie solche Gespräche enden: sprachlos.

Liebe Islamistenversteher und Abbitteleister: Hättet ihr im Geschichtsunterricht besser aufgepasst, oder würdet ihr nicht bei jeder Konfrontation sofort den Aschebeutel mit der Aufschrift „wir haben auch Fehler gemacht“ hervorholen, wüsstet ihr, dass all eure Vorwürfe genauso auf Römer, Griechen, Goten, Vandalen, Hunnen, Sassaniden, Mongolen, Hethiter, Azteken und – man höre und staune – Tataren, Araber, Seldschuken und Osmanen zutreffen.

Haben denn 200 Jahre Aufklärung nichts genutzt? Glaubt wirklich jemand ernsthaft, dass es Sinn ergibt, in der Diskussion mit Islamisten historische Vergleiche zu bemühen und sich für die blutige Eroberung Jerusalems im Jahr 1099 zu entschuldigen? Dann warte ich auf eine Entschuldigung aus Ulan-Bator für die Plünderung und das Schleifen Bagdads – gewissermaßen auf ein quid pro quo. Ist der historische Kolonialismus des Westens wirklich von Belang dafür, dass sich heute der Islam erhebt? Und wenn ja, was folgt daraus? Sind jetzt für die nächsten 500 Jahre die Islamisten einmal dran mit Kolonialismus? Nun, was das angeht, ist Hasnain Kazim im Spiegel-Interview sehr deutlich, und ich kann ihm für seine Offenheit nur danken.

Lest das Interview, bevor ihr wieder zur Asche greift und versucht, aus jedem Terroranschlag eine Portion Selbstkritik zu pressen. Lest und versteht! So klar drückt man sich in diesen Kreisen selten aus. Verabschiedet euch vom toleranten, barmherzigen Islam, den wir immer dann herbei wünschen, wenn‘s mal wieder etwas intoleranter und unbarmherziger zugeht. Vorbei das friedliche Miteinander der Kulturen, vorbei die Zeit des toleranten Al Andalus. Geht es nach Hasnain Kazim, heißt es heute konvertiere oder stirb. Immerhin darf man sich wenigstens entscheiden.

Hitlers Hetzschrift „Mein Kampf“ war ein viel gedrucktes Buch, erschienen lange vor seiner Machtergreifung. Und es stand alles drin. Hitler hat mit seinen Absichten nicht hinter dem Berg gehalten. Alles, von dem später viele sagten, das haben wir nicht gewusst, konnte man schon 1926 nachlesen. Wie damals hängen heute viele an den Lippen der Demagogen ohne zu begreifen, dass diese wirklich meinen, was sie sagen und schreiben. Wir gut, die böse. Wir unterdrückt, sie unsere Unterdrücker. Wir das Licht, sie das Dunkel. Und Du willst doch auf der Seite des Lichts stehen, oder? Also lies! Wenigstens das Interview mit Herrn Kazim. Und sag später nicht, du hättest nichts gewusst.

Georg Diez postuliert, der Westen behaupte, das historische Recht auf seiner Seite zu haben. Wenn dem so ist – ich frage mich, wo der Westen so etwas behauptet – stellt sich die Frage, wo dann all die Zweifler und Nörgler herkommen, die glauben, der Westen, zu dem sie ja selbst auch gehören, mache sowieso alles falsch. Und dass uns die anderen nur hassen, weil wir voller Fehler seien. Ach, wären wir doch nur alle Engel, und hätten wir in der Vergangenheit nur immer alles richtig gemacht! Lieber Herr Diez, hätten wir dann die moralische Autorität, den islamistischen Hasspredigern, Homophoben und Frauenfeinden mal so richtig die Meinung zu sagen? Ohne dass die Asche aus unseren Haaren rieselt?

Wie komme ich denn eigentlich dazu, mich in eine diffuse Schablone Westen pressen zu lassen und für jeden Missstand aus Gegenwart und Vergangenheit kollektiv in die Verantwortung genommen zu werden? Ich kann gegen den Irak-Krieg von G.W. Bush gewesen sein UND das Vorgehen der IS im Irak abscheulich finden. Ich kann die exzessiven Abhöraktionen der NSA in Deutschland falsch finden UND den deutschen Konvertiten verurteilen, der in Syrien tötet, wen er für ein ungläubiges Schwein hält. Ich kann für Israel Partei ergreifen UND die Siedlungen in palästinensischen Gebieten kritisieren. Warum soll das ein Widerspruch sein?

Der Westen ist ein Konstrukt ideologischer Schwarz-Weiß-Malerei. Angereichert mit jeder Menge Vorurteilen, Lügen, Auslassungen und Verallgemeinerungen. Dieser Westen existiert nur in den Hirnen der Islamisten. Sie haben dieses Konstrukt von den Ideologen des Ostens geerbt, als deren Nachlass nach dem verlorenen Kalten Krieg verteilt worden ist. Ich verwehre mich gegen diesen pauschalen Begriff.

Wenn man Gespräche mit Islamisten in den Medien verfolgt, wird deutlich, dass die mehr oder weniger christliche Sozialisierung der Menschen in diesem Land als argumentative Waffe gegen sie verwendet wird. Am Ende gewinnt, wer die meisten Fehler beim anderen findet; und wer die meisten Fehler auf sich nimmt, verliert. Sind Kreuzzüge, Vietnam-, Afghanistan- und Irakkrieg, amerikanische Basen in Saudi-Arabien und die allgemeine Unterdrückung der Muslime erst einmal durch, fallen die Gegenargumente ziemlich kläglich aus. Niemand kommt auf die Idee, im Gegenzug die blutigen Eroberungen der Muslime aufzuzählen, von Jerusalem, Damaskus, Alexandria, Spanien, Konstantinopel, bis zur Belagerung von Wien.

Ob Muslime tatsächlich in toto benachteiligt werden, wird erst gar nicht hinterfragt. Dabei hindert niemand Muslime, die in Europa, den USA oder Australien leben, an ihrer persönlichen Entwicklung. Sie können studieren, Firmen gründen und ihre Kinder auf gute Schulen schicken. Sie können Moscheen betreiben, fünf Mal am Tag beten, den Bedürftigen spenden und zur Hadsch nach Mekka fahren. Wer sich an die Gesetze des jeweiligen Landes hält, kann all dies ungestört tun. Im Großen und Ganzen sind Muslime im Westen nicht benachteiligter als jede andere Gruppe. Atheisten ist die Karriere im Klerus verwehrt, Männer haben es schwer, Hebamme zu werden und Rockerclubs weigern sich Frauen aufzunehmen. Ja, der Westen ist voller Ungerechtigkeiten. Es kommt halt immer auf den Blickwinkel an.

In den Militärdiktaturen, Gottesstaaten und absolutistischen Monarchien der muslimischen Welt geht es sicher gerechter zu, schon weil dort Muslime über Muslime herrschen. Oft wird eingewendet, dass Länder wie Ägypten, Pakistan, Iran oder Saudi Arabien sich nicht entwickeln können, weil die USA und ihre Handlanger (schönes Wort übrigens) sie auspressen und unterdrücken würden. In Wahrheit werden Ägypten und Pakistan von den USA alimentiert. Und selbst der IS hat kein Problem damit, für amerikanische Dollar amerikanische Waffen zu kaufen. Auch wenn der Iran durch das Embargo beeinträchtigt sein mag, insbesondere in seiner Selbstverwirklichung als Atommacht, könnte doch beispielsweise in Saudi-Arabien längst das Paradies herrschen. Wo die Scharia herrscht, wo es kein Embargo gibt, sondern Geld im Überfluss. Wöchentliche Enthauptungen inklusive.

„Ich will helfen, Allahs Wort das Höchste zu machen“, begründete ein Salafist das Verteilen des Koran in den Straßen von Köln. Das ist sein gutes Recht, denke ich. Schön für ihn, wenn er seinen Gott gefunden hat. Aber sein Gott wird auf mich verzichten müssen. Und ich bin sicher, er wird das verkraften.

Aber, lieber Salafist, was verkraftest denn du? Und was verkraftet dein Glaube? Du predigst einen Islam, der wörtlich genommen werden will und doch bei keiner Herausforderung des modernen Lebens Halt und Hilfe gibt. Der Koran in deiner Hand wurde auf modernen Druckmaschinen des Westens gedruckt. Du brauchst Twitter und Facebook, um dein Weltbild zu verbreiten. Du wirfst dem Westen Intoleranz und Unterdrückung vor – hier in Köln, wo du ungehindert deine intolerante Ideologie verbreiten kannst. Ohne auch nur die geringste Gefahr zu laufen, danach enthauptet zu werden. Wie viele Zeugen Jehovas läuten eigentlich in Riad an der Tür? Deine geistigen Brüder vom IS lehnen die Moderne ebenso ab wie Kunst und Musik – gebrauchen aber die westlichen Medien, um ihre Musik untermalten Kampf- und Enthauptungsvideos zu verbreiten. Sie zerstören Kunstwerke und Altertümer in Syrien und dem Irak oder verkaufen sie am Schwarzmarkt, um Geld für westliche Waffen zu bekommen. Du trägst eine Uhr, die in der Schweiz zusammengebaut wurde. Du reitest nicht auf einem Pferd in den Krieg sondern buchst einen Flug, wenn du dich dem Dschihad anschließen willst – was sagt der Koran eigentlich über die Anschnallpflicht in einer amerikanischen Boeing? Kann es sein, dass du vielleicht die falschen Stellen aus dem Koran wörtlich nimmst? Ganz ehrlich, ich glaube nicht, dass Dich ein Paradies samt ewigem Gang Bang erwartet.

Wenn es eine Essenz der Menschheitsgeschichte gibt, deren Abwesenheit sich stets besonders verheerend ausgewirkt hat, dann ist es der Zweifel. Absolute Sicherheit mündete fast immer in Katastrophen. Zweifel sorgen dafür, das eigene Denken und Handeln ständig zu hinterfragen. Zweifel haben aus der Erdscheibe eine Kugel gemacht. Zweifel haben dafür gesorgt, dass die Vögel den Himmel nicht mehr für sich alleine haben. Zweifel haben die DDR-Grenzer davon abgehalten, auf die Menschen zu schießen, die am 9. November 1989 auf die Mauer stiegen. Zweifel sind dafür verantwortlich, dass es nach drei Schritten vorwärts auch wieder mal zwei Schritte zurück geht, aber sie verhindern auch, dass die Menschheit blind in jede vorstellbare Katastrophe rennt. Der Westen ist voller Zweifel. Der Zweifel ist das Elixier, aus dem sich sein Fortschritt speist.

Der Islamismus kennt solche Zweifel nicht. Auch wenn ihn das gefährlich macht: früher oder später wird er genau daran zugrunde gehen.

2 thoughts on “Am Ende siegt der Zweifel

  1. Dank für den großartigen Artikel! –
    Ideologien können u.U. genauso stark wirken / auswirken wie wirtschaftliche Ungerechtigkeiten. Eine Ideologie nach der das Individuum keinen oder kaum einen Wert hat, nur die Gemeinschaft, keine Zweifel erlaubt sind, in der das Leben von der Geburt an bis zum Tode in a l l e n täglichen Tätigkeiten nach Vorschrift ablaufen muß usw. wie kann in einer solchen Gesellschaft Entwicklung geben? Geistige, wirtschaftliche, gesellschaftliche, wissenschaftliche, künstlerische usw. Entwicklung? Wenn man allem was schief läuft als Ursache den Westen nennt, wo bleibt dann die eigene Verantwortung? Diese Schuldzuschreibung an der der Westen leider eifrig mitschreibt ist entwicklungsverhindernd. Wer sich ausschließlich als Opfer sieht, der entwickelt sich nicht. Das bezieht sich auf Individuen wie Gesellschaften gleichermaßen. –
    Das alles bedeutet natürlich nicht, daß der Westen keine Sauereien begangen hätte. Hat er und tut er, denn jeder schaut zuerst die eigenen – tatsächlichen und/oder vermeintlichen – Interessen. Das bezieht sich aber auf die andere Seite auch.
    lg
    caruso

  2. Warum so eine große Anziehungskraft vorhanden ist, hat Adam Smith (Vater der Nationalökonomie http://www.zeit.de/1993/01/eigenliebe-tut-gut ) schon vor 200 Jahren begründet. Er schrieb:

    »Kaufleute sind immer daran interessiert, den Markt zu erweitern und den Wettbewerb einzuschränken. Eine Erweiterung des Marktes mag häufig genug auch im öffentlichen Interesse liegen, doch muss die Beschränkung der Konkurrenz ihm stets schaden […], da […] die Geschäftsleute ihren eigenen Gewinn über die natürliche Spanne hinaus erhöhen und gleichsam ihren Mitbürgern eine absurde Steuer zu ihrem eigenen Vorteil auferlegen. Jedem Vorschlag zu einem neuen Gesetz, […] der von ihnen kommt, sollte man immer mit großer Vorsicht begegnen. Man sollte ihn auch niemals übernehmen, ohne ihn vorher gründlich und sorgfältig, ja sogar misstrauisch und argwöhnisch geprüft zu haben, denn er stammt von einer Gruppe von Menschen, deren Interesse niemals dem öffentlichen Wohl genau entspricht und die in der Regel vielmehr daran interessiert sind, die Allgemeinheit zu täuschen, ja, sogar zu missbrauchen. Beides hat sie auch tatsächlich bei vielen Gelegenheiten erfahren müssen.«

    Heute schreiben diejenigen die Gesetze, vor denen Adam Smith gewarnt hat – siehe Lobbyplag.

    Und die daraus folgende Ungerechtigkeit stört eben viele – und einige ziehen daraus unliebsame Konsequenzen. Sie hoffen auf größere Gerechtigkeit – und ein Teil kehrt desillusioniert zurück.

    Und die internationalen Tatsachen hat Senegals Bauernpräsident Samba Gueye auf den Punkt gebracht: »Wir haben Erdnüsse exportiert, das wurde uns kaputtgemacht. Wir exportierten Fisch, der wurde uns weggefangen. Nun exportieren wir eben Menschen.«

    MfG

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