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Brexit – Das Ergebnis im Detail

Ein Kommentar

„Die Alten haben den Jungen ihre Zukunft gestohlen“, ist nach dem Breit-Referendum überall zu lesen. Ein Blick auf die Details macht klar, dass das nicht stimmt. Vielmehr zeigt sich, dass einfache Volksabstimmungen den „Willen des Volkes“ nur unzureichend abbilden.

Unter Berücksichtigung der Wahlbeteiligung gibt es in keiner Altersgruppe eine absolute Mehrheit der Briten für den Austritt aus der Europäischen Union:

Altergruppe / Wahlbeteiligung / abgegebene „Leave“-Stimmen“ / Anteil der „Leave“-Stimmen“ an der Gesamtbevölkerung

18-24             36%    27%     9,72%
25-34             58%    38%    22,04%
35-44             72%    48%    34,56%
45-54             75%    56%    42,00%
55-64             81%    57%     46,17%
65+                 83%    60%    49,80%
total               72%    52%    37,44%

Von 100.000 Briten haben also insgesamt 37.400 für den Austritt aus der EU gestimmt haben; von jenen im Alter von 18 bis 24 nur 9.720; von 100.000 Briten über 65 immerhin 49.800.

Gleichzeitig haben in keiner Altersgruppe weniger Briten für den Verbleib in der EU gestimmt als unter den 18-24-Jährigen:

Altergruppe / Wahlbeteiligung / abgegebene „Remain“-Stimmen“ / Anteil der „Remain“-Stimmen“ an der Gesamtbevölkerung

18-24             36%    73%    26,28%
25-34             58%    62%    35,96%
35-44             72%    52%    37,44%
45-54             75%    44%    33,00%
55-64             81%    43%     34,83%
65+                 83%    40%    33,20%
total               72%    48%    34,56%

Von 100.000 Briten im Alter von 18 bis 24 haben also nur 26.280 für den Verbleib in der EU gestimmt, von 100.000 Briten über 65 immerhin noch 33.200.

Wären die jüngeren Briten also tatsächlich mehrheitlich für den Verbleib in der Union gewesen, hätten sie nur am Referendum teilnehmen müssen. Wer ein Rockkonzert der wichtigsten politischen Entscheidung seiner Generation vorzieht, nimmt sich seine Zukunft selbst.

Wobei offen ist, welche Rolle das Alter bei der Abstimmung überhaupt gespielt hat. Die Tabellen lassen nämlich noch eine andere, ganz natürliche Interpretation zu: Je größer die Unzufriedenheit mit dem Status Quo, desto größer ist die Bereitschaft, sie zu artikulieren. Die Zufriedenen bleiben eher zuhause als die Unzufriedenen. Jede Reklamationsabteilung eines Unternehmens kann das bestätigen. Niemand ruft an, um einem zu sagen, wie toll der neue Fernseher ist.

Großbritannien gehört zu den ältesten, stabilsten und wehrhaftesten Demokratien der Welt. Es braucht weder Hilfe bei der Interpretation der Abstimmung noch einen Rat für den Umgang mit dem Ergebnis. Die Analyse zeigt aber, dass das Referendum für die britische Regierung aus gutem Grund nicht bindend ist. Nur 37% der Briten haben für den Brexit gestimmt, davon sehr viel mehr ältere als jüngere. Welche Entscheidung Parlament und Regierung daraus ableiten, ob sie das als ausreichende demokratische Legitimation für eine Austrittserklärung an die EU erachten, werden die nächsten Wochen zeigen.

Bevor man also nach einer möglichst harten, schnellen Trennung ruft oder jede Idee, die dabei helfen kann, den zwangsweisen Brexit zu verhindern, von vornherein als Missachtung des Volkswillens geißelt, sollte man den Briten Zeit geben, das Ergebnis des Referendums zu verarbeiten.

Keep calm and carry on.

One thought on “Brexit – Das Ergebnis im Detail

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