S t a n d p u n k t e


Ein Kommentar

Wolf Biermann:

Ballade zur Beachtung der Begleitumstände beim Tode von Despoten, aus welcher man ersehen kann, wie man nicht nur die Despoten, sondern auch deren Lakaien auf einfache und doch wirkungsvolle Weise gleich miterledigen kann.

Wenn endlich ein Despot
Erschlagen ist und tot
Dann muss man auch sofort
Sofort am selben Ort
Mit Nadel und mit Faden
Sein Arschloch fest verschnürn
Vernähen und verriegeln
Verklammern und heiß bügeln
Verrammeln ganz und gar
Vernieten und verlöten
Schön luft- und wasserdicht
Damit die ganze Schar
Damit all die Laka’in
Die krochen da hinein
– für ewig drinnen bleiben!

Dann nimmt man schnell den toten
Versiegelten Despoten
Und legt ihn tief ins Grab
Und obenauf mehr Steine
Als damals Jesus seine
Damit nicht auferstehn
Die Heuchler und die Kriecher
Die mit dem Schnüffelriecher
Die Sesselfurzer! Laffen!
Die Bonzen und die Pfaffen!
Die Spitzel und die Henker!
Die Dichter auch und Denker
Die mit dem Heilgenschein
Gekrochen tief hinein
– ins ungeheure Arschloch

Es war in alten Zeiten
Ein viel geübter Brauch
Dass man den hohen Herrn
Ins reich verzierte Grab
Auch Diener, Frau’n und Hunde
Lebendig mit rein gab
– wir wolln in diesem Falle
die Tradition nicht schmähn:
Es solln auch mit den Herren
die Knecht’ zugrunde gehn!


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Diese lästigen Juden

von CHARLES KRAUTHAMMER

Am 04.06.2010 erschien in der Washington Post der folgende Kommentar des Pulitzer-Preisträgers Charles Krauthammer, den  S t a n d p u n k t e  ins Deutsche übertragen hat.

Die Welt ist außer sich über Israels Blockade von Gaza. Die Türkei brandmarkt deren Unrechtmäßigkeit, Unmenschlichkeit, Barbarei, etc. Die üblichen Verdächtigen in den UN, aus Europa und der Dritten Welt stimmen ein. Die Obama Administration zaudert.

Aber, wie Leslie Gelb, der frühere Präsident des Rates für Auswärtige Beziehungen, schreibt, die Blockade ist nicht nur völlig vernünftig, sie ist auch völlig legal. Gaza hat sich unter der Hamas selbst zum Feind Israels erklärt – eine Erklärung, die durch mehr als 4.000 auf israelisches Wohngebiet abgefeuerte Raketen bekräftigt worden ist. Obwohl sie sich selbst der unaufhörlichen Kriegslust verschworen hat, beansprucht die Hamas die Opferrolle für sich, wenn Israel eine Blockade verhängt, um die Hamas daran zu hindern, sich mit noch mehr Raketen zu bewaffnen.

Im Zweiten Weltkrieg haben die Vereinigten Staaten – in vollem Einklang mit dem internationalen Recht – eine Blockade über Deutschland und Japan verhängt. Und während der Raketenkrise im Oktober 1962 blockierten wir Kuba (bzw. haben es „unter Quarantäne“ gestellt). Waffen tragende russische Schiffe haben Kuba angesteuert und machten kehrt, weil die Sowjets wussten, dass die U.S. Navy sie entweder entern oder versenken würde. Dennoch wird Israel für dasselbe, das John F. Kennedy getan hat, internationaler Verbrechen beschuldigt: eine Seeblockade zu verhängen, um eine feindliche Regierung daran zu hindern, in den Besitz tödlicher Waffen zu gelangen.

Oh, aber waren nicht die Gaza-Schiffe auf einer humanitären Hilfsmission? Nein. Sonst hätten sie Israels Angebot angenommen, die Güter in einen israelischen Hafen zu bringen, sie auf militärisches Material zu untersuchen und den Rest über Israel nach Gaza zu verladen – so wie jede Woche 10.000 Tonnen Lebensmittel, Medikamente und andere humanitäre Hilfsgüter von Israel nach Gaza geliefert werden.

Warum wurde das Angebot zurückgewiesen? Weil es der Flottille, wie die Organisatorin Greta Berlin zugegeben hat, nicht um humanitäre Hilfe ging sondern darum, die Blockade zu brechen – d.h. Israels Inspektionshoheit zu beenden, was unbegrenzten Seetransport nach Gaza und damit die unbegrenzte Bewaffnung der Hamas bedeuten würde.

Israel hat schon zweimal Schiffe abgefangen, die mit für Hisbollah und Gaza bestimmten Waffen aus dem Iran beladen waren. Welches Land würde das erlauben?

Aber was noch wichtiger ist, warum musste Israel überhaupt auf eine Blockade zurückgreifen? Weil die Blockade Israels letzte Zuflucht ist, nachdem die Welt systematisch seine traditionellen Abwehrstrategien delegitimiert hat – die Vorwärtsverteidigung und die aktive Verteidigung.

1.) Vorwärtsverteidigung („forward defense“): Als kleines, dicht bevölkertes Land, das von Feinden umgeben ist, hat Israel während seines ersten halben Jahrhunderts die Strategie der Vorwärtsverteidigung verfolgt – Kriege lieber auf feindlichem Territorium zu führen (wie Sinai und Golan) als auf seinem eigenen.

Wo immer es möglich war (zum Beispiel Sinai), hat Israel Land für Frieden eingetauscht. Doch wo die Friedensangebote abgeschlagen wurden, behielt sich Israel das Land als schützende Pufferzone. Folglich behielt Israel  einen schmalen Streifen vom südlichen Libanon, um die Dörfer in Norden Israels zu schützen. Und es nahm lieber hohe Verluste in Gaza in Kauf, als die israelischen Grenzstädte den palästinensischen Terrorangriffen auszusetzen. Es ist derselbe Grund, aus dem Amerika einen aufreibenden Krieg in Afghanistan führt: Du bekämpfst sie dort, damit du sie nicht hier bekämpfen musst.

Aber unter überwältigendem Druck von außen gab Israel das auf. Den Israelis wurde gesagt, die Besatzungen wären nicht nur illegal sondern auch die Wurzel der anti-israelischen Aufstände – und indem die Ursache dann beseitigt wäre, würde der Rückzug Frieden bringen.

Land für Frieden. Erinnern Sie sich? Nun, während der letzten Dekade gab Israel das Land – hat Süd-Libanon 2000 und Gaza 2005 verlassen. Was hat es bekommen? Eine Intensivierung der Kampfhandlungen, eine schwere Militarisierung auf Seiten des Feindes, vielfache Kidnappings, Grenzüberfälle und, aus Gaza, Jahre unablässiger Raketenangriffe.

2.) Aktive Verteidigung: Danach musste Israel zur aktiven Verteidigung wechseln – Kampfmaßnahmen, um die terroristischen Zwergstaaten im Südlibanon und Gaza, die sich nach Israels Rückzug wieder bewaffnet hatten, zu zerreißen, zu zerlegen und zu besiegen (um sich Präsident Obamas Beschreibung unseres Feldzugs gegen die Taliban und Al-Kaida auszuborgen).

Das Ergebnis? Der Libanon Krieg 2006 und die Gaza Operation 2008/09. Sie wurden mit einer neuerlichen Lawine von Schmähungen und Verleumdungen quittiert – von derselben internationalen Gemeinschaft, die zuvor Israels Land-für-Frieden Rückzüge gefordert hatte. Schlimmer, der UN Goldstone Report, der im Grunde genommen Israels Verteidigungsaktion in Gaza kriminalisiert und den Casus Belli weißgewaschen hat – den vorhergegangen grundlosen Raketenkrieg der Hamas – hat praktisch jede aktive israelische Verteidigung gegen seine selbst ernannten terroristischen Feinde delegitimiert.

3.) Passive Verteidigung: Ohne Vorwärts- und aktive Verteidigung bleibt Israel nur mehr die passivste und mildeste aller Verteidigungsstrategien übrig – eine Blockade, um schlichtweg die Wiederbewaffnung des Feindes zu verhindern. Und dennoch, eben in diesem Augenblick, steuert auch dies auf die internationale Delegitimierung zu. Sogar die Vereinigten Staaten bewegen sich mittlerweile in die Richtung, sie aufheben zu wollen.

Aber, wenn nichts davon zulässig ist, was bleibt dann übrig?

Ah, das ist der Punkt. Das ist der Punkt den sie alle verstanden haben, die Blockade brechende Flottille nützlicher Idioten und Terrorsympathisanten, die türkische Organisation an der Spitze, die sie gegründet hat, der automatische Chor der anti-israelischen Dritten Welt und der Vereinten Nationen, und die gleichgültigen Europäer, die schon ziemlich genug haben vom Judenproblem.

Was übrig bleibt? Nichts. Der genaue Punkt dieser unablässigen internationalen Kampagne ist es, Israel des Rechts jeglicher legitimen Form der Selbstverteidigung zu berauben. Weshalb sich, gerade erst letzte Woche, auch die Obama Administration in die Reihe der Schakale eingeordnet und vier Dekaden US-Praxis aufgehoben hat, indem sie eine gemeinsame Erklärung mit unterzeichnet hat, die Israels Besitz von Nuklearwaffen herausgreift – solchermaßen Israels absolut letzte Verteidigungslinie delegitimierend: Abschreckung.

Die Welt ist dieser ärgerlichen Juden müde, 6 Millionen – wieder diese Zahl – nahe am Mittelmeer, jede Einladung zum nationalen Selbstmord ablehnend. Dafür werden sie unablässig dämonisiert, isoliert und davon abgehalten sich zu verteidigen, sogar während die stärker engagierten Anti-Zionisten – im Besonderen der Iran – offen eine endgültigere Lösung, eine Endlösung, vorbereiten.

Englische Originalfassung (Washington Post, 04.06.2010)

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The Three Little Pigs

Wer dich fressen will, ist dein Feind.
Wer dir zu Hilfe eilt, ist deswegen aber noch lange nicht dein Freund.

The animal I really dig,
Above all others is the pig.
Pigs are noble. Pigs are clever,
Pigs are courteous. However,
Now and then, to break this rule,
One meets a pig who is a fool.
What, for example, would you say,
If strolling through the woods one day,
Right there in front of you you saw
A pig who’d built his house of STRAW?
The Wolf who saw it licked his lips,
And said, „That pig has had his chips.“

„Little pig, little pig, let me come in!“
„No, no, by the hairs on my chinny-chin-chin!“
„Then I’ll huff and I’ll puff and I’ll blow your house in!“

The little pig began to pray,
But Wolfie blew his house away.
He shouted, „Bacon, pork and ham!
Oh, what a lucky Wolf I am!“
And though he ate the pig quite fast,
He carefully kept the tail till last.
Wolf wandered on, a trifle bloated.
Surprise, surprise, for soon he noted
Another little house for pigs,
And this one had been built of TWIGS!

„Little pig, little pig, let me come in!“
„No, no, by the hairs on my chinny-chin-chin!“
„Then I’ll huff and I’ll puff and I’ll blow your house in!“

The Wolf said, „Okay, here we go!“
He then began to blow and blow.
The little pig began to squeal.
He cried, „Oh Wolf, you’ve had one meal!
Why can’t we talk and make a deal?
The Wolf replied, „Not on your nelly!“
And soon the pig was in his belly.

„Two juicy little pigs!“ Wolf cried,
„But still I’m not quite satisfied!
I know how full my tummy’s bulging,
But oh, how I adore indulging.“
So creeping quietly as a mouse,
The Wolf approached another house,
A house which also had inside
A little piggy trying to hide.

„You’ll not get me!“ the Piggy cried.
„I’ll blow you down!“ the Wolf replied.
„You’ll need,“ Pig said, „a lot of puff,
And I don’t think you’ve got enough.“
Wolf huffed and puffed and blew and blew.
The house stayed up as good as new.
„If I can’t blow it down,“ Wolf said,
I’ll have to blow it up instead.
I’ll come back in the dead of night
And blow it up with dynamite!“
Pig cried, „You brute! I might have known!“
Then, picking up the telephone,
He dialed as quickly as he could
The number of red Riding Hood.

„Hello,“ she said. „Who’s speaking? Who?
Oh, hello, Piggy, how d’you do?“
Pig cried, „I need your help, Miss Hood!
Oh help me, please! D’you think you could?“
„I’ll try of course,“ Miss Hood replied.
„What’s on your mind…?“ „A Wolf!“ Pig cried.
„I know you’ve dealt with wolves before,
And now I’ve got one at my door!“

„My darling Pig,“ she said, „my sweet,
That’s something really up my street.
I’ve just begun to wash my hair.
But when it’s dry, I’ll be right there.“

A short while later, through the wood,
Came striding brave Miss Riding Hood.
The Wolf stood there, his eyes ablaze,
And yellowish, like mayonnaise.
His teeth were sharp, his gums were raw,
And spit was dripping from his jaw.
Once more the maiden’s eyelid flickers.
She draws the pistol from her knickers.
Once more she hits the vital spot,
And kills him with a single shot.
Pig, peeping through the window, stood
And yelled, „Well done, Miss Riding Hood!“

Ah, Piglet, you must never trust
Young ladies from the upper crust.
For now, Miss Riding Hood, one notes,
Not only has two wolfskin coats,
But when she goes from place to place,
She has a PIGSKIN TRAVELING CASE.

Roald Dahl

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Worauf es ankommt

The fundamentalist believes that we believe in nothing. In his worldview, he has his absolute certainties, while we are sunk in sybaritic indulgences. To prove him wrong, we must first know that he is wrong. We must agree on what matters: kissing in public places, bacon sandwiches, disagreement, cutting-edge fashion, literature, generosity, water, a more equitable distribution of the world’s resources, movies, music, freedom of thought, beauty, love. These will be our weapons. Not by making war but by the unafraid way we choose to live shall we defeat them.

Salman Rushdie


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Die Temelín Lüge

In einem eindringlichen, sehr persönlichen und auch wissenschaftlich fundierten Essay analysiert Pavel Kohut den irrationalen, von nationalistischen Motiven getriebenen Widerstand gegen das tschechische Atomkraftwerk in Südböhmen und mahnt zur Vernunft.

Zu der immerwährenden Neutralität gesellte sich als zweite heilige Kuh Österreichs der fortwährende Kampf gegen die Atomernergie. …
Der Kampf gegen Temelín führt zu einer Art Kriegsrecht. Je länger er andauert, desto weniger werden Argumente zugelassen, die diesen Krieg abzuschwächen drohen.

Essay von Pavel Kohout lesen (pdf-Scan) »

In der ZEIT findet Anton Pelinka klare Worte über die „Narretei ob der Enns“.

Es gibt gute und vor allem sehr ehrenhafte Gründe, Atomkraftwerke generell zu bekämpfen. Es gibt aber überhaupt keine guten und schon gar keine ehrenhaften Gründe, speziell gegen das Kraftwerk im südböhmischen Temelín Sturm zu laufen.

Man stelle sich vor: Österreich würde von der französischen Republik verlangen, regelmäßig bei der Regierung in Wien Rechenschaft über den Sicherheitsstatus der französischen Kernkraftwerke abzulegen. Man stelle sich vor: Atomgegner blockierten in regelmäßiger Unregelmäßigkeit die österreichisch-deutsche Grenze, um etwa gegen den betagten Siedewasserreaktor Isar I in Niederbayern zu protestieren. Davon ist natürlich keine Rede. Oberösterreichische Schulklassen sind immer nur an die tschechische Grenze transportiert worden, um Österreichs Sendung in Europa demonstrativ Ausdruck zu verleihen.

… Das ist eine für jeden betroffenen Staat unerträgliche Arroganz: Österreich maßt sich an, besser als die hoffentlich doch auch um die Sicherheit ihrer Bürgerinnen und Bürger besorgten tschechischen Behörden zu wissen, welche Standards ein tschechisches Kraftwerk zu erfüllen hat. Und die Medien spielen mit: Was da ständig an »Störfällen« aus Temelín gemeldet wird, mag der Stärkung der österreichischen »Antiatomreligion« (Kohout) dienen. Wie aber steht es mit analogen »Störfällen« in den übrigen europäischen Atomkraftwerken? Halbwegs vernunftbegabte Laien können davon ausgehen, dass die Störanfälligkeit in Südböhmen nicht grundsätzlich größer ist als jene in Schweden, Großbritannien oder Ungarn. Aber der ORF und die österreichischen Printmedien berichten aufgeregt über jeden »Störfall« aus Südböhmen. Für Störfälle bei anderen Atomkraftwerken ist man nicht zuständig.

Auf österreichischer Seite findet in Sachen Temelín ein Schulterschluss von fundamentalistischer Antiatompolitik mit all jenen statt, die das Thema für ihre xenophobe und antieuropäische Agenda zu nützen versuchen. Unter einer grünen Tarnfarbe findet sich rasch das bekannte Ensemble von Vorurteilen und Aggressionen. …

Warum haben die Behörden immer wieder Anti- Temelín-Grenzblockaden hingenommen? Wäre nicht die Straße vor der tschechischen Botschaft in Wien ein wesentlich passenderer Ort für Proteste und Demonstrationen? (pdf)

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Die Singularität des Holocaust

Die Einzigartigkeit des Holocaust bestand nicht im Entschluss der Nazis, die in Deutschland lebenden Juden umzubringen und darüber hinaus die im benachbarten Polen. Auch andere Genozide, wie etwa der durch die Kambodschaner und der durch die Türken, versuchten bestimmte Gebiete von so genannten Unerwünschten zu befreien, indem man diese tötete.

Die völlige Singularität des Holocaust bestand vielmehr in dem Plan der Nazis, alle Juden weltweit in Todeslagern zu ”versammeln” und der ”jüdischen Rasse” für immer ein Ende zu bereiten. Das war fast erfolgreich. Die Nazis sperrten Zehntausende von Juden ein (darunter Säuglinge, Frauen und ältere Menschen), die aus den entlegensten Ecken der Welt kamen – von der Insel Rhodos, aus Thessaloniki und aus anderen unbedeutenden Orten –, um sie in Auschwitz und anderen Todeslagern zu vergasen. …

Niemals zuvor oder danach in der Weltgeschichte hat ein tyrannisches Regime danach gestrebt, alle Mitglieder einer bestimmten rassischen, religiösen, ethnischen oder kulturellen Gruppe zu ermorden, gleich, wo diese leben – bis heute nicht.

Alan M. Dershowitz, Lizas Welt