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Legenden vom bösen Atom

Die hunderttausende Strahlentoten durch die Spätfolgen von Hiroshima oder Tschernobyl hat es nie gegeben. In Hiroshima und Nagasaki starben bislang 777 Menschen an den Spätfolgen der Verstrahlung, in Tschernobyl 47 (diese Zahl könnte in den nächsten Jahren allerdings noch auf 4.000 ansteigen). Matthias Schulz im SPIEGEL:

Deutsche Forscher untersuchen in Sibirien eine berüchtigte Atomfabrik aus Sowjetzeiten. Die nukleare Verseuchung, so ihr Befund, wurde überschätzt. Starben auch an den Spätfolgen der Superkatastrophen von Hiroshima und Tschernobyl weit weniger Menschen als gedacht?

Eine ganze Generation hat in Westdeutschland ihr moralisches und politisches Selbstverständnis aus dem Abwehrkampf gegen ionisierende Strahlung entwickelt, im „AKW – nee“, in den Wasserschlachten von Brokdorf oder den Sitzblockaden gegen die Castor-Behälter. Das Atom war das Böse an sich.

Vorgeprägt wurde derlei Grundverständnis nicht zuletzt durch den militärischen Einsatz der Nuklearbomben in Japan während des Zweiten Weltkriegs. Am 6. August 1945 hatte ein US-Flugzeug den Sprengkörper „Little Boy“ über Hiroshima ausgeklinkt. In 600 Meter Höhe, direkt über der Stadtmitte, zündete die Elektronik.

Am Boden immer noch über 3000 Grad heiß, fegte der Feuerball die komplette Innenstadt weg. 140 000 Menschen starben. Drei Tage später, beim Abwurf einer zweiten Atombombe in Nagasaki, gab es 70 000 Opfer. Als dann 1986 der zivile Reaktor von Tschernobyl barst, war eine begriffliche Klammer schnell gefunden. Auch in der Ukraine vollzog sich irgendwie ein „nuklearer Völkermord“. Also musste was getan werden. …

15 Jahre nach dem Reaktorunfall zog etwa das Magazin „Focus“ Bilanz und kam auf „500 000“ Tote. War all das nur Untergangsfolklore? Außer Zweifel steht, dass bei dem Unglück in der Ukraine weite Landstriche belastet wurden. An den Spätfolgen könnten in den kommenden Jahrzehnten bis zu 4000 Aufräumarbeiter und Bewohner der höher kontaminierten Gebiete sterben.

Die sechsstelligen Todesziffern, mit denen die Gegner einst hantierten, sind dagegen Unsinn. Sie stützten sich zumeist nur auf vage „Hochrechnungen“, die sich vom Hörensagen auf russische Dissidenten beriefen. So kam eine Kette des Meinens in Gang, die sich bis heute ins kollektive Bewusstsein der Nation eingebrannt hat. (pdf)

Matthias Schulz, DER SPIEGEL

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Ein Kommentar

Die Temelín Lüge

In einem eindringlichen, sehr persönlichen und auch wissenschaftlich fundierten Essay analysiert Pavel Kohut den irrationalen, von nationalistischen Motiven getriebenen Widerstand gegen das tschechische Atomkraftwerk in Südböhmen und mahnt zur Vernunft.

Zu der immerwährenden Neutralität gesellte sich als zweite heilige Kuh Österreichs der fortwährende Kampf gegen die Atomernergie. …
Der Kampf gegen Temelín führt zu einer Art Kriegsrecht. Je länger er andauert, desto weniger werden Argumente zugelassen, die diesen Krieg abzuschwächen drohen.

Essay von Pavel Kohout lesen (pdf-Scan) »

In der ZEIT findet Anton Pelinka klare Worte über die „Narretei ob der Enns“.

Es gibt gute und vor allem sehr ehrenhafte Gründe, Atomkraftwerke generell zu bekämpfen. Es gibt aber überhaupt keine guten und schon gar keine ehrenhaften Gründe, speziell gegen das Kraftwerk im südböhmischen Temelín Sturm zu laufen.

Man stelle sich vor: Österreich würde von der französischen Republik verlangen, regelmäßig bei der Regierung in Wien Rechenschaft über den Sicherheitsstatus der französischen Kernkraftwerke abzulegen. Man stelle sich vor: Atomgegner blockierten in regelmäßiger Unregelmäßigkeit die österreichisch-deutsche Grenze, um etwa gegen den betagten Siedewasserreaktor Isar I in Niederbayern zu protestieren. Davon ist natürlich keine Rede. Oberösterreichische Schulklassen sind immer nur an die tschechische Grenze transportiert worden, um Österreichs Sendung in Europa demonstrativ Ausdruck zu verleihen.

… Das ist eine für jeden betroffenen Staat unerträgliche Arroganz: Österreich maßt sich an, besser als die hoffentlich doch auch um die Sicherheit ihrer Bürgerinnen und Bürger besorgten tschechischen Behörden zu wissen, welche Standards ein tschechisches Kraftwerk zu erfüllen hat. Und die Medien spielen mit: Was da ständig an »Störfällen« aus Temelín gemeldet wird, mag der Stärkung der österreichischen »Antiatomreligion« (Kohout) dienen. Wie aber steht es mit analogen »Störfällen« in den übrigen europäischen Atomkraftwerken? Halbwegs vernunftbegabte Laien können davon ausgehen, dass die Störanfälligkeit in Südböhmen nicht grundsätzlich größer ist als jene in Schweden, Großbritannien oder Ungarn. Aber der ORF und die österreichischen Printmedien berichten aufgeregt über jeden »Störfall« aus Südböhmen. Für Störfälle bei anderen Atomkraftwerken ist man nicht zuständig.

Auf österreichischer Seite findet in Sachen Temelín ein Schulterschluss von fundamentalistischer Antiatompolitik mit all jenen statt, die das Thema für ihre xenophobe und antieuropäische Agenda zu nützen versuchen. Unter einer grünen Tarnfarbe findet sich rasch das bekannte Ensemble von Vorurteilen und Aggressionen. …

Warum haben die Behörden immer wieder Anti- Temelín-Grenzblockaden hingenommen? Wäre nicht die Straße vor der tschechischen Botschaft in Wien ein wesentlich passenderer Ort für Proteste und Demonstrationen? (pdf)

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