S t a n d p u n k t e


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ÜBERSIEDLUNG

Liebe verbliebenen Freundinnen und Freunde dieses Blogs!

In den letzten Jahren sind hier kaum mehr Beiträge veröffentlicht worden. Aus Zeitgründen zum einen; weil sich meine publizistischen Aktivitäten zu Facebook verlagert haben, zum anderen. Mit dem heutigen Tag ist dieser Blog offiziell, was er schon lange war: ein Textarchiv, in dem man mehr oder weniger gelungene vergangene Werke nachschlagen kann.

Heute habe ich ein neues publizistisches Projekt gestartet: Gemeinsam mit anderen Autoren werde ich ab sofort auf regelmäßig auf www.schlaglichter.at veröffentlichen.

Wir werden uns deutlich vernehmbar in den öffentlichen Diskurs einbringen. Subjektiv, aber auf der Basis von Fakten. Mit Überzeugung, aber ohne Schaum vorm Mund. Mit Reportagen und Alltagsgeschichten, weil vor der Ansicht die Einsicht kommt.

Ich versprechen Ihnen, dass Sie sich nicht langweilen werden.

Bleiben Sie mir gewogen.

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Neulich im Kasperltheater

Eines Tages hörten die Kinder auf, über den Kasperl zu lachen. Sie fanden seine Witze schal, und die Geschichten, die er ihnen erzählte, kannten sie alle schon. Der Kasperl war alt geworden. Die rote Zipfelmütze hing traurig über sein müdes Gesicht. Nur das Kreischen der Kinder, wenn das Krokodil an ihn heranschlich, ließ noch etwas Leben in ihm aufblitzen. Den Kindern gefiel das Krokodil, weil es viel jünger und stärker war und seine Haut so schön im Rampenlicht schillerte. Dass es braune Zähne hatte und aus dem Maul stank, fiel nur den Kindern in der ersten Reihe auf. Die Kinder liebten den Nervenkitzel, wenn das Krokodil sich daran machte, den Kasperl zu fressen und im letzten Moment von ihm verjagt wurde.
Der Kasperl war dem Krokodil dankbar. Ohne Krokodil wäre kaum mehr wer ins Theater gegangen und für wen hätte er dann den Kasperl spielen sollen? Das Krokodil wiederum brauchte den Kasperl genauso wie der Kasperl das Krokodil. Es wollte ihn nicht fressen, denn dann wäre es ja allein auf der Bühne gestanden und hätte selbst den Kasperl spielen müssen. Kein Krokodil, das etwas auf sich hält, möchte einen Kasperl spielen. Da war es besser, sich einmal am Tag ein bisschen vermöbeln zu lassen, umso mehr als der Kasperl ja die übrige Zeit gut für sein Krokodil sorgte. Und so tat das Krokodil, als würde es den Kasperl fressen, und der Kasperl tat, als würde er das Krokodil verjagen. Tagaus, tagein.
Bis eines schönen Abends, der Grund dafür ist nicht mehr überliefert, die Kinder nicht kreischten, als das Krokodil auf die Bühne schlich. Vielleicht waren sie des Schauspiels müde geworden, vielleicht wollten sie den alten Kasperl einfach nicht mehr sehen, vielleicht waren sie auch nur neugierig, was passieren würde. Wir wissen es nicht.
Und so kam es, dass der alte, müde Kasperl wie von selbst ins offene Krokodilmaul stolperte. Und das Krokodil biss zu, weil es ein Krokodil war. Denn Zubeißen liegt nun einmal in der Natur eines Krokodils. So hat an diesem denkwürdigen Abend zur beiderseitigen Verwunderung das Krokodil den Kasperl aufgefressen.
Verdutzt von dem, was eben geschehen war, und vielleicht sogar ein wenig zornig über die Kinder, die dieses Mal nicht wie erwartet mitgespielt hatten, reckte das Krokodil seinen Kopf empor. Es riss das Maul weit auf, sodass man seine braunen Zähne bis in die letzte Reihe sehen konnte. Und als es gar fürchterlich rülpste, weil ihm der Kasperl schwer im Magen lag, stank es entsetzlich im ganzen Theater.
Da bekamen es die Kinder nun doch ein wenig mit der Angst zu tun. Sie fragten sich auf einmal, ob, wer den Kasperl frisst und so furchtbar stinkt, wenn er das Maul aufreißt, nicht eines Tages vielleicht auch kleine Kinder fressen würde. Und so rannten sie alle miteinander auf die Bühne, packten das Krokodil am Schwanz und schleuderten es tief in den Bühnengraben, sodass sein Kopf zerschmetterte.
Als die Kinder das tote Krokodil mit dem toten Kasperl im Bauch am Boden liegen sahen, mussten sie plötzlich lachen. Sie fühlten sich auf einmal sonderbar leicht und unbeschwert, als sie selber auf der Bühne standen, ohne Kasperl und ohne Krokodil. Also lachten und tanzten sie, dass es eine Freude war. Und wenn sie nicht gestorben sind, tanzen sie noch heute.


Ein Kommentar

Wolf Biermann:

Ballade zur Beachtung der Begleitumstände beim Tode von Despoten, aus welcher man ersehen kann, wie man nicht nur die Despoten, sondern auch deren Lakaien auf einfache und doch wirkungsvolle Weise gleich miterledigen kann.

Wenn endlich ein Despot
Erschlagen ist und tot
Dann muss man auch sofort
Sofort am selben Ort
Mit Nadel und mit Faden
Sein Arschloch fest verschnürn
Vernähen und verriegeln
Verklammern und heiß bügeln
Verrammeln ganz und gar
Vernieten und verlöten
Schön luft- und wasserdicht
Damit die ganze Schar
Damit all die Laka’in
Die krochen da hinein
– für ewig drinnen bleiben!

Dann nimmt man schnell den toten
Versiegelten Despoten
Und legt ihn tief ins Grab
Und obenauf mehr Steine
Als damals Jesus seine
Damit nicht auferstehn
Die Heuchler und die Kriecher
Die mit dem Schnüffelriecher
Die Sesselfurzer! Laffen!
Die Bonzen und die Pfaffen!
Die Spitzel und die Henker!
Die Dichter auch und Denker
Die mit dem Heilgenschein
Gekrochen tief hinein
– ins ungeheure Arschloch

Es war in alten Zeiten
Ein viel geübter Brauch
Dass man den hohen Herrn
Ins reich verzierte Grab
Auch Diener, Frau’n und Hunde
Lebendig mit rein gab
– wir wolln in diesem Falle
die Tradition nicht schmähn:
Es solln auch mit den Herren
die Knecht’ zugrunde gehn!